Denken kann einsam machen

Das Zwischenmenschliche ist das Problem

  • Dienstag, 22. Mai 2007, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Das Zwischenmenschliche ist das Problem

Foto: Temple Grandin

Die Autistin Temple Grandin versteht Tiere besser als Menschen. Unter Nicht-Autisten fühlt sie sich manchmal, als wäre sie von Wesen von einem anderen Planeten umgeben

Wie „eine Anthropologin auf dem Mars“ fühlt sich die Autistin Temple Grandin manchmal. Für sie verhalten sich die Menschen in ihrer Umgebung wie Aliens von einem fremden Planeten. Wie eine Anthropologin muss Temple Grandin das Verhalten der anderen studieren, die Regeln des sozialen Miteinanders lernt sie auswendig wie Vokabeln. Nur dann hat sie eine Chance, in der nichtautistischen Welt klarzukommen. Zugleich beschleicht diejenigen, die ihr oder anderen Autisten begegnen, nicht selten das Gefühl, es ihrerseits mit einem völlig fremdartigen Wesen zu tun zu haben. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – üben Autisten auf andere Menschen eine gewisse Faszination aus. Das gilt besonders für Wissenschaftler, die versuchen, dem Phänomen Autismus auf die Spur zu kommen. Die renommierte Autismus-Forscherin Uta Frith spricht von einer „Verzauberung“: „Wenn wir den Autismus verstehen, haben wir auch uns selbst verstanden“, meint Frith. Denn der Autismus greift in das ein, was als zutiefst menschlich gilt: Einfühlungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und soziale Bindungsfähigkeit. All diese Bereiche sind bei Menschen, die vom Autismus betroffen sind, gestört.

Ein breites Spektrum

Den typischen Autisten gibt es allerdings nicht: An einem Ende der Skala bewegen sich Personen, die vom frühkindlichen Autismus betroffen sind. Sie sind meistens schwer geistig behindert und können oft nicht sprechen. Am anderen Ende befinden sich die Aspies, wie sie sich selbst nennen. Aspies sind Menschen, die unter dem so genannten Asperger-Syndrom leiden. Sie sind nicht selten hochintelligent und wirken auf den ersten Blick allenfalls ein wenig schüchtern oder kontaktscheu. Die Grenzen zwischen „normaler“ Schüchternheit und dem Asperger-Syndrom sind fließend. Ärzte und Wissenschaftler sprechen von einem breiten „Autismus-Spektrum“.

Häufigkeit von Autismus

Grafik: Silhouette

Kennzeichnend für den Autismus ist die Zurückgezogenheit in die innere Welt und die Unfähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten

Zurzeit kommen auf 10.000 Neugeborene vier bis fünf Kinder mit irgendeiner Form von Autismus, darunter drei bis vier Mal mehr Jungen als Mädchen. Insgesamt leben etwa 40.000 Menschen mit einer autistischen Störung in Deutschland, wobei es gegenwärtig scheint, als ob ihre Zahl steigt. Doch diese von Experten vieldiskutierte Zunahme ist wahrscheinlich auf verbesserte Diagnosemöglichkeiten zurückzuführen: Viele Betroffene, die früher noch als geistig behindert galten, ohne dass ihre Behinderung näher bestimmt worden wäre, leiden unter frühkindlichem Autismus. Umgekehrt sind viele hochintelligente Aspies so unauffällig, dass es lange nur schwer möglich war, das Asperger-Syndrom klar zu diagnostizieren. Vermutlich gibt es auch jetzt noch eine hohe Dunkelziffer in Deutschland, deswegen reden manche Experten inzwischen auch von schätzungsweise 80.000 Autisten in Deutschland.

