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Quarks & Co
Sendung vom 28. August 2007
Das Auge lügt
Das Städtchen Siegelsbach ist ein beschaulicher Ort im Badischen. Im Oktober 2004 wird die Idylle brutal unterbrochen: Am helllichten Tag überfällt ein Mann die Sparkasse – unmaskiert. Er erschießt eine Frau, verletzt zwei Männer lebensgefährlich und entkommt mit 33.000 Euro. Die beiden verletzten Männer identifizieren anschließend den Dorfbäcker als Täter. Doch ein dritter Augenzeuge will diesen zur Tatzeit am Ortsrand gesehen haben. Mindestens eine der Zeugen-Aussagen muss falsch sein. Welche, ist aber unklar. Ob die Ermittler jemals herausfinden, wie es in Wirklichkeit war, steht in den Sternen – das Verfahren dauert im Jahr 2007 noch an. Doch eines zeigt der Mord von Siegelsbach schon jetzt: welche gravierenden Folgen Falschaussagen haben können, ob bewusst gemacht oder nicht. Nach Untersuchungen des Kieler Rechtspsychologen Günther Köhnken sind Fehlidentifikationen mit 52 Prozent mit Abstand die häufigste Ursache für die Verurteilung Unschuldiger!
Aus psychologischen Versuchen ist schon lange bekannt, dass die Wahrnehmung von Augenzeugen oft verzerrt ist und von vielen Faktoren beeinflusst wird. Polizei und Strafverfolger können das im Realfall nicht beurteilen, weil sie den Tathergang nicht kennen. Anders als das Quarks-Team – wir haben ein Krimi-Experiment mit Augenzeugen gemacht. Geholfen hat uns Dr. Renate Volbert, Rechtspsychologin an der Charité Berlin. Sie arbeitet als Gutachterin vor Gericht und hat mit uns zusammen den Versuch entworfen: Studenten wurden Zeugen eines inszenierten Vorfalls. Danach mussten sie Auskunft geben – allerdings wussten sie nicht, dass wir heimlich mit versteckter Kamera alles gefilmt haben. So konnten wir den Tathergang mit den später gemachten Aussagen Bild für Bild vergleichen.
Der unangenehme Vorfall ereignet sich mitten in einem Psychologie-Seminar: Zwei Schauspieler stören als angebliche Diplomanden den Vortrag des Dozenten. Sie beschweren sich lautstark über eine ungerecht benotete Diplomarbeit und bedrohen den Dozenten schließlich körperlich. Bevor die Situation endgültig eskaliert, verlassen die Störer fluchtartig den Raum. Erst am Ende des Seminars klären wir die Studenten über das Experiment auf und bitten sie, als Zeugen Tat und Täter zu beschreiben.
Den groben Verlauf können die meisten Studenten richtig wiedergeben. Doch bei den Details gehen die Meinungen auseinander: So wollen gleich mehrere Teilnehmer beobachtet haben, wie die „Täter“ mit einem Gegenstand auf den Tisch schlugen. Das ist aber gar nicht geschehen. Die Rechtspsychologin kennt das Phänomen: „Zeugen fügen oft etwas hinzu, was sie in einer solchen Situation erwarten, was sie aber in der Wirklichkeit gar nicht gesehen haben – sie greifen auf ein Schema zurück, das zur Situation passt: dass der Täter zum Beispiel in der bedrohlichen Situation eine Waffe hatte.“ Waffen ziehen bei Überfällen ganz besondere Aufmerksamkeit auf sich – so stark, dass andere Merkmale des Täters entweder gar nicht oder nur noch am Rande des Gesichtsfelds erscheinen. Sie werden dann entsprechend unscharf wahrgenommen.
Als nächstes müssen unsere Zeugen beschreiben, wie die beiden „Täter“ aussahen. Das Ergebnis ist bestürzend: Kaum einer der Studenten gibt das Äußere der beiden Schauspieler richtig wieder. Sogar bei Haarfarbe, Alter, Kleidung oder der Frage, ob die Täter Brillen trugen, liegen die Versuchsteilnehmer krass daneben. Für Renate Volbert ist auch das typisch: „In solchen Situationen gibt es viele Informationen in kurzer Zeit und es kann nicht allen Einzelheiten gleich viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Deswegen fallen Personen-Informationen häufig sehr schlecht aus“. Anders ist das, so die Expertin, wenn ein Mensch weiß, dass er später über seine Beobachtungen Auskunft geben muss. Dann konzentriert man sich stärker. Doch normale Augenzeugen beobachten beiläufig, ohne besondere Aufmerksamkeit. Und machen daher oft falsche Angaben.
Schließlich sollen die Zeugen die Täter auf Fotos identifizieren. Eine Auswahl von Porträts wird jedem vorgelegt – allerdings ist nicht immer einer unserer Schauspieler dabei. Das Erstaunliche: In einem Drittel der Fälle wurden trotzdem Täter erkannt - und oft waren sich die Zeugen dann sogar besonders sicher! Renate Volbert: „Wenn man die Fotos simultan präsentiert und der Täter nicht dabei ist, dann wählen die Zeugen oft jemanden aus, der der gesuchten Person am nächsten ist – einfach, weil man die Erwartungshaltung hat, dass der Täter unter den Fotos ist.“ Wissenschaftliche Studien haben bestätigt, dass sogar mehr als die Hälfte aller Zeugen irrt, wenn sie aus einer Reihe von Verdächtigen den Täter bestimmen sollen. Das Quarks-Experiment hat, sagt die Psychologin, gezeigt, wie fehleranfällig Zeugenaussagen sein können: Menschliche Wahrnehmung beruht eben vor allem auf Interpretation.
Jakob Kneser
Stand: 28.08.2007
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