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Sendung vom 02. Oktober 2007
Der Stammbaum der Hominiden
lebte vor ca. 4,4 Millionen Jahren
Ardipethicus ramidus ist das älteste bekannte Mitglied der Hominiden und gilt als Übergangsform zwischen Affen und den späteren Urmenschen. Sein Name setzt sich aus dem äthiopischen Wort "ardi" für "Boden" und dem griechischen Wort "pethicus" für "Affe" zusammen: Ardipethicus, kurz "Bodenaffe".
Sein Gebiss ähnelt auch noch stark dem eines Affen – das zeigen zumindest Skelettteile, die der Paläoanthropologe Tim White 1994 in Äthiopien fand. Bein- und Fußknochen von Ardipethicus ramidus deuten aber bereits darauf hin, dass er etwas aufrechter als ein Affe ging.
lebte vor ca. 4,2 bis 3,9 Millionen Jahren
In der Nähes des Turkana-Sees im heutigen Kenia wurden viele Überreste verschiedener Urmenschenarten entdeckt – so auch einige von Australopithecus anamensis. Sein Name leitet sich zum einen vom lateinischen Wort "australis" für "Süden" und dem altgriechischen Wort "pithekos" ("Affe") ab, zum anderen vom kenianischen Wort "anam" ("See").
Vier Millionen Jahren zuvor war es in dieser Gegend sehr heiß und der See war häufig ausgetrocknet. Es gab kaum Vegetation. Nur wenige hohe Bäume boten Australopithecus anamensis Schutz vor der Hitze. Darum war es wichtig, dass er die weiten Strecken zwischen vereinzelten Baumgruppen gut zurücklegen konnte – und das bereits im aufrechten Gang, mit dem der "Südaffe" wesentlich schneller war als auf allen Vieren. Während sein Körperbau schon recht "modern" war, gleicht seine Kopfform noch der seiner kletternden Vorfahren.
lebte vor ca. 3,9 bis 2,9 Millionen Jahren
Wahrscheinlich starben sie bei einer Überschwemmung: 13 Mitglieder einer Gruppe von Australopithecus afarensis, deren Überreste Forscher Mitte der 1970er Jahre entdeckten. Die Knochenfunde zeigen, dass diese Urmenschen wohl bereits in Familien zusammen lebten. Von dieser Spezies wurden sogar Fußabdrücke in Vulkanasche freigelegt.
Insgesamt fanden Wissenschaftler mehrere Hundert Knochenfragmente von Australopithecus afarensis in Tansania, Kenia und Äthiopien. Der bekannteste von ihnen ist unter einem ungewöhnlichen Spitznamen bekannt geworden: Lucy, benannt nach dem Beatles-Song "Lucy in the sky with diamonds", den die Forscher bei ihren Ausgrabungen im Radio gehört haben sollen. Als sie bei diesem Lied auf ein Skelett stießen, nannten sie es kurzerhand "Lucy". Einige Paläoanthropologen sind der Meinung, Australopithecus afarensis sei der gemeinsame Vorfahre von allen späteren Hominidenarten. Lucy ist daher auch unter dem Namen "Mutter der Menschheit" oder "afrikanische Eva" bekannt geworden. Das war allerdings eine vorschnelle Taufe: Heute vermuten viele Forscher, dass Lucy ein männliches Exemplar seiner Gattung war.
Insgesamt wurden 40 Prozent von Lucys Skelett entdeckt. Somit ist Lucy – egal ob nun männlich oder weiblich – eines der vollständigsten Skelette eines Australopethicus (übersetzt etwa "Südaffe"), die je gefunden wurden.
lebte vor ca. 3 bis 2,5 Millionen Jahren
Australopethicus africanus hatte im Vergleich zu seinen Vorfahren einen gewaltigen Kiefer mit viel kleineren Reißzähnen, dafür jedoch großen Backenzähnen. Mit diesem Gebiss konnte er sich fast ausschließlich von Pflanzen ernähren. Er ging aufrecht und lebte in kleinen Gruppen. Sein Gehirn war allerdings noch viel kleiner als das eines heutigen Menschen: Es hatte ein Volumen von ca. 500 Kubikzentimeter, vergleichbar mit der Gehirngröße eines heutigen Schimpansen.
lebte vor ca. 2,5 bis 2,3 Millionen Jahren
Sein Spitzname lautet "The black skull" –
schwarzer Schädel. Das bedeutet aber nicht, dass
Australopithecus aethopicus zu Lebzeiten eine besonders dunkle
Kopfbehaarung trug – vielmehr hatten sich die
Knochenfragmente, die später von ihm gefunden wurden, erst im
Laufe der Zeit durch manganhaltige Mineralien dunkel gefärbt.
Auf seinem Schädel hatte Australopithecus aethopicus den
größten Knochenkamm aller bekannten Hominiden, an dem
seine Kaumuskeln befestigt waren. Mit seinem riesigen Kiefer konnte
er große Mengen an Nüssen, Blättern und Wurzeln.