Hoch empfindliche Sinne

Foto: Bilderfolge Augen

Den meisten Autisten fällt es schwer, anderen Menschen in die Augen zu schauen

Eine Besonderheit bei vielen Autisten ist ihre ungewöhnliche Wahrnehmungsschärfe: Schon bei autistischen Säuglingen fällt auf, dass sie berührungsempfindlich sind. Anders als andere Kinder empfinden sie Berührungen oft als unangenehm, und das bleibt bis ins Erwachsenenalter so: Die vom Asperger-Syndrom betroffene Kathrin Schäfer (Name von der Redaktion geändert) kann Berührungen vor allem dann nicht ertragen, wenn sie ohne Vorwarnung kommen. Im Laufe mehrerer Tanzkurse hat sie allerdings gelernt, damit umzugehen. Schließlich weiß sie beim Walzer oder bei der Rumba genau, wann und wo ihr Partner sie berührt. Eine übertrieben anmutende Empfindlichkeit haben viele Autisten auch in anderen Bereichen: Sie mögen bestimmte Geräusche nicht und reagieren empfindlich auf manche Gerüche. Welche Gerüche oder Geräusche sie stören, ist individuell völlig verschieden. Manchmal kann ein weit entfernter Krankenwagen mehr nerven als die Baustelle vor dem Fenster. „Extreme Reizselektion“ nennen Experten dieses Phänomen. Auffällig bei allen Personen, die in irgendeiner Form vom Autismus betroffen sind, ist ihre extreme Detailwahrnehmung. Bei Suchbildern schneiden sie in der Regel besser ab als ihre Altersgenossen. Dagegen fehlt ihnen die Fähigkeit, Dinge in den Zusammenhang zu setzen.

Eingeschränkter Kontakt mit der Umwelt

Foto: Stirnbild von Barbara Feldhoff

Auch an der Stirn kann man Menschen identifizieren und ihre Stimmung erkennen. Der 18-jährige Autist Andreas Schmitz hat zusammen mit der Fotografin Barbara Feldhoff ein "Stirnenlexikon" hergestellt. Nützlich für Autisten, denen der Blickkontakt schwerfällt

Einer der ersten Hinweise auf eine Form von Autismus ist die Verweigerung von Blickkontakt. Schon autistische Säuglinge wenden sich ab, wenn man sie ansieht. Doch wer die Augen seines Gegenübers nicht betrachtet, kann auch nur schwer den Ausdruck in dessen Gesicht richtig deuten. Tatsächlich können Autisten mit Gestik und Mimik ihrer Mitmenschen oft nur wenig anfangen. Manche hochintelligenten Aspies kaufen sich Bücher über Mimik und lernen so die Bedeutung der einzelnen Gesichtsausdrücke auswendig. Umgekehrt ist ihre eigene Mimik oft eingeschränkt, die meisten Autisten fallen durch einen eher starren Gesichtsausdruck auf. Auch die Sprache verarbeiten viele von einer autistischen Störung betroffene Menschen anders: Der in Hamburg lebende Schriftsteller Axel Brauns, selbst Autist, hat immer nach dem Brett vor seinem Kopf gesucht – es ist charakteristisch für autistische Menschen, dass sie vieles wörtlich nehmen und den bildhaften Charakter mancher Redewendungen nicht auf Anhieb verstehen. Grundsätzlich haben Autisten keinen besonders starken Drang danach, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten und je stärker der Autismus ausgeprägt ist, desto weniger Bedürfnis nach Kontakten zeigt der Betroffene. Selbst die begabten Aspies brauchen soziale Pausen, in denen sie manchmal wochenlang keine Freunde oder Familienmitglieder sehen.

Einfühlungsvermögen mangelhaft

So wenig Normalmenschen sie verstehen, so wenig verstehen Autisten die anderen Menschen um sie herum. Ein wichtiger Grund dafür ist ihr Mangel an Einfühlungsvermögen. Das soll nicht heißen, dass alle vom Autismus Betroffenen gefühllos oder stumpf sind. Es ist ihnen nur nicht ohne weiteres möglich, die Perspektive zu wechseln und sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. So fällt es ihnen grundsätzlich schwer einzuschätzen, warum sich ein Mensch in einer bestimmten Weise verhält. Zum Beispiel kommt höfliches Verschweigen ihrer Meinung, um den anderen zu schonen, für Autisten in der Regel nicht in Betracht: Hat Tante Berta sich einen neuen Hut gekauft und fragt ihren Neffen, ob er ihr steht, wird ein wohlerzogener Junge womöglich antworten, dass sie damit sehr schön aussieht, obwohl er den Hut scheußlich findet. Ein solches Verhalten verstehen und praktizieren die meisten Menschen, weil sie ihre Tante nicht verletzen möchten. Anders liegt der Fall bei Autisten: Sie verstehen die mitleidige Lüge nicht und würden mit ihrer Meinung herausplatzen – schlicht und einfach, weil sie die Gefühle von Tante Berta nicht nachempfinden können. Die Gefahr einer Beleidigung sehen sie dabei nicht, was immerhin den Vorteil hat, dass Autisten immer ehrlich sind.

