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Quarks & Co
Sendung vom 28. August 2007
Die Madonna im Toastbrot
1976 brachte die Viking-Sonde ein spektakuläres Foto vom Mars zurück: ein Gesicht auf der Marsoberfläche. Für viele Menschen war es das Ergebnis der künstlerischen Aktivität höherer Wesen - Zufall ausgeschlossen. Inzwischen haben neue Bilder bewiesen, was man sich vorher schon hätte denken können: Das angebliche Mars-Gesicht ist kein Relikt einer mysteriösen Zivilisation, sondern eine ganz gewöhnliche Felsformation. Das Gesicht auf dem Bild von 1976 entstand durch die besonderen Lichtverhältnisse zum Zeitpunkt der Aufnahme. Immer wieder meinen Menschen, Gesichter zu erkennen - nicht nur auf dem Mars, im Mond oder in den Wolken. Auch profanere Dinge müssen dafür herhalten: Diana Duyser aus Florida erkannte eines Morgens das Bildnis der Jungfrau Maria auf einem selbst gebackenen Käsetoast. Sie behielt die Reliquie und versteigerte sie später bei Ebay – für 28.000 Dollar.
Offenbar können Menschen gar nicht anders: Ob sie wollen
oder nicht, sie sind auf Gesichter fixiert. Es genügen wenige
Andeutungen – dunkle Flecken in einer Wolke oder auf dem Mond
– und schon entdeckt man ein menschliches Gesicht. Aber es
gibt auch das andere Extrem: Menschen, die alles erkennen
können, nur keine Gesichter. Prosopagnosie heißt das
Syndrom. Manchen Menschen ist es angeboren, doch meistens ist die
Unfähigkeit, Gesichter unterscheiden zu können, die Folge
eines Schlaganfalls, bei dem bestimmte Bereiche des Gehirns
zerstört sind. Ob es tatsächlich spezielle Hirnareale
gibt, die auf die Verarbeitung von Gesichtern spezialisiert sind,
sollte eine amerikanische Untersuchung mit
Kernspin-Aufnahmen von den Gehirnen gesunder
Probanden zeigen. Die Versuchtsteilnehmer sahen dabei Bilder mit
verschiedenen Motiven, darunter auch Gesichter. Tatsächlich
reagierten drei ganz bestimmte Hirnregionen bei Gesichtern sieben
Mal stärker als bei allen anderen Reizen. Die
Neurowissenschaftlerin Doris Tsao an der Universität Bremen
wiederholte das Experiment mit Rhesusaffen. Auch bei ihnen sind es
drei Hirnregionen, die vor allem bei Gesichtern anspringen –
ganz ähnlich wie beim Menschen.
Um genauer zu verstehen, wie das Gehirn Gesichter verarbeitet, ging Doris Tsao einen Schritt weiter: Sie führte dünne Elektroden in das Gehirn der Primaten ein, exakt an den Stellen, an denen die Untersuchung im Kernspingerät vorher eine erhöhte Aktivität angezeigt hatte. Während die Affen die Bilder anschauten, übertrugen die Elektroden genau, was in den Gehirnzellen passierte. Das Ergebnis: Bei Gesichtern reagierten die Zellen tatsächlich am stärksten. Das hatte Doris Tsao auch erwartet – doch erstaunlich war etwas anderes: „Als wir das erste Mal die Elektrode einführten, schienen alle Zellen nur auf Gesichter zu reagieren. Aber als wir genauer hinhörten, gab es auch eine Reaktion bei anderen Bildern. Aber bei zweien davon fiel die Reaktion wieder stärker aus, und zwar bei einer Uhr und einem Apfel. Sie haben die gleiche runde Form wie ein Gesicht.“
Damit die Gesichtszellen im Gehirn anspringen, reichen also schon einige wenige Merkmale – eines der wichtigsten ist die runde Form. Ein anderes ist der Hell-Dunkel-Kontrast: Beim Gesichter-Sehen orientiert sich die Wahrnehmung vor allem an den Beziehungen der Einzelelemente zueinander. So sind zum Beispiel die Augen immer dunkler als die Stirn, und der Mund dunkler als die Wangen. Wahrscheinlich ist dieser Gesichts-Erkennungs-Mechanismus bei allen Säugetieren vorhanden, sozusagen ein Programm zur Erhaltung der Art, das sich in der Evolution schon sehr früh entwickelt hat. Doris Tsao: “Es ist einfach wichtig für uns, Gesichter gut lesen zu können – beispielsweise um zu erkennen, ob wir einen Feind oder Freund vor uns haben. Daher haben wir Bereiche im Gehirn, die nur dazu da sind, Gesichter zu erkennen. Und ein Nebenprodukt davon ist, dass wir manchmal eben auch Gesichter in Wolken sehen.”
Das menschliche Gehirn ist geradezu darauf gepolt, möglichst schnell aus wenigen Merkmalen das Muster „Gesicht“ herauszulesen. Dass es dabei auch öfter mal Phantombilder herstellt, ist keine bloße Überspanntheit. Sondern eher ein Vorteil - lieber schnell reagieren als zu genau hinsehen, könnte das Motto der Evolution lauten. Anders ausgedrückt: Von dem Menschen, der beim Anblick eines Löwen gewartet hat, bis er alle Einzelheiten erkennen konnte - von dem stammen wir nicht ab.
Melanie Imenkamp, Jakob Kneser
Stand: 28.08.2007