Ansonsten gilt er als eine – mit Blick auf andere
Urmenschen-Arten – vergleichsweise kurze Zwischenstufe in der
Entwicklung. Zudem vereinigte er eine verwirrende Mischung aus
primitiven Eigenschaften wie das sehr kleine Gehirn (ca. 410
Kubikzentimeter) und einem eher fortschrittlichen Körperbau
wie die Form seiner Bein- und Beckenknochen.
lebte vor ca. 2,4 bis 1,1 Millionen Jahren
Mit seinen Backenzähnen, die viermal größer waren als die des heutigen Menschen, zermalmte Australopithecus boisei harte Pflanzenfasern und Nüsse mitsamt der Schale. Das Gebiss des "Nussknackermenschen" – wie ihn Forscher nennen – war damit hervorragend an die kargen Mahlzeiten der trockenen Steppe angepasst. Sein Gehirn war jedoch alles andere als riesig: Mit einem Volumen von etwa 500 Kubikzentimetern maß es nur ein Viertel des Gehirns eines durchschnittlichen Erwachsenen heute.
Gegen seinen Konkurrenten Homo rudolfensis konnte sich Australopithecus boisei damit nicht durchsetzen. Beide Gattungen lebten teilweise zur selben Zeit und sogar in derselben Gegend um den Turkana-See im Norden Kenias, wo auch Überreste anderer Urmenschen, die vor ihnen gelebt hatten (wie zum Beispiel Australopithecus anamensis), entdeckt wurden.
Der Nussknackermensch starb schließlich aus, ohne Stammvater einer neuen Menschenlinie geworden zu sein. Seinen Namen verdankt er dem Londoner Geschäftsmann Charles Boise, dem Hauptfinanzier der Grabungen, die den ersten Fund von Australopithecus boisei zu Tage förderten.
lebte vor ca. 2,4 bis 1,8 Millionen Jahren
"Mensch vom Rudolfsee" wird Homo rudolfensis genannt – nach seinem Fundort, hinter dem sich einmal mehr bei solchen Funden der heutige Turkana-See in Kenia verbirgt. Dieser See wurde um 1887 von seinen Entdeckern aus Österreich-Ungarn nach dem österreichischen Kronprinzen Rudolf benannt.
Mit seinem flachen, breiten Gesicht und den menschenähnlichen Oberschenkel- und Fußknochen zählt Homo rudolfensis zu den Affenmenschen und nicht mehr zu den Menschenaffen. Zum ersten Vertreter der Gattung Homo qualifizierte ihn jedoch hauptsächlich sein Gehirn, das mit 600 bis 800 Kubikzentimetern deutlich größer war als das der Australopithecinen. Forscher vermuten, dass Homo rudolfensis tatsächlich auch cleverer war als seine Zeitgenossen: Mit spitzen und scharfen Steinen knackte er die härteste Pflanzenschale. Gelegentlich zerlegte er damit Fleisch oder öffnete Knochen, deren nahrhaftes Mark anderen Tieren – und Hominiden – verborgen blieb. Ein Jäger war Homo rudolfensis jedoch nicht: Er gab sich mit Aas zufrieden, das Raubtiere übrig gelassen hatten.
lebte vor ca. 2,1 bis 1,6 Millionen Jahren
Die Olduvai-Schlucht in Tansania, 1960: Grabungen förderten ein ganz besonderes Skelett zu Tage. Seine Arme waren im Vergleich zu den Beinen sehr lang, eher affenähnlich. Und auch das Hirnvolumen schien unter der Grenze für einen Schädel der Gattung Homo zu liegen. Doch wurde kurzerhand die Untergrenze geändert – und der Fund auf den Namen Homo habilis getauft. Grund dafür war eine andere Entdeckung, die die Forscher machten: Offenbar stellte Homo habilis als erster Hominide Werkzeuge aus Stein her.
Zwar gehen auch heutige Schimpansen geschickt mit Steinen und
Stöcken um, doch wurde noch kein wilder Schimpanse gesichtet,
der selbst Werkzeug anfertigt. Homo habilis hingegen bearbeitete
wahrscheinlich Steinsplitter, um mit ihnen Aas zu zerlegen.
Untersuchungen seines Schädels lassen zudem vermuten, dass er
eine einfache Sprache beherrschte, jenseits des Schreiens und
Grunzens von Affen. Eine Reihe späterer Funde belegt zudem,
dass seine durchschnittliche Gehirngröße doch
größer war, als es beim ersten Fund den Anschein
hatte.
lebte vor ca. 2,0 bis 1,0 Millionen Jahren
Auf dem Speiseplan von Australopithecus robustus standen vor
allem Pflanzen, die er mit seinem mächtigen Kiefer zermahlen
konnte – dies verrät ein Gebiss, das 1938 im
südafrikanischen Kromdraai gefunden wurde. Diese Art von
Gebiss mit den verhältnismäßig kleinen Schneide-
und Eckzähnen und den riesigen Backenzähnen sicherte das
Überleben von Australopithecus robustus in den trockenen
Savannen, wo sein Speiseplan zumeist aus harten Früchten und
Nüssen bestand. Mit Werkzeugen aus gesammelten Knochen grub er
vermutlich nach Knollen und Wurzeln. Groß war
Australopithecus robustus übrigens nicht: Mit einer
Größe von rund 1,10 bis 1,30 Meter hatte er etwa die
Statur eines heutigen Zehnjährigen.
