Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 23. Oktober 2007
Psychologie der Zwillingsbeziehung
Wie Zwillinge sich fühlen, sich verhalten und ihr Leben führen, ist ein eher wenig beachtetes Nebenprodukt der Zwillingsforschung. Sind eineiige Zwillinge wirklich so gleich, wie sie auf den ersten Blick scheinen? Ist mit identischen Genen auch das Erleben und Verhalten gleich? Eineiige Zwillinge besitzen nicht nur denselben genetischen Bauplan, sie wachsen in der Regel auch gemeinsam in derselben Umwelt auf - Familie, Nachbarskinder, Kindergarten und Schule werden gemeinsam erlebt. In den ersten Jahren sind Zwillinge meistens nicht für längere Zeit voneinander getrennt. Und doch sind Unterschiede zwischen den beiden Geschwistern festzustellen.
Oberflächliches Wissen über eineiige Zwillinge beruht oft auf Gemeinplätzen – so heißt es häufig, dass der Erstgeborene der Dominantere ist, selbst wenn nur wenige Minuten Altersunterschied zwischen den beiden Geschwistern besteht. Rein statistisch ist eine solche Aussage aber nicht haltbar. Inzwischen hat sich nach Feststellung der Geschwisterforscher ein grundlegender Wandel in der Erziehung vollzogen. Den "erstgeborenen Stammhalter" gibt es so gut wie nicht mehr. Einen Zusammenhang zwischen Dominanz und Geburtsreihenfolge liegt laut Untersuchungen des Psychologen Hartmut Kasten von der Universität München unter fünf Prozent und ist damit statistisch nicht relevant. Stattdessen haben Psychologen festgestellt, dass es bei Zwillingen eine durchaus ausgewogene Rollenverteilung gibt. Dabei gleichen sich Über- und Unterlegenheit auf verschiedenen Gebieten aus – ist der eine zum Beispiel gut darin, auf andere Leute zuzugehen, punktet der andere dafür vielleicht beim logischen Denken.
Weil sie sich so gleichen, verwechseln Außenstehende die eineiigen Zwillinge oft miteinander. So leiden die Kinder häufig darunter, dass sie nicht als eigenständige Persönlichkeiten betrachtet werden. Selbst die eigenen Eltern machen es ihnen nicht leicht - sie neigen dazu, die Zwillinge ständig miteinander zu vergleichen. Kleine Unterschiede werden dann stark überhöht, der Kontrast zwischen beiden Geschwistern vergrößert sich in der Wahrnehmung. Die Eltern weisen den Kindern auch oft Rollen zu, etwa die des Dominanten und des Zurückhaltenden. Dieser Kontrast ist objektiv meist gar nicht so stark vorhanden, beeinflusst aber die Kinder in ihrer eigenen Beziehung zueinander. Einen bemerkenswerten Beleg dafür haben Forscher der Technischen Universität Braunschweig gefunden.
In ihrer Studie zur Identitäts- und Sprachentwicklung von Zwillingen wussten die Forscher nicht, ob sie es mit eineiigen oder zweieiigen Zwillingen zu tun hatten. Die Psychologen wollten damit vermeiden, dass ihre Ergebnisse durch Vorurteile beeinflusst werden. Nach Ende der Beobachtungen wurde durch einen genetischen Fingerabdruck festgestellt, ob die untersuchten Zwillinge eineiig oder zweieiig waren. Im Rahmen dessen fragten die Forscher auch die jeweiligen Eltern, ob sie glaubten, eineiige oder zweieiige Zwillinge zu haben. Alle Eltern von zweieiigen Zwillingen lagen bei ihrer Einschätzung richtig. Doch fünf von zwölf Elternpaaren mit eineiigen Zwillingen hielten ihre Kinder eher für zweieiig - so überzeugt waren sie von der Verschiedenheit der Geschwister. Sie glaubten fest daran, dass die von ihnen wahrgenommenen Unterschiede nur auf verschiedene Gene zurückzuführen sein können. Dass sie selbst die Unterschiede überhöhten, war ihnen nicht bewusst.
Wie erleben die Zwillinge einander? Viele Studien arbeiten mit Fragebögen, in denen sich Zwillinge selbst einschätzen. Die Selbstwahrnehmung kann jedoch kein vollständiges und objektives Bild zeichnen und gerade die ersten Lebensjahre sind damit kaum zu erfassen. Um der Entwicklung in den frühen Jahren auf die Spur zu kommen, haben die Braunschweiger Wissenschaftler untersucht, ab wann eineiige Zwillinge sich selbst namentlich benennen können, und zwar im Vergleich mit anderen Geschwisterkonstellationen. Normalerweise entwickeln Kinder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr die Fähigkeit, ihr Abbild im Spiegel oder auf Fotos mit dem eigenen Namen benennen zu können. Das Wörtchen "Ich" taucht erst später auf. Eineiige Zwillinge haben es da schwerer. Im Spiegel oder auf Fotos glauben sie nicht, sich selbst zu sehen - sie erkennen nicht sich, sondern ihren Zwillingsbruder oder ihre Zwillingsschwester. Im Vergleich mit zweieiigen Zwillingen und normalen Geschwistern hinken sie in der Entwicklung ein paar Monate hinterher. Erst mit vier Jahren ist kein Unterschied mehr zwischen eineiigen Zwillingen und anderen Kindern festzustellen.
Wenn sie klein sind, nutzen Zwillinge gerne die Vorteile des Lebens im Doppelpack. Wenn der eine in einem Bereich etwas besser kann, wird er in der Regel vorgeschickt und zieht den anderen mit. Diese Verbundenheit und Vertrautheit zwischen eineiigen Zwillingen ist in den meisten Fällen größer als bei anderen Geschwistern und zieht sich durch alle Lebensphasen. Am Anfang des Erwachsenenalters löst sich die starke Bindung zu Gunsten von Beziehungspartnern. Diese fühlen sich jedoch oft dem Zwilling gegenüber zurückgesetzt und berichten, dass sie die Liebesbeziehung nicht als gleich nah und intensiv empfinden wie das Verhältnis der Zwillinge zueinander. Im Alter ist die Nähe und Verbundenheit zwischen Zwillingen im Vergleich mit der zwischen normalen Geschwistern besonders groß. Das belegen Studien des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung. In allen untersuchten Bereichen der Geschwisterbeziehung hatten eineiige Zwillinge die höchsten Werte: Sie wohnen näher zusammen, sehen sich häufiger, unterstützen sich gegenseitig und sind mit ihrer Beziehung zufriedener. Ihre Beziehung wird im Alter wieder so nah, wie sie in Kindertagen gewesen ist.
Falko Daub
Stand: 02.10.2006
Seite teilen