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Quarks & Co
Sendung vom 11. September 2007
Quarks-Test: Vorteil Schönheit?
Dass es schöne Menschen im Leben leichter haben, ist ein hartnäckiges Gerücht. Wir wollten wissen, ob etwas dran ist – und haben am Kölner Hauptbahnhof und sieben weiteren Stellen in der Stadt Telefonzellen zum Experimentierfeld gemacht: Wir hinterlassen dort eine Bewerbungsmappe für einen Studienplatz in Münster. In einer transparenten Sichthülle stecken das ausgefüllte Bewerbungsformular, ein angeklammertes Passbild, ein kopiertes Abiturzeugnis sowie ein adressierter und frankierter Briefumschlag. Auf der Sichthülle klebt ein Notizzettel mit dem kurzen Text: "Lieber Papi, denkst du bitte daran, die Unterlagen noch heute in die Post zu geben? Danke. Maike".
Scheinbar hat also ein Vater die Bewerbung seiner Tochter in der Telefonzelle vergessen. Wir gehen davon aus, dass ein Finder sich die Unterlagen ansieht und begreift, dass er helfen kann, wenn er sie zur Post bringt. Die Bewerbungsmappen haben wir in allen Details ganz bewusst so gestaltet, dass jedem Finder sofort klar wird: Wenn die Unterlagen nicht spätestens am nächsten Tag abgeschickt werden, hat die fiktive Bewerberin keine Chance mehr, ihren Studienplatz zu ergattern. Man musste lediglich die Haftnotiz ablösen, die Klarsichthülle in den fertigen vorbereiteten, adressierten und frankierten Umschlag legen, den Umschlag zukleben und in einen Briefkasten werfen.
Dabei sind die Unterlagen bis auf einen Aspekt alle identisch: In der Hälfte der Mappen liegt das Foto einer attraktiven Frau – die andere Hälfte der Mappen enthält das Bild einer unattraktiven Frau. Wir vermuten: Finder nehmen Bewerbungsmappen im Schnitt häufiger mit, wenn das angeheftete Foto einen attraktiven Menschen zeigt. Alle Telefonzellen behalten wir unauffällig im Auge und zählen genau mit, wer hinein geht und ob er oder sie die Mappe mitnimmt.
Außer uns zählen auch Forscher an der Universität Münster mit, denn an die ist der Umschlag adressiert: Sie werten aus, wie viele Umschläge wirklich eingehen. Der versteckte Test hat einen wichtigen Hintergrund. Eine simple Befragung von Probanden kommt in einem solchen Fall nicht in Frage. Nur wenige Menschen würden zugeben, dass sie lieber einer hübschen als einer unattraktiven Frau helfen.
Beim Test betritt im Schnitt alle halbe Stunde jemand eine der präparierten Telefonzellen, insgesamt 212 Menschen. Ergebnis: Lag in der Telefonzelle eine Mappe mit dem unattraktiven Bild, dann haben 73 Prozent derjenigen, die die Zelle betreten haben, die Mappe liegengelassen. 27 Prozent haben sie mitgenommen. Anders bei der Mappe mit dem attraktiven Bild: Zwar ließ auch hier eine Mehrheit die Mappe liegen, nämlich 61 Prozent. Aber immerhin 39 Prozent haben sie mitgenommen, nur wurden nicht alle Briefe tatsächlich abgeschickt.
Wertet man nur die Briefe, die pünktlich in der Uni Münster angekommen sind, sieht das Ergebnis so aus: Mit unattraktivem Bild sendeten nur 21 Prozent der Passanten den Briefumschlag auch wirklich ab. Mit attraktivem Bild waren es dagegen 34 Prozent.
Eines beruhigt immerhin: Auch die Unterlagen mit dem
unattraktiven Bild wurden irgendwann mitgenommen und erreichten
dann meist noch pünktlich die Universität Münster,
mit der wir den Test zusammen geplant und durchgeführt haben.
Dr. Uwe Kanning vom Psychologischen Institut hat die Ergebnisse
für Quarks & Co statistisch ausgewertet (mit einem so
genannten
Chi-Quadrat-Test). Das Ergebnis: Der
prozentuale Unterschied bei der Hilfeleistungsquote ist statistisch
signifikant (bei einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 3,3 Prozent).
Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das Ergebnis unseres Experiments
nicht zufällig zustande gekommen. Bei einer erneuten
Untersuchung könnte man also mit einem ähnlichen Ausgang
rechnen – und das bedeutet, dass wir hier ein nach
wissenschaftlichen Kriterien gültiges Ergebnis haben:
Schönheit hat Vorteile.
Die Psychologen, die uns bei dem Test geholfen haben, hat das
weniger erstaunt. Denn Wissenschaftler kennen dieses Phänomen
schon seit 100 Jahren, sie bezeichnen es als Halo-Effekt. Darunter
versteht man die Neigung von Menschen, sich von einem bestimmten
Eindruck blenden zu lassen und andere Eigenschaften von Personen
demgegenüber geringer zu bewerten. Gutes Aussehen führt
zu solch einem
Halo-Effekt. So werden attraktive Menschen
häufig als vertrauenswürdiger oder erfolgreicher
beurteilt als weniger attraktive Menschen. Schönheit blendet
andere also regelrecht. Für unseren Fall bedeutet das, dass
die Hilfsbereitschaft der Passanten davon abhing, wie hübsch
die Person auf dem Foto war. Einen ähnlichen Test haben
Wissenschaftler 1974 in einer Telefonzelle am Flughafen von Detroit
mit über 600 Passanten gemacht. Und auch bei ihnen war das
Ergebnis eindeutig: Je schöner das Gesicht auf dem Foto, desto
hilfsbereiter waren die getesteten Personen.
Axel Bach
Stand: 11.09.2007
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