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Quarks & Co
Sendung vom 18. September 2007
Maschinen, die Gedanken lesen
Vollkommen reglos sitzt der Proband auf seinem Stuhl. Ruhig liegen die Hände auf den Armlehnen. Seine Augen sind starr nach vorne gerichtet. Der Blick verliert sich in den Tiefen des Prunksaals, gleitet an den ledernen Buchrücken uralter Folianten entlang. Wir sind, sagt der erste Augenschein, in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Nichts ist zu hören, nur das leise Summen von Computern. Und eine ruhige Stimme, die Anweisungen gibt. „Sehr schön, Markus. Jetzt stellst Du Dir bitte eine Handbewegung vor. Und gehst damit bis zu den beiden Säulen.“ Es passiert: nichts. Und während man noch darüber grübelt, wie Markus denn mit einer Handbewegung zu den Säulen gehen soll, bewegen sich plötzlich die Wände der Bibliothek.
Jetzt sieht es so aus, als würde Markus durch den Prunksaal fahren. Endlose Bücherreihen gleiten vorbei. Langsam geraten – tatsächlich – zwei Säulen ins Blickfeld. Und das alles, ohne dass jemand einen Knopf gedrückt oder an irgendwelchen Reglern gezogen hätte. Auch Markus sitzt immer noch auf seinem Stuhl. Ohne sich bewegt zu haben. Dann stehen wir genau vor den beiden Säulen. Und die Stimme sagt: „Sehr gut, Markus. Kleine Pause, dann noch ein bisschen näher ran an die Säulen.“ Die Stimme gehört Robert Leeb. Der Grazer Ingenieur kniet hinter einem Tisch, auf dem ein Laptop steht, dazu ein schwarzer Kasten mit zwei Reihen verschiedenfarbiger Eingänge. Blaue, rote und gelbe Kabel verwirren sich auf dem Tisch, einige führen direkt zum Kopf von Markus. Der trägt eine Badekappe aus Stoff, in die acht Kabel führen. Das Ganze ist eine Versuchsanordnung - und die Bibliothek ist virtuell: Sie wird als Bild in einen rechteckigen Raum aus Leinwänden projiziert.
„Markus steuert die Projektion allein mit der Kraft seiner Gedanken“, erklärt Gert Pfurtscheller, Professor für medizinische Informatik und Leiter des BCI-Lab in Graz – des Laboratoriums für die Schnittstelle Mensch-Maschine. Seit 16 Jahren ortet er Gedanken im menschlichen Gehirn. Seine Maschinen können also Markus' Gedanken lesen? „Das ist überhaupt kein Problem“, sagt Pfurtscheller lachend. „Man muss nur wissen, wo im Gehirn ein bestimmter Gedanke entsteht, dann kann man ihn auch wahrnehmen.“
Magie ist nicht im Spiel, nur moderne Informatik und ein paar
Kabel. Den Gedanken seiner Probanden kommt Pfurtscheller mit einer
bewährten Methode auf die Spur - per EEG. Das hat einen
entscheidenden Vorteil: Nichts dringt in den Schädel oder das
Gehirn ein, man kann die Schädeldecke unversehrt lassen. Um
die Gehirnströme zu messen, müssen lediglich ein paar
Elektroden mit Hilfe einer gut leitenden Salzlösung am Kopf
befestigt werden. Das
EEG hat allerdings auch Schwächen: Die
Signale, auf die es ankommt, werden von hunderten anderer Signale
überlagert. Draußen empfangen die Hirnforscher nur ein
undifferenziertes Rauschen. Man muss sich das ungefähr so
vorstellen, als ob man auf einer Cocktailparty im allgemeinen
Lärm präzise eine einzelne Stimme verstehen wollte. Auch
kann das EEG zwar die Impulse registrieren, doch nicht den Inhalt
von Gedanken: Denkt der Proband gerade „da vorne
links“? Oder denkt er „langsam geradeaus“?
Die Grazer haben also nach einem Signal gesucht, das sich
willentlich herstellen lässt und im EEG immer ähnliche
Muster erzeugt. Gefunden haben sie es in dem Teil des Gehirns, der
die Bewegungen der Arme und Beine steuert, im
motorischen Kortex: Bewegt man die rechte
Hand, dann kann man im EEG ein Elektronenfeuerwerk auf der linken
Gehirnhälfte beobachten, und zwar in einem Areal, das nicht
größer ist als fünf Quadratzentimeter. Und bei der
linken Hand ist es genau umgekehrt. „Beide Bewegungen
lösen charakteristische Signale im EEG aus“,
erklärt Gert Pfurtscheller, „die kann der Computer
erkennen und wir können sie mit Steuerungssignalen
verknüpfen.“ Und dabei machten die Grazer noch eine
verblüffende Entdeckung: um das Elektronenfeuerwerk
auszulösen, reicht schon die Vorstellung der Bewegung.
Auf diese Weise können die Grazer sogar schwerstbehinderten Menschen helfen: Sie suchen gemeinsam mit ihnen nach einer Bewegungsvorstellung, die im EEG ein besonders starkes Feuerwerk erzeugt. Die Vorstellung muss dabei nichts mit der realen Bewegung zu tun haben. Ein vom Hals an abwärts gelähmter Patient zum Beispiel stellt sich vor, dass er beide Beine kräftig nach vorne schleudert. Und mit dieser Vorstellung steuert er eine Bewegung seiner Handprothese. Genau so könnte er mit der Vorstellung einer bestimmten Bewegung auch seinen Rollstuhl steuern. Und dafür braucht das BCI-Lab auch die virtuelle Wiener Bibliothek. Denn Gehirn und Computer benötigen ein langes Training, um sich aufeinander einzuspielen. Wenn Probanden eine so unmittelbare Reaktion auf ihre Gehirnimpulse bekommen, wie es die Bewegung durch die Bibliothek anzeigt, dann stellt sich der Lernerfolg viel schneller ein. Außerdem ist es einfach weniger schmerzhaft, wenn man bei der Fahrt durch die Bibliothek nur gegen eine virtuelle Säule rumpelt – und nicht gegen den altehrwürdigen Marmor.
Kai Voigtländer
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