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Lernen im Alter: Alles ist möglich!

Graue Zellen wachsen auch bei Senioren nach

  • SendeterminDienstag, 23. Januar 2007, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 27. Januar 2007, 10.15 - 11.00 Uhr (Wdh.).

Dogma der Hirnforschung wankt

Foto: 3D-Gehirn Musiker; Rechte: WDR
Musiker haben nicht nur ein besseres Gehör, sondern auch andere Hirnstrukturen als Normalsterbliche

Bis vor etwa zehn Jahren galt es in der Hirnforschung als unumstößliche Gewissheit, dass das Gehirn nach der Pubertät nur noch abbaut und nicht mehr wachsen kann. Was durch Alter oder Krankheit an grauer Hirnsubstanz verschwindet, ist unwiderruflich verloren, glaubte man. Doch seit Mitte der 1990er Jahre müssen Ärzte und Wissenschaftler umdenken – nicht zuletzt durch neue bildgebende Verfahren in den Neurowissenschaften. Berühmt geworden ist vor allem eine 1997 publizierte Studie an Londoner Taxifahren. Sie belegte, dass bei ihnen der hintere Teil des Hippokampus stark vergrößert war – einer Hirnregion, die unter anderem für das räumliche Orientierungsvermögen zuständig ist. Auch bei anderen hochspezialisierten Berufsgruppen wie Musikern und Schachspielern zeigte sich, dass bei ihnen bestimmte Areale des Hirns deutlich vergrößert waren. Doch waren sie nun Taxifahrer, Schachspieler oder Musiker geworden, weil ihre Hirne anders sind als bei anderen? Oder hatten sich die graue Masse wegen ihrer Tätigkeit und der langjährigen Übung so entwickelt?

Jonglieren: Hochleistungssport für's Gehirn

Foto: MRT-Bilder Jonglierstudie; junge Frau nah beim Jonglieren,
Bälle unscharf; Rechte: WDR
Jonglieren trainiert das Gehirn – und eine Übungspause lässt es auch wieder schrumpfen

Eine Studie der Universitäten in Regensburg und Jena unter der Leitung von Arne May sollte diese Frage endgültig klären. Drei Monate jonglierten junge Erwachsene (Durchschnittsalter 22 Jahre) mindestens eine Minute täglich mit drei Bällen. Die Jonglier-Neulinge sollten die Bälle mindestens 60 Sekunden in der Luft halten – eine enorme Herausforderung für visuelle Wahrnehmung, räumliches Vorstellungsvermögen und Reaktions- und Koordinationsfähigkeit. Dreimal wurden die Hirne der Probanden im Kernspin-Tomografen untersucht: vor dem Training, nach dreimonatigem Üben, und dann wieder nach einer dreimonatigen Übungspause. Nach drei Monaten Training waren zwei Hirnareale der Amateur-Jongleure deutlich vergrößert – vor allem in solchen Bereichen, die für das Stichwortvisuelle Erfassen von Bewegungsabläufen zuständig sind. Dagegen waren diese Areale nach der Trainingspause wieder auf ihr altes Maß geschrumpft.

Neue Hirnzellen für ergraute Köpfe

Foto: MRT-Bild von Monitor abgefilmt; Rechte: WDR
Auch im Alter scheint das Gehirn neue Zellen bilden zu können – darauf deuten die ersten Ergebnisse der Untersuchungen hin

Dass sich auch bei Erwachsenen das Hirn durch Lernen noch anatomisch verändern kann, war damit bewiesen - eine wissenschaftliche Sensation: Erstmals war das jahrzehntealte Dogma von der Unveränderlichkeit des erwachsenen Gehirns widerlegt. Nun wollten die Forscher wissen, ob die grauen Zellen in jedem Alter nachwachsen - macht es einen Unterschied, ob die Versuchspersonen 22 oder 62 Jahre alt sind? Eine Folgestudie am Institut für Systemische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wiederholt das Experiment im Winter 2006 mit einer älteren Gruppe. 40 Probanden ab Mitte 50 unterziehen sich hier dem Jonglier-Training. Noch ist die Studie nicht abgeschlossen, aber erste Ergebnisse liegen vor - und sie sind spektakulär: Selbst 60jährige Jonglier-Novizen können die Kunst mit den drei Bällen in drei Monaten erlernen. Zwar deutlich langsamer und nicht ganz so gut wie die Zwanzigjährigen aus dem Regensburger Versuch. Die schafften es doppelt so häufig wie ihre älteren Kollegen, die Bälle eine Minute in der Luft zu halten. Dafür scheinen die ersten Analysen in Hamburg aber zu bestätigen, dass auch bei Älteren das Gehirn tatsächlich noch wächst! Mit anderen Worten: Auch bei ihnen vermehrt sich die graue Substanz. Beim körperlichen Training werden die Gehirne der Senioren in den entsprechenden Bereichen größer. Allerdings wissen die Forscher nicht, was da genau wächst – es könnte die Zahl der StichwortHirnzellen selbst oder die Anzahl der Verbindungen zwischen den Zellen sein. Die derzeit gängigen Untersuchungsverfahren können das nicht unterscheiden.

Lernen: Bodybuilding fürs Gehirn

Foto: Arne May vor Monitor; Rechte: WDR
Neurowissenschaftler Arne May: Lebenslanges Lernen ist Pflicht

Eines zeigt die Jonglier-Studie schon jetzt: Auch das Gehirn eines Erwachsenen ist nicht ab irgendeinem Zeitpunkt unveränderlich, sondern formbar. Für die Forscher heißt das in letzter Konsequenz: Jeder ist für sein Hirn selbst verantwortlich - jeder ist, was er aus seinem Hirn macht. Dr. Arne May vergleicht denn auch das Gehirn mit einem Muskel, der trainiert werden muss, wenn er nicht verkümmern soll, und zwar bis ins hohe Alter: "Die Konsequenz unser Studien ist, dass wir eigentlich lebenslang lernen müssen. Wenn wir das nicht tun, wird das Gehirn abnehmen, und letztlich ist das nicht gesund für uns. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das auch für den 60jährigen und für den 80jährigen gilt."

Stichwörter

1 visuelle Erfassen von Bewegungsabläufen
Beim Jonglieren muss man Hände und Bälle gut im Blick haben, um seine Bewegungen mit den fliegenden Bällen koordinieren. Zuständig für das Sehen von dreidimensionalen Objekten im Raum sind vor allem Hirnareale, die in der Sehrinde und in einer Furche des Scheitellappens (Lobus parietalis) sitzen, fachlich ausgedrückt: im mittleren Temporal-Areal (hMT/V5) und im intra-parietalen Sulcus. Vor allem in diesen hinteren Hirnarealen wuchsen bei den Probanden der Jonglier-Studie neue Zellen. Zurück zum Absatz
2 Hirnzellen
Zelltypen im Gehirn
Das menschliche Gehirn enthält nach neueren Schätzungen bis zu 1000 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die durch Axone (Neuriten) uind Dendriten miteinander verbunden sind. Noch häufiger kommen Gliazellen (glia, gr.: Leim, Klebstoff) vor, etwa neunmal so oft. Sie umhüllen Teile der Nervenzellen von außen. Lange Zeit hat man ihre Bedeutung ausschließlich als Stütz- und Versorgungsstruktur des Gehirns gesehen, vermutlich beeinflussen sie aber die Signalübertragung an Synapsen. Zurück zum Absatz
:

Jakob Kneser

Stand: 23.01.2007


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