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Sendung vom 10. April 2007
Massenpanik in Mekka
Der Auslöser kann unbedeutend sein: ein kleines Hindernis, ein Regenschauer oder auch nur ein Gerücht. Oft genügt eine kleine Störung, damit es zur Massenpanik kommt. Hunderte von Menschen verlieren dabei auf Popkonzerten, Fußballspielen oder Demonstrationen jedes Jahr ihr Leben, trotz Überwachungskameras und Sicherheitskräften. Besonders gefährlich wird es, wenn große Menschenmengen sich auf engstem Raum drängen, wie bei Sportveranstaltungen oder auch bei religiösen Massenereignissen wie dem Hadsch, der jährlichen Pilgerreise zu den heiligen Stätten des Islam. Jeder muslimische Gläubige soll diese Reise wenigstens einmal in seinem Leben unternehmen, und jedes Jahr strömen Millionen von Menschen nach Mekka. Der Hadsch war schon häufiger überschattet von katastrophalen Massenunglücken. Eines der schlimmsten ereignete sich am 12. Januar 2006 in Mina, einige Kilometer von Mekka entfernt, wo sich die Pilger zur symbolischen "Steinigung des Teufels" versammeln. Durch eine Massenpanik starben an diesem Tag 362 Pilger.
Seit Mitte der 1990er Jahre versuchen Verkehrsforscher, mit Computer-Simulationen und Partikelmodellen den Gesetzmäßigkeiten hinter den scheinbar chaotischen Bewegungen von Fußgängermassen auf den Grund zu gehen. Ohne dass es dem Einzelnen bewusst wäre, bildet die Masse Muster, so genannte Selbstorganisations-Phänomene. So haben Wissenschaftler um Dirk Helbing an der TU Dresden festgestellt, dass sich in entgegengesetzten Fußgänger-Strömen automatisch Bahnen bilden. Ein anderes Beispiel: Kreuzen sich zwei Fußgänger-Ströme, zeigen sich am Kreuzungspunkt charakteristische Streifenmuster; sie rühren daher, dass Fußgänger auf begrenztem Platz möglichst schnell aneinander vorbei kommen wollen. Vorlieben einzelner Individuen, wie zum Beispiel rechts oder links an jemandem vorbei zu gehen, können sich dabei rasch zu globalen Mustern hochschaukeln. Ob bestimmte Muster das Entstehen von Massenpaniken ankündigen, ist bisher noch kaum bekannt. Doch nach der Katastrophe von 2006 stellte die Saudische Regierung das Video-Material ihrer Überwachungskameras den Verkehrswissenschaftlern der TU Dresden zur Verfügung. Sie sollten herausfinden, was am 12. Januar zwischen 11:45 und 12:30 in Mina passiert ist – und wie sich eine solche Katastrophe in Zukunft verhindern lässt.
Im Januar 2006 führten über drei Millionen Muslime innerhalb von 24 Stunden das Jamarat-Ritual durch: die rituelle Steinigung des Teufels, symbolisiert durch drei Steinsäulen. Auf dem Weg zu diesem Monument muss der Pilgerstrom eine Brücke überqueren. Bei der Analyse der Videoaufnahmen galt das Hauptaugenmerk der Forscher einem zentralen Areal von 20 mal 14 Metern vor dem 44 Meter breiten Eingang der Jamarat-Brücke. Hier hatte sich die Katastrophe ereignet – in einem flachen und praktisch offenen Gebiet, ohne nennenswerte Gegenströmungen. Die Videos ermöglichen es den Forschern, Dichte, Geschwindigkeit und Fließverhalten der Masse genau zu beobachten. Eine dreiviertel Stunde vor Beginn der Panik ist der Fluss der Menge noch gleichmäßig. Als die Forscher das Video auf zehnfache Geschwindigkeit beschleunigen, machen sie eine überraschende Entdeckung. Eine halbe Stunde vor Beginn der Katastrophe gerät der gleichmäßige Fluss der dichtgedrängten Menge ins Stocken. Es bilden sich stromaufwärts verlaufende Wellen. Die Analyse zeigt: Diese Wellen entstanden, als die Dichte der Menge sechs Personen pro Quadratmeter überstieg.
Zwanzig Minuten nach den ersten Wellen wird die Masse immer dichter, mehr als zehn Menschen drängen sich jetzt auf einem Quadratmeter. Die Menge ist immer noch in Bewegung, doch der Druck, ein Produkt aus Dichte und Geschwindigkeit, wächst weiter. Jetzt verändert sich das Bewegungsmuster erneut: Aus den Wellen werden Strudel. Es ist ein Muster, das die Dresdner Forscher in einer Menschenmenge noch nie beobachtet haben: Wie in Flüssigkeiten oder Gasen entstehen Turbulenzen aus einer Folge von Ungleichmäßigkeiten im Fließmuster. Im Zentrum dieser Turbulenzen haben die Pilger keinerlei Kontrolle mehr über ihre Bewegungen. Sie werden buchstäblich von ihren Füßen gerissen und meterweit umhergeschleudert. Der Überdruck der Masse entlädt sich. Fallen Menschen unter diesen Bedingungen zu Boden, haben sie kaum eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen. Die Masse wälzt sich über sie hinweg.
Die Massenpanik begann etwa 10 Minuten nachdem die Turbulenzen eingesetzt hatten, 30 Minuten nach Beginn des ersten Wellenmusters. Beide Muster entstanden, nachdem der Druck der Masse einen kritischen Schwellenwert überschritten hatte. Solche Muster sind also Alarmzeichen: Werden sie rechtzeitig erkannt, kann eine sich ankündigende Massenpanik vielleicht noch verhindert werden, etwa indem der Zustrom an Menschen sofort gestoppt wird. Für den Hadsch 2007 wurde das Gelände um die Steinsäulen in Mina großflächig umgebaut. Außerdem erstellten die Dresdner Wissenschaftler einen exakten Zeitplan für die Pilger. Die Bewegung der zuvor ungeordnet mäandernden Menschen sollte damit sorgfältig kanalisiert werden. Zusätzlich rüsteten die Wissenschaftler das Überwachungssystem in Mina auf: Mit einer neuen Software können die Bewegungen der Pilgermassen jetzt in Echtzeit analysiert werden. Zeichen für einen kritischen Zustand der Masse sind damit für die Überwachungsstellen früh sichtbar. Im Januar 2007 war es dann wieder so weit – und dieser Hadsch war besonders kritisch: 800.000 Pilger mehr als die bisherigen drei Millionen wurden in Mina erwartet, da das Ritual in diesem Jahr auf einen Feiertag fiel. Doch es blieb alles ruhig: Das neue System hat seine Bewährungsprobe bestanden.
Jakob Kneser
Stand: 03.04.2007
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