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Quarks & Co
Sendung vom 04. Dezember 2007
Computer im Kindergarten
In den USA verbringen schon 16 Monate alte Kinder im Durchschnitt 75 Minuten am Tag vor dem Bildschirm, so eine amerikanische Studie. Diese Zahl lässt sich zwar nicht ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen. Aber hierzulande kommen Kinder ebenfalls immer früher mit Fernsehen und Computer in Kontakt. Auch im Kindergarten setzen Erzieher vermehrt Computer ein - frühe Förderung ist das Stichwort. Aber wie groß ist die Gefahr, dass dabei die Grundlage für eine Medienkarriere entsteht, die auf immer mehr und immer wahlloseren Konsum hinausläuft? Wenn Eltern die Wahl haben, ihr Kind in einem Kindergarten mit Computernutzung anzumelden oder in einem anderen - wie sollen sie sich entscheiden? Quarks& Co hat bei verschiedenen Experten nachgefragt und festgestellt, dass die Einschätzungen weit auseinander gehen.
Für einen Kindergarten mit Computer spricht sich Prof. Dr. Stefan Aufenanger aus. Er ist Medienpädagoge an der Universität Mainz und sieht die Situation pragmatisch: „Der Computer ist ein Teil der Lebenswirklichkeit heutiger Kinder, auch von Kindergartenkindern. Und es ist eine Aufgabe des Kindergartens, das pädagogisch aufzugreifen und den Kindern Medienkompetenz zu vermitteln.“
Im Auftrage der Landesmedienanstalt Hessen hat Prof. Aufenanger untersucht, welchen Effekt der Einsatz von Computern im Kindergarten hat: 132 Kindergartenkinder wurden 18 Monate lang begleitet. An einem speziell eingerichteten Computerarbeitsplatz konnten die Kinder mit verschiedenen Programmen arbeiten. Die Medienpädagogen überprüften dabei die kognitive Entwicklung, und analysierten mit Hilfe von Videoaufnahmen das Verhalten der Kinder. Prof. Aufenanger zieht ein positives Fazit: „Wir konnten zeigen, dass die Kinder in ihrer Entwicklung bezüglich des Denkens oder des Sprechens keine Verzögerung aufweisen. Im Gegenteil, sie profitierten teilweise vom Computer. Mit den Videoaufnahmen konnten wir auch nachweisen, dass die Kinder sich vor dem Computer sozial verhalten: Sie helfen sich gegenseitig, kooperieren miteinander. Und überraschenderweise gab es am Computer weniger Streit als etwa in der Puppen- oder Bauecke“.
Die Studie zeigt auch, welche Fortschritte die Kinder nach und nach machen: Sie lernen mit der Maus umzugehen, sie verstehen, wie sie durch verschiedene Menüs manövrieren können. Schließlich wird der Umgang mit dem Computer selbstverständlich und sie bedienen ihn ohne Scheu. Es gibt auch Erfolge über das reine Bedienungslernen hinaus, so der Medienforscher: „Beim Umgang mit dem Computer, mit entsprechender Software, lernen die Kinder auch vernetztes Denken. Sie lernen, sich in verschiedene Perspektiven hinein zu versetzen, etwa in verschiedene Räume, die Spiele natürlich auch haben. Und das ist etwas, was die Entwicklung des Denkens auch vorantreiben kann.“
Entschiedener Kritiker des frühen Medieneinsatzes ist Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen. Er drückt es drastisch aus: „Für die 3- bis 6-Jährigen im Kindergartenalter ist ein Computer im Zimmer ein Stück Körperverletzung. Denn die Kinder werden ja künstlich festgehalten, ihr Bewegungsdrang kommt nicht richtig zum Tragen. Und sie werden krank davon.“ Pfeiffer stützt sich auf eine amerikanische Studie, die zeigt, dass Computernutzung in frühem Alter zu Hyperaktivität führen kann: Mit jeder Stunde, die ein 2- bis 5-Jähriger vor dem Bildschirm verbringt, erhöht sich das Risiko, dass das Kind zum Zappelphilipp wird, um 9 Prozent - eine ganze Generation von hyperaktiven Kindern könnte heranwachsen.
Wohin das führt, hat Prof. Pfeiffer in einer eigenen Studie gezeigt. Er untersuchte an seinem Institut, ob sich Computerspielen auf die Schulleistungen von Grundschulkindern auswirkt. Das Ergebnis: Je mehr Computer und Fernsehen zu Hause genutzt werden, umso schlechter sind die Schulleistungen. In Mathematik sind die Spielefreaks fast eine ganze Note (0,7) schlechter als Kinder, die nicht vor dem Computer sitzen.
Dem widerspricht allerdings eine Auswertung der PISA-Befragung aus dem Jahr 2003: Forscher des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften fanden heraus, dass die häusliche Computernutzung keinen negativen Einfluss auf die mathematischen Fähigkeiten und die Schulnoten hat.
Laut Prof. Pfeiffer jedenfalls hat das, was sich auf dem Monitor abspielt, eine hohe Anziehungskraft für Kinder. Und darin sieht er auch die größte Gefahr bei Computern im Kindergarten: „Die paar Minuten, die Kinder dort den Computer benutzen, sind unproblematisch. Aber sie werden angefixt. Es entsteht ein Bedürfnis, das sie hinterher zuhause befriedigt haben wollen. Außerdem sehen die Eltern, die in den Kindergarten kommen: Mein Max spielt da ja Computer, dann muss das pädagogisch wertvoll sein. Und schon kaufen sie einen für das Kinderzimmer, aus Minuten werden Stunden - dann wird es problematisch.“
Medienpädagoge Stefan Aufenanger sieht das anders: Gerade damit dieser wahllose Konsum nicht eintritt, sollen die Kinder seiner Meinung nach im Umgang mit Medien möglichst frühzeitig fit gemacht werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder gezielter mit den verschiedenen Medien umgehen können, je früher sie damit in Kontakt kommen. Trotzdem wollen auch Medien-Befürworter wie Stefan Aufenanger den Computer nicht zur Pflicht machen. Wichtig ist nach Meinung der Experten jedoch, dass die Kinder nicht an den Computer gezwungen werden, sondern von sich aus das Interesse haben.
Solange es freiwillig ist und sinnvoll begleitet wird, können nach Meinung von Stefan Aufenanger schon 3-Jährige an den PC - allerdings nicht beliebig lange: Eine halbe Stunde pro Tag ist das absolute Maximum. Auch Kritiker Pfeiffer will nicht zurück zur Steinzeit und findet, dass Kinder das Internet nutzen und E-Mails schreiben sollen. Aber aus seiner Sicht reicht es, wenn sie damit im Alter von 10 Jahren beginnen.
In einem Punkt sind sich Gegner und Befürworter allerdings einig: Hände weg von so genannten Kinder- oder Lerncomputern. Diese sind meistens teuer, haben oft eine miserable Bild- und Tonqualität und bieten nur wenige Möglichkeiten. Außerdem gehen sie meistens von einem falschen didaktischen Ansatz aus: Den Kindern werden konkrete Lerninhalte, zum Beispiel Matheaufgaben, vorgesetzt. Dabei ist es in diesem frühen Alter viel wichtiger, Kreativität und Phantasie zu fördern. Etwa, indem Kinder selbst gemachte Digitalfotos am Computer ansehen und bearbeiten. So lernen sie den Computer spielerisch als ein Werkzeug für Vieles kennen - nicht als Paukmaschine.
Ulrich Grünewald
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