lebte vor ca. 1,8 bis 1,5 Millionen Jahren
Er war ein schneller Läufer, ging aufrecht, verbrauchte kaum Energie und benötigte deshalb nicht viel Nahrung, um große Strecken zu überwinden. Mit jeder Generation breitete sich Homo ergaster (und der nachfolgende Homo erectus) weiter von Afrika in Richtung Asien und Europa aus. Dabei nutzte er vor allem die Wege, die die Eiszeitgletscher geschaffen haben. Forscher gehen davon aus, dass Homo ergaster ein Bewusstsein dafür entwickelte, dass er Teil einer Gruppe war.
Aufgrund des Klimas war Homo ergaster größer als seine mutmaßlichen Nachfahren, der europäische Homo heidelbergensis und der asiatische Homo erectus. Dies belegt zumindest ein Fund aus dem Jahr 1984: Auf der Westseite des Turkana-Sees im heutigen Kenia wurde das nahezu vollständig erhaltene Skelett eines zwölfjährigen Jungen gefunden, der zu Lebzeiten ca. 1,70 Meter groß gewesen sein muss.
lebte vor ca.1,8 Millionen bis 40.000 Jahren
Trotz seines flachen Schädels mit ausgeprägten Wülsten über den Augen war Homo erectus schon sehr modern: Weil er aufrecht ging, konnte er seine beiden Hände frei benutzen – was ihn unter anderem zu einem erfolgreichen Jäger machte. Homo erectus entwickelte starke Sehnen in den Händen und einen flexibleren Daumen.
Und diese Hände waren nicht nur zum Jagen gut: Homo Erectus baute vereinzelt einfache Hütten und lernte, Feuer gezielt zu nutzen. Nur so war es ihm möglich, seine Heimat zu verlassen und sich von Afrika bis nach Asien auszubreiten.
lebte vor ca. 600.000 bis 200.000 Jahren
Im Oktober 1907 wird in einer Kiesgrube bei Mauer in der Nähe von Heidelberg ein Unterkiefer gefunden. Dieser Nähe zu Heidelberg verdankt Homo heidelbergensis seinen Namen. Skelettfunde zeigen, dass er in Europa und in Teilen von Afrika gelebt hat. Auch er war ein erfolgreicher Jäger und ernährte sich vor allem von Großwild. Für die Jagd fertigte er mehr als zwei Meter lange Speere an. Um das Fleisch von den Knochen abzuschaben, setzte er Steinwerkzeuge ein. Da er in Gruppen jagte, vermuten Forscher, dass Homo heidelbergensis schon über eine einfache Sprache verfügte, mit deren Hilfe er sich mit seinen Artgenossen verständigte. Auffällig ist außerdem sein schlanker Körperbau.
lebte in Europa seit ca. 220.000 bis vor ca. 30.000 Jahren
Im August 1856 fanden Kalkarbeiter im Neandertal bei Düsseldorf Knochen. Zuerst vermutete man, dass es sich dabei um Reste eines Bären handelte. Allerdings ließen sich die Knochen keiner bekannten Bärenart zuordnen. Stattdessen stellte sich heraus: Es waren Knochen einer alten menschlichen Gattung: die von Homo neanderthalensis – des Neandertalers. Mit einer Körpergröße von rund 1,65 Meter und seinen robusten Knochen war er im Vergleich zum heutigen Menschen recht schwer gebaut: Er brachte fast 80 Kilogramm auf die Waage. Der stark gebaute Hominid lebte hauptsächlich in Europa und Vorderasien, teilweise parallel zum Homo sapiens. Er ernährte sich hauptsächlich von Fleisch und war wohl die erste Menschengattung, die Kleider fertigte.
lebt seit ca. 160.000 Jahren, seit ca. 65.000 in Europa
Mit seinen immer feineren Werkzeugen – zum Beispiel aus Knochen und Elfenbein – beginnt der Siegeszug des Homo sapiens. Der gängigen Theorie nach brach Homo sapiens vor 100.000 Jahren von Ostafrika ausgehend in den nahen Osten sowie in andere Richtungen Afrikas auf. 40.000 Jahre später sind erste Homo sapiens im Osten und in Europa zu finden. In vielen Teilen der Erde verdrängt er ältere Menschenformen und schafft es, auch in unbesiedelte Gebiete, wie etwa Amerika oder Australien, vorzustoßen. Homo sapiens ist feingliedriger und größer als alle seine Vorgänger. Die Wülste über seinen Augen sind stark zurückgebildet, die Stirn ist höher geworden.
Er ist zudem äußerst intelligent und organisiert – meistens jedenfalls. Vielleicht ist das ein Rezept für seinen Erfolg, denn Homo sapiens ist die einzige Menschenform, die sich durchsetzte und bis heute überlebt hat. Den Beweis dafür können Sie selbst antreten: Schauen Sie in den Spiegel!
Sophie Stigler, Sven Schiefelbein und Tim Gabel
Stand: 02.10.2007
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