Wiederholung tut gut: Stereotypien und Autismus

Um in der verwirrenden Welt, die sie umgibt, zurechtzukommen, brauchen autistische Menschen einen geregelten Alltag. Sie stehen um dieselbe Zeit auf, frühstücken jeden Morgen dasselbe und auch für den Rest des Tages muss alles nach Plan verlaufen: Veränderungen machen ihnen Angst. Was einem Gesunden langweilig vorkäme – etwa jeden Mittag Wirsing zu essen – ist für Menschen mit einer autistischen Störung manchmal genau das Richtige. In schweren Fällen kann der Hang zu Ordnung und Regelmäßigkeit allerdings auch zu regelrechten Stereotypien werden. Vor allem bei frühkindlichem Autismus sind solche Verhaltensweisen häufiger zu beobachten: ein und dieselbe Bewegung wird immer wieder wiederholt. Grundsätzlich aber gilt es im Umgang mit Autisten, Rücksicht auf ihr Bedürfnis nach Ordnung und Regelmäßigkeit zu nehmen. Unangemeldeter Besuch, über den sich andere Menschen vielleicht freuen würden, kann bei autistischen Bekannten Panikattacken auslösen. Am Ende zieht sich der Betroffene vielleicht noch mehr in seine eigene Welt zurück. Wenn man sich hingegen Tage vorher anmeldet, kann ein vom Asperger-Syndrom Betroffener seinen geregelten Alltag rechtzeitig umplanen. Darauf musste sich auch das Quarks & Co-Team einstellen – damit die Beiträge mit den Betroffenen zu Stande kommen konnten.

: Kristin Raabe


Stand: 02.10.2006, 22:19 Uhr


Stichwörter

Autismus
Autist, Autismus: Das Wort entstammt dem altgriechischen Wort "autos" mit der Bedeutung "selbst" und bezieht sich auf die Selbstbezogenheit oder den Rückzug in ihr Inneres, der für Autisten typisch ist. Ursprünglich prägte allerdings der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler 1911 den Begriff "Autismus" für ein Grundsymptom der Schizophrenie: Die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt bei schizophrenen Patienten. Die Psychiater Leo Kanner und Hans Asperger nahmen den Begriff in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts auf und benannten so ein Störungsbild eigener Art, wobei Kanner die Bezeichnung Autismus hauptsächlich für schwerere Fälle von frühkindlichem Autismus verwendete. Asperger ist es zu verdanken, dass heute auch bei sehr intelligenten Menschen eine leichtere Form von Autismus – das Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden kann. Aspergers Forschungen und Veröffentlichungen blieben lange unbekannt und wurden erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.
Asperger-Syndrom
Das Asperger-Syndrom bezeichnet eine im Vergleich zum frühkindlichen Autismus eher leichte Form des Autismus. Die Betroffenen sind normal bis überdurchschnittlich intelligent. Sie leidern aber unter einer autistischen Kontaktstörung, die es ihnen sehr schwer macht zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen. Vor allem in der nonverbalen Kommunikation haben sie Schwierigkeiten. Blickkontakt zu halten fällt ihnen schwer, die Mimik im Gesicht ihres Gegenübers können sie meist nicht richtig deuten. In der sprachlichen Kommunikation haben sie Probleme mit dem Lesen zwischen den Zeilen. Oft nehmen sie Sprichwörter oder Redewendungen wörtlich: Sie suchen beispielsweise mit der Hand nach dem Brett, das sie - nach der Redewendung - vor ihrem Kopf haben. Einige Asperger, die sich selbst auch Aspies nennen, fallen durch hölzerne Bewegungen und eine monotone Sprache auf. Typisch für Asperger sind Spezialinteressen, in denen sie es häufig zu Höchstleistungen bringen. Meistens kommen diese aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Alles, was sich ein Aspie mit Logik erschließen kann, fällt ihm oder ihr leicht. Vom Asperger-Syndrom sind überdurchschnittlich viele Mathematiker, Physiker und Ingenieure betroffen.

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