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Das Bein von der Stange

Die Dritte Welt braucht bezahlbare Prothesen

  • SendeterminDienstag, 18. September 2007, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 22. September 2007, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Foto: Frau mit einfacher Prothese
Selbst einfachste Prothesen sind für viele Menschen eine große Hilfe

Die nackte Zahl lässt aufschrecken: Es sind 200 Millionen Menschen. Mehr als die gesamten Einwohner von Deutschland, Frankreich und Italien - so viele Menschen müssen jedes Jahr auf der Welt eine Amputation über sich ergehen lassen. Zweihundert Millionen Finger, Hände, Arme, Zehen, Füße, Beine werden ihnen abgenommen. Für diese Menschen ändert sich nach der Operation oft das ganze Leben: Hunderttausende können nicht mehr arbeiten gehen, in ärmeren Ländern geraten ganze Familien in Existenznot. Vielen dieser Menschen könnte mit einer Prothese geholfen werden. Selbst mit der einfachsten Lauf- oder Greifhilfe könnten sie vielleicht wieder eine Arbeit finden und ihre Familien ernähren.

Ausgeklügelt, zuverlässig, billig

Das Internationale Rote Kreuz engagiert sich schon seit 1979 intensiv für Amputierte in Notlagen – besonders dafür, dass sie Prothesen bekommen. Natürlich dürfen diese nicht viel kosten. Trotzdem sollen sie möglichst lange halten, müssen absolut zuverlässig sein und vor allem den Patienten so viel Bewegungsfreiheit wie möglich schenken. Die Lösung für preiswerte Prothesen bietet eine kleine Schweizer Firma, mit der das Rote Kreuz eng zusammen arbeitet. Ihre Idee: das Baukastenprinzip. Der kleine Betrieb mit knapp 35 Mitarbeitern stellt keine fertigen Prothesen her, sondern Einzelteile, aus denen die Ersatzglieder später montiert werden. Die Bauteile werden zu 77 orthopädischen Zentren in 24 Ländern geschickt. Dort können sie für jeden einzelnen Patienten zu Prothesen zusammengesetzt und speziell angepasst werden. Ein komplettes neues Bein kostet so gerade Mal 150 Euro - zum Vergleich: für die modernste westliche Beinprothese, das C-Leg, werden bis zu 24.000 Euro fällig.

Mehr als nur materielle Hilfe

Foto: Mann in Kittel montiert Prothese
Die Montage der Prothesen erfolgt in den betroffenen Ländern

Insgesamt verlässt eine beeindruckende Menge der Prothesenbauteile die kleine Fabrik: 60.000 Füße, 8.000 Knie, 500 einfache Hände, über 30.000 andere Bauteile für die Prothesen. Die meisten gehen nach Afghanistan, in den Irak, nach Kambodscha, Äthiopien und Myanmar, das frühere Burma. Aus nur fünf größeren und einigen kleineren Teilen entsteht dann dort zum Beispiel ein komplettes Bein. Dass die Prothese dabei individuell an den Patienten angepasst werden kann, ist nur ein Vorteil des Baukastens. Der andere liegt darin, dass die Menschen im Zielland mit dem Selbstbauprinzip auch Know-how erwerben - ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der medizinischen Versorgung in den meist sehr armen Ländern.

Qualifiziertes Personal im eigenen Land

Dann kommen die nächsten Schritte - eine Prothese zu bekommen, ist nur die erste Etappe auf dem Weg zurück in ein normaleres Leben. Denn die Amputierten müssen erst lernen, mit ihren Hilfskörperteilen umzugehen. Alle zwei Jahre brauchen sie eine neue Prothese, Kinder sogar alle sechs Monate. Deshalb ist es wichtig, dass auch im Land qualifiziertes Personal mit den Prothesen umgehen und den Patienten beim Eingewöhnen helfen kann. In den fast 30 Jahren seit Beginn der Projekte hat allein das Internationale Rote Kreuz hunderttausende Prothesen an den Mann, die Frau oder das Kind bringen können.

Ständig neue Opfer

Foto: Mann ohne Beine geht auf seinen Händen
Jeden Tag werden Menschen von Landminen schwer verletzt

Die meisten dieser Menschen wurden Opfer von Kriegen. Viele von ihnen hat eine Landmine verstümmelt. Diese heimtückischen Waffen sind auch lange nach dem Ende eines Konflikts eine unberechenbare Gefahr. Die UNO schätzt, dass jedes Jahr 24.000 Menschen auf eine Mine treten. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber ungefähr jeder Vierte stirbt bei der Explosion oder erliegt später seinen Verletzungen. Von den Überlebenden muss bei etwa 8.000 Opfern mindestens eine Extremität amputiert werden. Ohne die Arbeit von Hilfsorganisationen hätten sie keine Chance, nach einiger Zeit wieder in ein weitgehend selbständiges Leben zurückzukehren.

:

Silvio Wenzel


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