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Quarks & Co
Sendung vom 23. Januar 2007
Lernen im Alter: Alles ist möglich!
Bis vor etwa zehn Jahren galt es in der Hirnforschung als unumstößliche Gewissheit, dass das Gehirn nach der Pubertät nur noch abbaut und nicht mehr wachsen kann. Was durch Alter oder Krankheit an grauer Hirnsubstanz verschwindet, ist unwiderruflich verloren, glaubte man. Doch seit Mitte der 1990er Jahre müssen Ärzte und Wissenschaftler umdenken – nicht zuletzt durch neue bildgebende Verfahren in den Neurowissenschaften. Berühmt geworden ist vor allem eine 1997 publizierte Studie an Londoner Taxifahren. Sie belegte, dass bei ihnen der hintere Teil des Hippokampus stark vergrößert war – einer Hirnregion, die unter anderem für das räumliche Orientierungsvermögen zuständig ist. Auch bei anderen hochspezialisierten Berufsgruppen wie Musikern und Schachspielern zeigte sich, dass bei ihnen bestimmte Areale des Hirns deutlich vergrößert waren. Doch waren sie nun Taxifahrer, Schachspieler oder Musiker geworden, weil ihre Hirne anders sind als bei anderen? Oder hatten sich die graue Masse wegen ihrer Tätigkeit und der langjährigen Übung so entwickelt?
Eine Studie der Universitäten in Regensburg und Jena unter
der Leitung von Arne May sollte diese Frage endgültig
klären. Drei Monate jonglierten junge Erwachsene
(Durchschnittsalter 22 Jahre) mindestens eine Minute täglich
mit drei Bällen. Die Jonglier-Neulinge sollten die Bälle
mindestens 60 Sekunden in der Luft halten – eine enorme
Herausforderung für visuelle Wahrnehmung, räumliches
Vorstellungsvermögen und Reaktions- und
Koordinationsfähigkeit. Dreimal wurden die Hirne der Probanden
im Kernspin-Tomografen untersucht: vor dem Training, nach
dreimonatigem Üben, und dann wieder nach einer dreimonatigen
Übungspause. Nach drei Monaten Training waren zwei Hirnareale
der Amateur-Jongleure deutlich vergrößert – vor
allem in solchen Bereichen, die für das
visuelle Erfassen von Bewegungsabläufen
zuständig sind. Dagegen waren diese Areale nach der
Trainingspause wieder auf ihr altes Maß geschrumpft.
Dass sich auch bei Erwachsenen das Hirn durch Lernen noch
anatomisch verändern kann, war damit bewiesen - eine
wissenschaftliche Sensation: Erstmals war das jahrzehntealte Dogma
von der Unveränderlichkeit des erwachsenen Gehirns widerlegt.
Nun wollten die Forscher wissen, ob die grauen Zellen in jedem
Alter nachwachsen - macht es einen Unterschied, ob die
Versuchspersonen 22 oder 62 Jahre alt sind? Eine Folgestudie am
Institut für Systemische Neurowissenschaften am
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wiederholt das
Experiment im Winter 2006 mit einer älteren Gruppe. 40
Probanden ab Mitte 50 unterziehen sich hier dem Jonglier-Training.
Noch ist die Studie nicht abgeschlossen, aber erste Ergebnisse
liegen vor - und sie sind spektakulär: Selbst 60jährige
Jonglier-Novizen können die Kunst mit den drei Bällen in
drei Monaten erlernen. Zwar deutlich langsamer und nicht ganz so
gut wie die Zwanzigjährigen aus dem Regensburger Versuch. Die
schafften es doppelt so häufig wie ihre älteren Kollegen,
die Bälle eine Minute in der Luft zu halten. Dafür
scheinen die ersten Analysen in Hamburg aber zu bestätigen,
dass auch bei Älteren das Gehirn tatsächlich noch
wächst! Mit anderen Worten: Auch bei ihnen vermehrt sich die
graue Substanz. Beim körperlichen Training werden die Gehirne
der Senioren in den entsprechenden Bereichen größer.
Allerdings wissen die Forscher nicht, was da genau wächst
– es könnte die Zahl der
Hirnzellen selbst oder die Anzahl der
Verbindungen zwischen den Zellen sein. Die derzeit gängigen
Untersuchungsverfahren können das nicht unterscheiden.
Eines zeigt die Jonglier-Studie schon jetzt: Auch das Gehirn eines Erwachsenen ist nicht ab irgendeinem Zeitpunkt unveränderlich, sondern formbar. Für die Forscher heißt das in letzter Konsequenz: Jeder ist für sein Hirn selbst verantwortlich - jeder ist, was er aus seinem Hirn macht. Dr. Arne May vergleicht denn auch das Gehirn mit einem Muskel, der trainiert werden muss, wenn er nicht verkümmern soll, und zwar bis ins hohe Alter: "Die Konsequenz unser Studien ist, dass wir eigentlich lebenslang lernen müssen. Wenn wir das nicht tun, wird das Gehirn abnehmen, und letztlich ist das nicht gesund für uns. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das auch für den 60jährigen und für den 80jährigen gilt."
Jakob Kneser
Stand: 23.01.2007