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Rätsel Wachkoma

Gibt es Spuren von Bewusstsein?

  • SendeterminDienstag, 04. September 2007, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 08. September 2007, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Foto: Forscher Steven Laureys sitzt vor der Röhre eines
PET-Scanners und blickt in Kamerarichtung
Steven Laureys möchte erreichen, dass Wachkoma-Patienten gezielter behandelt werden

Wie viel nimmt ein Mensch wahr, der im Koma liegt und sich nicht mitteilen kann? „Das herauszufinden ist die Schwierigkeit, mit der wir konfrontiert sind. Es bleibt immer ein Zweifel: Was ist, wenn es da noch etwas mehr gibt? Etwas, was mir entgeht?“ sagt der Neurowissenschaftler Steven Laureys. Er kennt das Problem sehr gut – gerade bei Wachkoma-Patienten ist jede Diagnose eine Gratwanderung: Es gibt keine Sicherheit, wie eine klare Diagnose sie bieten soll. Denn viele Untersuchungsmethoden sind unzulänglich. Laureys Studien an der belgischen Universität Lüttich haben Dramatisches ergeben: Ein Drittel aller Diagnosen bei Patienten im Wachkoma ist vermutlich falsch.

Foto: Bunte Hirnschnitte zeigen PET-Scanner-Aufnahmen eines
Gehirns. Sie sind auf einem Computermonitor dargestellt
PET-Scanner-Aufnahmen eines Gehirns: Zeichen von Bewusstsein?

Das Wachkoma, auch als apallisches Syndrom oder vegetativer Zustand bezeichnet, gehört zu den noch am wenigsten verstandenen medizinischen Phänomenen. Patienten in diesem Zustand haben die Augen zwar geöffnet, können scheinbar aber nichts wahrnehmen. Ob und wie sehr ein Mensch im Wachkoma bei Bewusstsein ist, versucht Neurowissenschaftler Steven Laureys mit bildgebenden Verfahren darzustellen. Diese modernen Untersuchungsmethoden wurden etwa seit den 1990er Jahren entwickelt und können Strukturen und Stoffwechselvorgänge im Gehirn sichtbar machen. Laureys hat sich auf die StichwortPositronen-Emmissions-Tomografie (PET) spezialisiert. Damit lassen sich aktive Regionen im Inneren des Gehirns zeigen – welche Hirnareale aktiv sind und welche miteinander kommunizieren. Die PET liefert dadurch genauere Ergebnisse über den Zustand eines Koma-Patienten als bisher und damit wichtige Hinweise für die weitere Therapie.

Mario ist nach Autounfall im Wachkoma

Immer wieder trifft Laureys auf Wachkoma-Patienten, bei denen es Anzeichen für Bewusstsein gibt. Einer von ihnen ist Mario B. Vor sechs Jahren hatte er einen schweren Autounfall – Diagnose: Wachkoma. Er ist am ganzen Körper gelähmt, nur noch die Augen kann Mario selbstständig bewegen. Seine Pfleger behaupten, dass er in jüngster Zeit stärker auf sie und seine Umgebung reagiere. Und Marios Arzt im Krankenhaus berichtet, dass der 36-jährige Familienvater weint, wenn er Videos seiner beiden Kinder sieht – Tränen laufen aus seinen Augen, obwohl sein Körper sich sonst nicht regt. Alles Einbildung oder empfindet Mario diese Gefühle? Ist Mario tatsächlich bei Bewusstsein? Für Forscher Laureys stellt diese Frage eine große Herausforderung dar: „Mario zeigt die typische Haltung eines stark hirngeschädigten Menschen mit einer schweren Spastik in beiden Armen und Beinen. Man hat aber den Eindruck, dass er einem in die Augen schaut und einen fixiert, was normalerweise ein Zeichen für mehr Bewusstsein ist.“

Eine Hirnhälfte funktioniert

Foto: Patient Mario liegt in der Röhre des PET-Scanners. Das
Bild zeigt die Scanner-Röhre von hinten
Patient Mario in der PET-Untersuchung

Zum ersten Mal wird bei Mario eine PET-Untersuchung gemacht. Sie soll klären, was in Marios Kopf noch intakt ist. Die Scanner-Aufnahmen zeigen tatsächlich, dass seine rechte Hirnhälfte fast völlig funktionsfähig ist. Die linke Hälfte ist dagegen stark geschädigt. „Jetzt wissen wir, warum er nicht sprechen kann, denn das Sprachzentrum liegt im geschädigten linken Teil des Gehirns. Durch die PET-Untersuchung wissen wir jetzt auch, dass er Schmerzen fühlen kann, auch wenn er keine Möglichkeit hat, uns das mitzuteilen“, sagt Laureys.

Mario ist bei „minimalem Bewusstsein“

Foto: PET-Scanner-Aufnahmen von Marios Gehirn auf Computermonitor.
Blaue und rote Stellen zeigen die aktiven bzw. geschädigten
Hirnareale
Aufnahmen von Marios Gehirn: Rot bedeutet Aktivität, Blau bedeutet, dass der Bereich geschädigt ist

Die Vermutung seiner Pfleger hat sich durch die PET-Untersuchung bestätigt - Mario ist tatsächlich stärker bei Bewusstsein als bisher angenommen: „Er hat zwar schwere Schädigungen, aber es gibt auch Areale, in denen seine Hirnaktivität fast normal ist.“ Laureys ist jetzt sicher, dass Mario im „Minimal Conscious State (MCS)“ ist, im „Minimalen Bewusstseinszustand“. MCS-Patienten sind dem Wachzustand näher als dem Koma. Sie reagieren gelegentlich klar auf die Umwelt, können teilweise hören und sehen und reagieren auf Erzählungen und Anweisungen.

Neue Diagnose - ungewisse Zukunft

Foto: Großeinstellung von Marios Kopf. Er hat die Augen
geöffnet und blinzelt
Es gibt Hoffnung – denn Mario reagiert auf seine Umwelt

Ein Zustand, der hoffen lässt. Die neue Diagnose hilft den Ärzten, Marios Behandlung zu planen. Und auch für die Pflegekräfte ist es motivierend, zu wissen, dass Mario sie vermutlich versteht, wenn sie mit ihm sprechen. Ob er wieder ganz gesund werden kann, kann Steven Laureys aber nicht sagen, nicht einmal die generelle Entwicklung möchte er abschätzen - dafür weiß man noch zu wenig über MCS-Patienten. Jeder Fall verläuft anders. Sechs Jahre nach seinem schweren Autounfall ist für Mario jedenfalls ein Stück Bewusstsein zurückgekehrt. Ein wichtiger Schritt – und vielleicht nicht der letzte.

Stichwörter

1 Positronen-Emmissions-Tomografie
Die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) ist ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Aktivität im Körper. Die Methode beruht auf der Verteilung einer radioaktiv markierten Substanz im Organismus. Sie zeigt aktive Regionen im Körper an. Angewendet wird PET zum Nachweis von Stoffwechselstörungen des Herzens und des Gehirns sowie in der Tumordiagnostik. Zurück zum Absatz
:

Mustafa Benali

Stand: 28.08.2007


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