Unterschätzt oder überfordert?

Wie Kinder das Fernsehen verstehen

  • Dienstag, 04. Dezember 2007, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 08. Dezember 2007, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.)

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Foto: Ein Comicaffe leitet durch den Test

Ein lustiger Affe führt die Kinder durch den Test

Kinder lernen alles Schritt für Schritt – das gilt für das Laufen, Sprechen und Schreiben genauso wie für den Umgang mit Medien wie dem Fernseher: Ein Baby wird immer versuchen, einen Gegenstand, den es auf einem Bildschirm sieht, auch anzufassen. Die Erkenntnis, dass das nur ein Bild ist, kommt Kindern erst mit etwa 18 Monaten, in diesem Alter ist die Grundlage für das Verstehen des Mediums hergestellt. Doch wie entwickelt sich diese Fähigkeit weiter? Das erforschen die Psychologen Gerhild Nieding und Peter Ohler von der Uni Würzburg und der TU Chemnitz an ungefähr 200 Testkindern im Alter von vier bis sieben Jahren. Alle sechs Monate setzen sich Psychologen mit den kleinen Probanden an einen Laptop und machen mit ihnen einen Test. Eine Comicfigur leitet die Kinder durch die spielerisch aufgebauten Fragen, die Forscher stufen danach die Fähigkeiten der Kinder ein.

Spielfilme erkennen

Foto: Ein achtjähriger Junge vor einem Laptop beim

Fernsehkompetenztest: Welcher Ausschnitt ist ein Spielfilm?

Unter anderem geht es darum, ob die Kinder verschiedene Genres unterscheiden – und ob sie wissen, was dahinter steckt: Ein Dokumentarfilm bildet Geschehnisse ab, die sich wirklich ereignet haben, ein Spielfilm nicht. Im Test sehen die Kinder Szenen aus Hollywoodfilmen auf der einen und aus Dokumentationen und privaten Videos auf der anderen Seite. Per Mausklick sollen sie nun entscheiden, welche der gezeigten Ereignisse sich wirklich zugetragen haben. Ist es die Szene aus Star Wars oder ein Stück aus einer Dokumentation über ein Weltraumlabor? Schon Vierjährige liegen hier oft richtig. Spätestens mit sieben Jahren wählen die meisten Kinder sicher den richtigen Film. Trotzdem wissen meistens erst die Elfjährigen, dass ein Polizist im Film von einem Schauspieler dargestellt wird und nicht auch im wirklichen Leben Polizist ist. Weil die Medienkompetenz sich erst nach und nach entwickelt, ist die Würzburger Studie eine Längsschnittstudie, in der die Tests drei Jahre lang alle sechs Monate wiederholt werden. So dokumentieren die Forscher die Entwicklung.

Vorsicht Werbung!

Foto: Werbung im Test

Werbung gegen Kinderfilm: Erkennen die Kinder die Reklame?

Erstaunlich gut schneiden die meisten Kinder dabei ab, Werbung vom übrigen Programm zu unterscheiden. Im Test sollen sie unter drei Bildern, die sie auf dem Bildschirm sehen, dasjenige anklicken, das keine Werbung zeigt. Schon manche Vierjährige schaffen das - was aber noch nicht heißt, so die Würzburger Entwicklungspsychologin Prof. Gerhild Nieding, „dass sie dann auch schon verstehen, dass ihnen die Werbung etwas verkaufen will. Das kommt erst mit etwa acht Jahren. Und noch später erst begreifen Kinder schließlich, dass das Produkt nicht immer hält, was die Werbung verspricht.“

Können die Kinder Geschichten folgen?

Foto: Ein Testkind spielt einen Film nach

Rückblende erkannt? Ein Testkind spielt einen Film nach

Die Psychologen interessiert auch, ob Kinder die Art und Weise verstehen, wie ein Film eine Geschichte erzählt. Kommen sie damit zurecht, wie er geschnitten ist? Können sie beispielsweise der Handlung auch dann folgen, wenn der Film eine Rückblende enthält? Die jungen Testkandidaten schauen dafür einen kurzen Film und spielen ihn dann mit Spielzeugfiguren nach. Erkennen sie die enthaltene Rückblende? Erzählen sie das Geschehene also chronologisch nach? Auch diese Aufgabe meistern die meisten Kinder, wenn sie in die Grundschule kommen. Vor allem, wenn sie schon Erfahrungen mit dem Fernseher gesammelt haben.

Fernsehen nicht verbieten

Foto: Die Psychologin Gerhild Nieding

Die Psychologin Gerhild Nieding hält nichts von pauschalen Fernsehverboten

Gerhild Nieding wendet sich daher gegen pauschale Fernsehverbote: „Wer Kindern das Fernsehen verbietet, nimmt ihnen die Möglichkeit, kompetent im Umgang mit den Medien zu werden. Und nur wenn Kinder medienkompetent sind, können sie die positiven Wirkungen, die Medien ja auch nachweislich haben, nutzen. Dazu gehören Bildungsprogramme und pädagogisch wertvolle Computerlernspiele oder auch Filme, die insbesondere kleinen Kindern auch komplexe Sachverhalte erzählen können.“ Für Gerhild Nieding bedeutet das allerdings nicht, dass Kleinkinder stundenlang vor dem Fernseher sitzen sollten. Sie sollten vielmehr mit unterschiedlichsten Medien Erfahrungen sammeln dürfen, und dazu gehört nach Meinung der Forscherin auch das Fernsehen: Kinder lernen durch das Fernsehen, durch Bücher und Computer, die Medien besser zu verstehen, meint Gerhild Nieding. Und darüber hinaus? Neben der Medienkompetenz testeten die Experten in ihrer Studie auch sprachliche und mathematische Fähigkeiten der Kinder: Diejenigen, die besonders fit im Umgang mit den Medien waren, taten sich auch am leichtesten beim Lesen- und Rechnenlernen. Das weist darauf hin, dass Kinder, die schon im Vorschulalter fernsehen, nicht zwangsläufig schlechter in der Schule abschneiden als andere. Die Psychologen aus Würzburg und Chemnitz vermuten sogar das Gegenteil: Medien scheinen Kindern dabei zu helfen, die Welt besser zu begreifen.

: Frank Nischk, Ismeni Walter




Grafik: Ist mein Kind computersüchtig? Eine Checkliste für Eltern; entwickelt von der Suchtforschungsgruppe der Universität Mainz.

Checkliste Computersucht

Ist mein Kind computersüchtig? Eine Checkliste für Eltern; entwickelt von der Suchtforschungsgruppe der Universität Mainz.

[mehr]
Grafik: Quarks-Bildschirm-Quiz

Quarks-Bildschirm-Quiz

Beweisen Sie Medienkompetenz. In unserem Quiz.

[mehr]

Die Top10 Videos im April

Schauen Sie sich hier die beliebtesten Quarks & Co-Videos aus dem April an.

[mehr]

Die Top Zuschauerfragen

Hier sehen Sie die beliebtesten Zuschauerfragen und ihre Auflösungen.

[mehr]

Service

Skript, Newsletter, Mitschnitt & Co.

[mehr]