Höllenlärm im Reich der Stille
Marinesignale töten Wale und Delfine
- Dienstag, 09. Oktober 2007, 21.00 - 21.45 Uhr
- Samstag, 13. Oktober 2007, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.)
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Schnabelwale lassen sich nur schwer beobachten: Sie leben meist auf hoher See und sind recht scheu
Viele Jahre lang hatte der amerikanische Meeresbiologe Ken Balcomb in den Gewässern vor den Bahamas ganz besondere Tiere beobachtet: Schnabelwale. Diese delfinähnlichen Tiere sehen selbst Wissenschaftler nur selten, denn ihr hauptsächlicher Lebensraum ist die Hochsee. Balcomb hatte Glück: Einige Schnabelwale suchten regelmäßig die Küstengewässer der Bahamas auf. Er folgte den Walen per Boot, schoss tausende von Fotos und gab ihnen Namen. Balcombs Schnabelwal-Studie war einzigartig und für die Fachwelt eine kleine Sensation.
Tätersuche mit Skalpell
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Diese Schnabelwale starben nach einem NATO-Manöver vor den kanarischen Inseln
Am 15. März 2000 war es damit jedoch vorbei. An diesem Tag strandeten einige von Balcombs Schnabelwalen, dazu Delfine und ein Minke-Wal; die Tiere starben. Andere verschwanden spurlos. Was war geschehen? Für Balcomb begann ein Wissenschaftskrimi: die Suche nach der Todesursache – und nach einem Täter. Der Meeresbiologe sezierte einige Tiere noch direkt am Strand. Von Anfang an hatte er einen Hauptverdächtigen: Seit einigen Tagen führte die amerikanische Marine mit großen Kriegsschiffen Manöver vor den Bahamas durch. Und Balcomb wusste, dass es schon früher nach solchen Manövern zu Massenstrandungen von Walen und Delfinen gekommen war – viele starben. Das Ergebnis von Balcombs Untersuchungen erschütterte nicht nur die Fachwelt, sondern auch Tier- und Naturschützer in aller Welt: Das gesamte Gehörsystem der gestrandeten Tiere war blutig – offenbar hatten starke Verletzungen im Innenohr der Wale zu den Strandungen geführt. Verletzungen, die nur entstehen, wenn ein Tier extrem lautem Lärm ausgesetzt ist. Und einen solchen Lärm konnte eigentlich nur eines verursachen: die Sonargeräte der Kriegsschiffe.
Unter Wasser: tödlicher Krach
Sound-Beispiele
Aktives Sonar, oder Echoortung, ist ein uraltes Werkzeug der Natur. Fledermäuse finden so ihre Beute, aber auch Delfine und Wale. Das Prinzip: Ein Pottwal stößt ein sehr lautes Geräusch aus, Klick genannt. Stößt dieser Klick auf ein Hindernis, etwa einen Tintenfisch, wird das Geräusch reflektiert. Mit Hilfe einer Serie dieser Klicks verschafft sich der Wal dann einen genaueren Überblick: Wie groß ist das Objekt? Bewegt es sich? Wohin schwimmt es? Ein Schiffssonar funktioniert ähnlich: Die Sonargeräte erzeugen extrem laute Geräusche, Pings genannt, deren Echo von Objekten unter Wasser zurückkommt. So erkennt die Marine zum Beispiel feindliche U-Boote. Es scheint, als wäre das Leben im Ozean bis 1963 von diesen aktiven Sonaren unbeeinträchtigt geblieben. Doch dann änderte sich die Situation. Die US-Marine führte ein neues Sonar ein, das Pings in Frequenzen zwischen 1.000 und 10.000 Hertz abgab. Es war der amerikanische Meeresbiologe James G. Mead, der feststellte: Erst mit der Einführung dieses Mittelfrequenz-Sonars kam es zu Massenstrandungen von Schnabelwalen. Und das immer öfter; mittlerweile sind überall auf der Welt Massenstrandungen nach Marinemanövern zu beobachten.
Sonar lässt Körperzellen platzen
Die Massenstrandung vor den Bahamas war der erste Fall, bei dem den Militärs unzweifelhaft nachgewiesen werden konnte, dass ihre Sonargeräte die Meerestiere töten. Ken Balcombs Schnabelwale waren offenbar zu nah an den Kriegsschiffen vorbei geschwommen: Der Höllenlärm aus den Sonar-Schallkanonen hatte sie mit voller Wucht erwischt, der Krach war so laut, dass Gewebe des Innenohres platzte. Orientierungslos und mit Schmerzen steuerten die Tiere auf das Land zu, strandeten und starben. Nach einer Massenstrandung vor den Kanarischen Inseln fand der Tierarzt Eduard Degollada in den Blutadern von Schnabelwalen Anzeichen für eine Fettembolie. Das Sonar hatte Körpergewebe zum Platzen gebracht, Fettzellen waren in die Blutbahn eingedrungen und hatten den Blutfluss verstopft.
Wale mit Taucherkrankheit
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Im Jahr 2001 gab die US-Navy zum ersten Mal zu, dass ihr Sonar Wale tötet
Und immer wieder finden Wissenschaftler Gasbläschen im Blut
gestrandeter Wale – Anzeichen für die sogenannte
Taucherkrankheit: Die Taucher- oder Dekompressionskrankheit tritt
auf, wenn ein Taucher zu schnell an die Oberfläche kommt. Der
schnell nachlassende Druck lässt im Blut gelösten
Stickstoff Blasen bilden, so wie Blasen entstehen wenn man eine
Sprudelflasche öffnet. Bewusstlosigkeit, Atemlähmung,
heftige Schmerzen, Lähmungen können die Folgen sein. Doch
wie können Tiere, die für das Tauchen in Tiefen von bis
zu 1400 Metern geschaffen sind, ausgerechnet an der
Taucherkrankheit sterben? Man vermutet, dass tief tauchende Wale,
die einen lauten Sonar-Ping hören, vor Schreck viel zu schnell
auftauchen – mit tödlichen Folgen.
In den USA haben Naturschützer immer wieder gegen die Navy und
ihre Sonar-Experimente geklagt – manchmal sogar mit Erfolg.
Regelmäßig schränken US-Gerichte den Einsatz von
Sonargeräten ein. Doch diese Einschränkungen gelten meist
nur in amerikanischen Gewässern und nicht in Kriegszeiten.
: Ulf Marquardt
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