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Quarks & Co
Sendung vom 04. Dezember 2007
Machen Gewaltspiele dumm?
Von außen sieht man nichts. Mit oft versteinerter Miene starren Kinder auf den Bildschirm. Sei es, dass sie sich gerade einen Horrorfilm reinziehen oder bei einem Computerspiel möglichst viele Spielfiguren abknallen, sie bleiben scheinbar ungerührt. Aber was passiert tatsächlich hinter der coolen Fassade? Gehen die Gewaltbilder spurlos an den Kindern vorbei? Oder hinterlassen sie Spuren im Gehirn? Eltern, Erzieher, Lehrer und Psychologen, aber auch besorgte Politiker fragen sich das angesichts eines vermeintlichen Zusammenhangs zwischen hohem Gewalt-Medienkonsum und Jugendkriminalität. Mehrere Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen haben diesen Zusammenhang klar belegt - vor allem bei Jungen.
Eine Untersuchung von Brad Bushman, University of Michigan (USA) von 1998 zeigte, dass Werbung, die in gewalthaltige Filme eingestreut wird, schlechter im Gedächtnis bleibt als Werbung, die in gewaltneutrale Film eingebettet ist. Bisher gab die Forschungslage aber noch kein klares Bild dazu ab, ob das Gehirn wirklich durch Fernsehen oder Computerspiele unmittelbar beeinträchtigt wird. Wenn ja, könnte das weitreichende Folgen haben - zum Beispiel bezüglich der Schulleistungen. Die wiederum haben einen wichtigen Einfluss auf das Verhalten, ist doch die Schule ein wichtiger Sozialisierungsfaktor. Die Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen haben sich besonders auf diesen Zusammenhang konzentriert. Ihre These: Gelerntes aus der Schule wird von actionreichen Gewaltszenen einfach verdrängt. Diese Annahme ist als die sogenannte Löschungshypothese bekannt, und die Hannoveraner Forscher wollten sie mit ihrer Studie überprüfen.
Die Probanden, die an der Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen teilgenommen habe, waren junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren - mit Kindern ist ein solcher Versuch aus ethischen Gründen nicht machbar, weil den Probanden Filme und Spiele gezeigt wurden, die erst ab 18 freigegeben sind. Die an der Studie beteiligten Psychologen, Medienwissenschaftler und Sozialwissenschaftler sind aber der Meinung, dass man die Ergebnisse durchaus auf Kinder übertragen kann. „Es gibt keinen Grund, warum die Wirkungen der Gewaltbilder auf Kinder anders sein sollten als auf junge Erwachsene“, so Florian Rehbein, der Versuchsleiter.
Die insgesamt 360 Probanden wurden mit verschiedenen Arten von Gewaltvideos und Computerspielen konfrontiert. Die einen schauten Gewalt-Videofilme, die anderen gewaltfreie Videofilme. Bei den Computerspielen wurden die Gruppen genauso unterteilt: Die einen spielten harmlose Spiele, die anderen Ballerspiele mit gewalthaltigen Bildern. Außerdem gab es bei jedem Durchgang eine Kontrollgruppe mit einem Kontrastprogramm; diese spielte Tischtennis, Dart oder Tischfußball. Sowohl unmittelbar vor als auch unmittelbar nach diesen Versuchsszenerien machten alle Probanden einen Konzentrations- und einen Merkfähigkeitstest. Die Forscher wollten so prüfen, ob Konzentration oder Merkfähigkeit durch den Medienkonsum nachgelassen hatte.
Das Ergebnis: Bei der Merkfähigkeit verzeichneten die Forscher keine Unterschiede. Das erstaunte sie sehr, waren sie doch zu Beginn der Studie noch recht sicher gewesen, dass gemäß der ersten Annahme die Gewaltspiele und –bilder eine negative Wirkung auf das Gedächtnis haben würden. Die Löschungshypothese müssen die Forscher nun wahrscheinlich verwerfen.
Dafür gab es aber eine große Überraschung bei der Auswertung der Konzentrationstests: Die Probanden, die sich mit den Ballerspielen und ihren gewalthaltigen Bildern beschäftigt hatten, fielen danach in ihrer Konzentrationsfähigkeit deutlich ab: Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die auch nach dem Tischtennis-, Kicker- oder Dartspielen 100 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit erreichte, kamen die Gewaltspieler nur noch auf 77 Prozent der Konzentrationsleistung im Vergleich mit der Kontrollgruppe. Die Normalgucker vor dem Fernseher erreichten 91 Prozent, die Spieler harmloser PC-Spiele kamen auf 88 Prozent, und selbst diejenigen, die Gewaltfilme vor dem Fernseher konsumiert hatten, konnten im Vergleich zur Kontrollgruppe noch zu 88 Prozent ihre Konzentrationsleistung bringen. Keine Gruppe hatte also so große Einbußen erlitten wie diejenige, die Computerspiele mit gewalthaltigen Bildern durchgespielt hatte.
Die Informationsverarbeitung scheint also ganz am Anfang, bei der Konzentration nämlich, gestört zu sein. Dass Lernvorgänge, und damit auch die Konzentration, durch äußere Einflusse erheblich gestört werden kann, ist bekannt – ein Faktor ist hier zum Beispiel Stress. Und dass Computerspiele, vor allem die mit gewalthaltigen Bildern, Stress erzeugen, ist ebenfalls bekannt: Physiologen haben nachgewiesen, dass sich dabei Herzschlag und Blutdruck erhöhen und verstärkt das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird.
Es gibt noch weitere Erklärungen dafür, warum starker Medienkonsum zu schlechten Schulleistungen führen kann – eine ist ganz schlicht der Zeitaufwand: Wer acht Stunden am Tag Computer spielt oder fernsieht, hat keine Zeit mehr für Hausaufgaben oder fürs Nachdenken über Dinge, die in der Schule gelernt wurden. Und auch die Bewegungslosigkeit vor dem Computer oder Fernseher wird von einigen Forschern als möglicher Grund für schlechte Schulleistungen gesehen. Denn dass Bewegung sich positiv auf kognitive Leistung auswirkt, weiß man schon lange.
Viele Computerspiele stellen den Spieler vor die Aufgabe, auf eine Fülle visueller Reize möglichst schnell zu reagieren. Wichtig für den Spielerfolg sind also: schnelle Reaktion, gute Augen-Hand-Koordination und ein guter Überblick über die visuellen, oft gleichzeitig auftauchenden Reize. Eine tiefere gedankliche Auseinandersetzung, wie eine spezifische Situation zu bewerten ist oder welche Handlung in dieser Situation das Problem lösen könnte, sind nicht gefragt. Im Gegenteil: Umständliche Entscheidungsprozesse vermindern sogar den Spielerfolg. Die Quantität der Reaktionen ist bei den meisten Spielen wichtiger als die Qualität. Eine Konsequenz häufigen Spielens könnte sein, dass das Gehirn durch diese Spezialisierung auf schnelle, unreflektierte Reaktionen andere Fähigkeiten, wie etwa konzentriertes Problemlösen, einbüßt. Doch gerade das wird in der Schule häufig gefordert. Ständiges Spielen von Gewaltspielen könnte also dazu führen, dass das Gehirn sich anders spezialisiert als für die Schule erwünscht – die Fähigkeiten verlagern sich. Und das könnte am Ende die Erklärung für schlechte Noten sein. Vielleicht auch für Schlimmeres: Die Hannoveraner Forscher wollen als nächstes prüfen, ob die Gewaltbilder auch langfristig die Gehirnfunktionen beeinträchtigen können.
Ilka aus der Mark
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