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Quarks & Co
Sendung vom 23. Januar 2007
Das rechte Wort zur rechten Zeit
Die eigene
Muttersprache lernen alle Menschen nebenbei
– und zwar spielend: Babys hören einfach ganz genau zu,
schauen ganz genau hin und machen dann, angefangen bei den Lauten
über die Wörter und die Grammatik bis zu ganzen
Sätzen, alles genau nach. Beim Lernen der Muttersprache ist
jeder Mensch perfekt. Manche Forscher gehen sogar davon aus, dass
jedes gesunde Baby, unabhängig von Intelligenz und Umfeld,
jede Sprache der Welt als Muttersprache lernen kann. Und viele
Menschen wachsen sogar zweisprachig auf – sie lernen von
Geburt an zwei Sprachen kennen, die sie später akzentfrei und
fließend sprechen. Weniger entspannt und unkompliziert geht
es im Gehirn bei neuen Sprachen zu: Sie zu lernen kostet viel Zeit
und Mühe. Und das Ergebnis ist meistens wesentlich schlechter
als bei der Muttersprache: Man spricht mit einem mehr oder weniger
starken Akzent, sucht immer wieder stotternd nach dem treffenden
Ausdruck, und die Grammatik der neuen Sprache lässt sehr zu
wünschen übrig. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich
in dem Zeitpunkt, also wann genau man die zweite Sprache lernt: Ab
einem bestimmten Alter speichert das Gehirn Sprachen, die zur
Muttersprache dazu kommen, nur noch als Fremdsprachen ab.
Wie das passiert und worin der Unterschied genau besteht, ist noch nicht erforscht. Bisher weiß man nur, dass das Gehirn wesentlich mehr arbeiten muss, wenn es mit einer Fremdsprache beschäftigt ist, als wenn es sich mit der Muttersprache auseinandersetzt. Und während die Wissenschaft früher davon ausging, dass Kinder bis zum Alter von zehn Jahren weitere Sprachen noch optimal lernen, zeigen neuere Studien, dass sich das Zeitfenster wahrscheinlich schon zwischen drei und fünf Jahren schließt. Bis zu welchem Alter Kinder mit wenig Mühe eine Sprache wirklich noch als zweite Muttersprache lernen können, und wann diese besondere Fähigkeit abnimmt, beschäftigt auch Sprachforscher in Hamburg. Dort beobachten Linguisten seit Sommer 2005 Kinder, die einen französischen Kindergarten besuchen. Die Kinder sprechen Deutsch als Muttersprache, doch im Alter von drei Jahren werden sie im Kindergarten zum ersten Mal mit Französisch konfrontiert. Die Forscher filmen die Kleinen bei ihren Versuchen, sich in der neuen Sprache zu verständigen und überprüfen ihre Grammatik auf Fehler. Dabei haben sie es auf ganz bestimmte Fehlertypen abgesehen – Patzer, die die Kinder in ihrer Muttersprache nicht machen würden.
Denn Fehler macht jeder, der eine Sprache lernt – ganz egal, wie alt oder intelligent der Mensch ist, und ganz gleich, wie die zu lernenden Sprache strukturiert ist. Trotzdem gibt es unterschiedliche Arten von Ausrutschern – zum Beispiel solche, die fast jedes Kind macht, wenn es seine Muttersprache lernt. Dazu gehören die so genannten Übergeneralisierungsfehler: Das Kind hat eine Regel erkannt, etwa, das viele Verben wie das Verb "spielen" gebildet werden: spielen, spielte, gespielt. Diese Regel überträgt es jetzt auch auf andere Verben und erfindet Formen wie: "ich esste" statt "ich aß", oder: "ich singte" statt: "ich sang".
Dagegen gibt es Fehler, die Menschen nur in einer Fremdsprache machen. Ein typischer Fremdsprachenfehler ist zum Beispiel die fehlende Anpassung des Verbs: Fremdsprachler greifen oft einfach auf die Grundform des Wortes zurück und bilden etwa Sätze wie "Du gehen geradeaus". Dieser Fehlertyp kommt bei Kleinkindern, die ihre Muttersprache lernen, fast nie vor. Doch genau solche Ausrutscher finden die Sprachwissenschaftler bei den Kindern im französischen Kindergarten. Statt der angepassten Verbform "je cherche", deutsch "ich suche" benutzen einige Kinder häufig die Grundform "je chercher", also "ich suchen". Außerdem ist den Forscher aufgefallen, dass die Kinder häufiger als Muttersprachler falsche Artikel benutzen und Kombinationen wie "le maman - der Mama" oder "la papa – die Papa" verwenden. Die genauen Ergebnisse der Studie müssen allerdings noch ausgewertet werden.
Obwohl die Studie noch nicht beendet ist, gehen die Hamburger Wissenschaftler davon aus, dass sie auf die kritische Phase des Spracherwerbs gestoßen sind: Wahrscheinlich entscheidet sich schon zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr, wie gut man eine Sprache später beherrscht und wie viel Kraft es das Gehirn kostet, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Jede Sprache, die man vor diesem kritischen Zeitpunkt lernt und vor allem auch nutzt hat, hat gute Aussichten, die Qualität der Muttersprache zu erhalten. Doch jede Sprache, die später dazu kommt, kostet das Gehirn eine Extraportion Kraft.
Anna Planken
Stand: 23.01.2007
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