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Quarks & Co
Sendung vom 13. März 2007
Glückliche Schweine - glückliche Bauern?
Wenn Christoph Leiders um 7 Uhr morgens mit dem Futterwagen in den Schweinestall kommt, setzt ein ohrenbetäubender Lärm ein. Seine Schweine wollen ihr Fressen und geben das lautstark zum Ausdruck. Mit ruhigen Bewegungen verteilt der Bauer das Trockenfutter in die Tröge. Dabei betrachtet er seine Tiere sehr aufmerksam, er will wissen, ob es ihnen auch gut geht. Man spürt es: Dieser Mann liebt seinen Beruf und sorgt sich um seine Tiere. Leiders' Hof liegt in Willich-Anrath am Niederrhein. Er hat ihn von den Eltern übernommen, anfangs noch als ganz konventionellen Betrieb. Doch die rasante Entwicklung in der Schweinehaltung gefiel ihm nicht: "Die Bestände wurden immer größer, schon in den 80er Jahren bis zu 12.000 Schweinen. Das wollten wir dann irgendwann nicht mehr mitmachen."
Massenzucht: Enge, Eintönigkeit, Kannibalismus Christoph Leiders hörte von der Öko-Tierhaltung und war davon so überzeugt, dass er den Betrieb 1997 komplett auf Bio umstellte – was einige Unterschiede mit sich brachte: Bei der herkömmlichen Massentierhaltung werden den Schweinen zum Beispiel die Ringelschwänze abgeschnitten. Denn in der Enge und Eintönigkeit der Massenzucht sehen die Tiere irgendwann nichts anderes mehr als den sich bewegenden Schwanz des Nachbarn, werden aggressiv und beißen ihn ab. Für Christoph Leiders ist das eines der schlimmsten Zeichen für nicht artgerechte Haltung. Und er ist stolz darauf, dass es bei ihm anders läuft: "Wir haben überhaupt keine Probleme mit Kannibalismus, weil die Tiere einfach genug Platz haben. Die haben genügend Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, können im Stroh wühlen und in den Auslauf gehen." Wie alle Bioschweine behalten die Tiere auf Lüders Hof ihre Schwänze.
Glückliche Schweine, die Platz zum Wühlen haben, können sich aber auch leichter mit Krankheitserregern und Parasiten infizieren. Für einen Biobauern sind deshalb Spulwürmer ein großes Problem. Sie verteilen sich über den Kot auf dem Boden und werden von den Schweinen beim Wühlen aufgenommen. Im Körper setzen sie sich in der Leber fest und machen diese für Menschen ungenießbar. Damit es nicht dazu kommt, muss der Bauer den Auslauf ständig sauber halten – und hat damit viel mehr Arbeit als ein konventioneller Züchter. Ohne Medikamente geht es trotzdem nicht, die Bioschweine bekommen auch Entwurmungsmittel - zumindest die Muttersauen, damit die Ferkel nicht schon von Geburt an Würmer haben. Schlimmer als die Würmer sind jedoch Bakterien und Viren: Manchmal gehen Grippeerreger durch einen ganzen Bestand von mehreren Hundert Schweinen. Ökozüchter können dann nicht ohne weiteres die Pharma-Keule schwingen: "Im Biobereich", sagt Lüders, "besteht die Gefahr, dass man zu lange mit der Behandlung wartet, weil man Angst hat, dass man die Tiere nicht mehr als Bioschweine vermarkten kann."
Denn in der Ökohaltung ist nur eine einzige Behandlung mit Medikamenten erlaubt. Jede weitere Arznei macht aus einem Bioschwein wieder ein ganz normales konventionelles Schwein – und bedeutet wirtschaftlichen Verlust. Auch deshalb achtet Leiders sehr genau darauf, was im Stall vor sich geht. Schon bei den ersten Symptomen ruft er den Tierarzt – am Tag unseres Besuches wegen eines Ebers. Die Eber sind die einzigen, denen Bauer Leiders Namen gibt, denn es sind Zuchttiere, die viele Jahre auf dem Hof bleiben. Heute hat Eber Kurt Bauchschmerzen und der Bauer muss Kurts Speiseplan ändern.
Als Leiders auf Öko umstellte, musste er alle Tiere anders füttern – und der frischgebackene Biobauer erlebte eine böse Überraschung: "Das Schwierigste war die Umstellung der Ferkel, wenn sie von der Sau abgesetzt wurden. Man merkte, dass die Ferkel nicht hundertprozentig ernährt waren. Die hatten blasse Haut, struppiges Fell und bekamen zum Teil Durchfall. Es gab Situationen, da habe ich gedacht: So kann es nicht weiter gehen."
Das Ökofutter machte die Ferkel schwach und krank. Verzweifelt suchte Leiders nach einer Lösung und fand sie schließlich in Haferflocken, vermischt mit Milchpulver. Damit kommt er bis heute gut zurecht.
Zunächst zahlte sich der teure Bio-Aufwand nicht einmal aus: Mit dem, was der Großhandel für Öko-Fleisch zahlte, konnte Bauer Leiders nicht überleben. Deshalb verkauft er sein Fleisch inzwischen direkt, hat eine eigene Metzgerei und einen Hofladen eingerichtet. Seit dem ist er ganz unabhängig vom Großhandel und macht Gewinn. Kranke Tiere und niedrige Preise – Christoph Leiders hatte sich das damals ganz anders vorgestellt, als er seinen Hof umstellte. Trotzdem: Er bereut es nicht und ist froh und stolz, diesen mutigen Schritt als einer der ersten in Nordrhein-Westfalen gewagt zu haben.
Reinhart Brüning
Stand: 29.03.2007
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