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Quarks & Co
Sendung vom 04. September 2007
Rätsel Wachkoma
Wie viel nimmt ein Mensch wahr, der im Koma liegt und sich nicht mitteilen kann? „Das herauszufinden ist die Schwierigkeit, mit der wir konfrontiert sind. Es bleibt immer ein Zweifel: Was ist, wenn es da noch etwas mehr gibt? Etwas, was mir entgeht?“ sagt der Neurowissenschaftler Steven Laureys. Er kennt das Problem sehr gut – gerade bei Wachkoma-Patienten ist jede Diagnose eine Gratwanderung: Es gibt keine Sicherheit, wie eine klare Diagnose sie bieten soll. Denn viele Untersuchungsmethoden sind unzulänglich. Laureys Studien an der belgischen Universität Lüttich haben Dramatisches ergeben: Ein Drittel aller Diagnosen bei Patienten im Wachkoma ist vermutlich falsch.
Das Wachkoma, auch als apallisches Syndrom oder vegetativer
Zustand bezeichnet, gehört zu den noch am wenigsten
verstandenen medizinischen Phänomenen. Patienten in diesem
Zustand haben die Augen zwar geöffnet, können scheinbar
aber nichts wahrnehmen. Ob und wie sehr ein Mensch im Wachkoma bei
Bewusstsein ist, versucht Neurowissenschaftler Steven Laureys mit
bildgebenden Verfahren darzustellen. Diese modernen
Untersuchungsmethoden wurden etwa seit den 1990er Jahren entwickelt
und können Strukturen und Stoffwechselvorgänge im Gehirn
sichtbar machen. Laureys hat sich auf die
Positronen-Emmissions-Tomografie (PET)
spezialisiert. Damit lassen sich aktive Regionen im Inneren des
Gehirns zeigen – welche Hirnareale aktiv sind und welche
miteinander kommunizieren. Die PET liefert dadurch genauere
Ergebnisse über den Zustand eines Koma-Patienten als bisher
und damit wichtige Hinweise für die weitere Therapie.
Immer wieder trifft Laureys auf Wachkoma-Patienten, bei denen es Anzeichen für Bewusstsein gibt. Einer von ihnen ist Mario B. Vor sechs Jahren hatte er einen schweren Autounfall – Diagnose: Wachkoma. Er ist am ganzen Körper gelähmt, nur noch die Augen kann Mario selbstständig bewegen. Seine Pfleger behaupten, dass er in jüngster Zeit stärker auf sie und seine Umgebung reagiere. Und Marios Arzt im Krankenhaus berichtet, dass der 36-jährige Familienvater weint, wenn er Videos seiner beiden Kinder sieht – Tränen laufen aus seinen Augen, obwohl sein Körper sich sonst nicht regt. Alles Einbildung oder empfindet Mario diese Gefühle? Ist Mario tatsächlich bei Bewusstsein? Für Forscher Laureys stellt diese Frage eine große Herausforderung dar: „Mario zeigt die typische Haltung eines stark hirngeschädigten Menschen mit einer schweren Spastik in beiden Armen und Beinen. Man hat aber den Eindruck, dass er einem in die Augen schaut und einen fixiert, was normalerweise ein Zeichen für mehr Bewusstsein ist.“
Zum ersten Mal wird bei Mario eine PET-Untersuchung gemacht. Sie soll klären, was in Marios Kopf noch intakt ist. Die Scanner-Aufnahmen zeigen tatsächlich, dass seine rechte Hirnhälfte fast völlig funktionsfähig ist. Die linke Hälfte ist dagegen stark geschädigt. „Jetzt wissen wir, warum er nicht sprechen kann, denn das Sprachzentrum liegt im geschädigten linken Teil des Gehirns. Durch die PET-Untersuchung wissen wir jetzt auch, dass er Schmerzen fühlen kann, auch wenn er keine Möglichkeit hat, uns das mitzuteilen“, sagt Laureys.
Die Vermutung seiner Pfleger hat sich durch die PET-Untersuchung bestätigt - Mario ist tatsächlich stärker bei Bewusstsein als bisher angenommen: „Er hat zwar schwere Schädigungen, aber es gibt auch Areale, in denen seine Hirnaktivität fast normal ist.“ Laureys ist jetzt sicher, dass Mario im „Minimal Conscious State (MCS)“ ist, im „Minimalen Bewusstseinszustand“. MCS-Patienten sind dem Wachzustand näher als dem Koma. Sie reagieren gelegentlich klar auf die Umwelt, können teilweise hören und sehen und reagieren auf Erzählungen und Anweisungen.
Ein Zustand, der hoffen lässt. Die neue Diagnose hilft den Ärzten, Marios Behandlung zu planen. Und auch für die Pflegekräfte ist es motivierend, zu wissen, dass Mario sie vermutlich versteht, wenn sie mit ihm sprechen. Ob er wieder ganz gesund werden kann, kann Steven Laureys aber nicht sagen, nicht einmal die generelle Entwicklung möchte er abschätzen - dafür weiß man noch zu wenig über MCS-Patienten. Jeder Fall verläuft anders. Sechs Jahre nach seinem schweren Autounfall ist für Mario jedenfalls ein Stück Bewusstsein zurückgekehrt. Ein wichtiger Schritt – und vielleicht nicht der letzte.
Mustafa Benali
Stand: 28.08.2007
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