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Quarks & Co
Sendung vom 30. Oktober 2007
Alle Jahre wieder
Im Volksmund wird die Bezeichnung Grippe häufig für einen grippalen Infekt oder eine Erkältung benutzt. Doch dabei handelt es sich um verschiedene, in der Regel harmlos verlaufende Viruserkrankungen. Die echte Grippe, die Influenza, ist eine durch den Influenzavirus A oder B ausgelöste Infektionskrankheit. Von ihr geht wirkliche Gefahr aus – denn sie kann tödlich sein. Jedes Jahr sterben in Deutschland Tausende an den Folgen einer Grippe. Vor allem alte, kranke und schwache Menschen. Besonders gefährlich wird es, wenn große Teile der Bevölkerung betroffen sind und sich eine Epidemie oder weltweite Grippewelle entwickelt. So war es 1918, als die so genannte „spanische Grippe“ nach Schätzungen bis zu 50 Millionen Todesopfer auf der ganzen Welt forderte.
Fängt man sich einen Grippevirus ein, merkt man dies zunächst nicht. Die Viren kommen meist über die Schleimhäute von Augen, Nase oder Mund – Tausende von ihnen, die sich in den winzigen, ausgehusteten oder ausgeniesten Tröpfchen kranker Mitmenschen befinden. Deshalb heißt dieser Übertragungsweg auch Tröpfcheninfektion. Sind die Viren erst einmal bis tief in die Bronchien gelangt, können sie dort ihr zerstörerisches Werk beginnen. Normalerweise sind die Lungenzellen durch eine Schleimschicht geschützt. Auf ihr bleiben die meisten Fremdkörper und Erreger kleben. Flimmerhärchen transportieren den Schleim mit dem unerwünschten Ballast dann wieder nach außen Richtung Rachen. Aber das Grippevirus löst mit einem Enzym den schützenden Schleim auf und legt damit die Zellen frei. So kann es ungehindert eindringen. In der Zelle vermehrt es sich explosionsartig. Schon nach wenigen Stunden verlassen unzählige neue Viren die befallene Zelle, die dadurch abstirbt.
Fast jedes Jahr schwappt eine Grippewelle durch Deutschland.
Ihre Heftigkeit hängt unter anderem davon ab, welche Varianten
des Grippevirus unterwegs sind. Denn: Manchmal kommen die Viren in
nur wenig veränderter Gestalt – dann sind viele Menschen
gegen die neue Infektion immun und überstehen die Grippewelle
unbeschadet. Wenn aber eine Variante im Umlauf ist, die sich
stärker von ihren Vorgängern unterscheidet, dann werden
besonders viele Menschen krank. Grippeviren verändern
nämlich ständig ihre Gestalt, indem sie ihr Erbgut
variieren. Dazu benutzen sie zwei Strategien – eine
kontinuierliche Veränderung, auch
Drift genannt, oder eine sprunghafte
Veränderung,
Shift genannt. So gelingt es den Viren immer
wieder, große Epidemien auszulösen – weil die
Menschen einfach nicht gegen einen Angriff veränderter Viren
gerüstet sind.
Im Herbst kommen die Warnungen der Mediziner und Ärzte, dass nur rechtzeitiges Impfen vor einer Grippe-Infektion schützt. Eine Impfung empfehlen sie vor allem chronisch Kranken und alten Menschen. Wegen der ständigen Verwandlung der Viren ist es aber schwer, einen wirksamen Impfstoff zu produzieren. Zwar wird jedes Jahr ein neuer, aktueller Grippe-Impfstoff zusammengesetzt. Trotzdem hinkt er dem gewandelten Virus immer einen Schritt hinterher: Um dem Virus aber möglichst nahe zu kommen, gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr drei Virus-Stämme vor, die in den jährlich neu zu produzierenden Impfstoff müssen. Die WHO orientiert sich an den Grippeviren, die in der vorangegangenen Saison am häufigsten zirkulierten. Die Experten beobachten dafür laufend die Entwicklung in Asien. Denn dort entstehen immer wieder neue Grippeviren. Für die Impfstoffproduktion wird auf diese Weise jedes Jahr ein neues, so genanntes „Saatvirus“ kreiert und an die Pharmahersteller verschickt. Dieses „Saatvirus“ dient als Vorlage für die Grippe-Impfstoffproduktion.
Die Grundlage für die Herstellung des jährlichen Grippe-Impfstoffes bilden Hühnereier. Die großen Hersteller ordern dafür bereits Monate im Voraus bei ausgesuchten Eierfabrikanten ihren Bedarf. Diese müssen dann zunächst ganze Hühnerherden unter strengen hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen aufbauen. Die Eier, die von diesen Hühnern gelegt werden, sind besonders arm an Keimen. Mit einer Spritze injizieren Laboranten das gerade aktuelle Grippevirus, das „Saatvirus“, ins Ei. Dort vermehren sich die Viren oder einige Bestandteile davon. Schließlich geht es an die Ernte: Die Viren werden aus der Eiflüssigkeit isoliert, gereinigt und weiterverarbeitet. Sie müssen erst noch unschädlich gemacht werden, bevor sie Menschen eingeimpft werden können. Dies geschieht mit chemischen Mitteln wie Formalin, oder durch Hitze. Der gesamte Prozess ist aufwändig und dauert von der Bestellung bis zum fertigen Produkt 6 Monate. Auf diese Weise werden jedes Jahr weltweit rund 350 Millionen Grippe-Impfstoffe produziert.
Die Produktion des Grippe-Impfstoffes in Eiern ist arbeitsintensiv und zeitaufwendig. Das ist ein Problem – insbesondere, wenn plötzlich ein gefährliches, noch unbekanntes Virus auftauchen sollte. Nach der Isolation des entsprechenden Erregers würde eine weltweite Grippewelle über ein halbes Jahr wüten, bevor es einen ersten Schutz geben könnte. Doch im Fall einer solchen Grippe-Pandemie ist die ausreichende Impfstoffproduktion durch den Bedarf an Millionen von Eiern sowieso nicht zu realisieren. Ei-Impfstoffe haben aber noch weitere Nachteile: Sie erfordern eine komplizierte Aufreinigung und können Nebenwirkungen verursachen. Ein besonderes Problem sind Allergien gegen das Ei-Protein.
Weiteres Manko: Der Produktionsprozess ist für Verunreinigungen anfällig und deshalb ist der Einsatz großer Mengen Antibiotika nötig. Auch deshalb suchen die Pharmafirmen nach neuen Methoden, um die Hühnereier in der Produktion loszuwerden. Die großen Hersteller beschäftigen sich dafür mit der Entwicklung von Impfstoffen auf der Basis von Zellkulturen. Dadurch könnte die Entwicklung eines Impfstoffes beschleunigt werden. Es würde dann nur noch neun Wochen statt einem halben Jahr dauern, bis ein neuer Impfstoff vorliegt. Eine neue Produktionsanlage, die auf diese Weise Impfstoffe herstellt, wurde bereits im Oktober 2007 in Marburg eingeweiht. Wann aber die ersten Impfstoff-Chargen auf den Markt kommen steht noch nicht fest. Die generelle Zulassung für dieses Verfahren hat der Pharmariese Novartis zwar schon im Juni 2007 erhalten. Die saisonale Zulassung für die aktuellen Virusstämme steht aber noch aus.
Carsten Binsack, Katrin Krieft, Daniel Münter, Harald Raabe, Silvio Wenzel, Tilman Wolff
Stand: 06.11.2007
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