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Quarks & Co
Sendung vom 15. Januar 2008
Apophis: Der Brocken, der die Erde bedroht
Es ist ein furchterregendes Szenario: Ein großer Felsbrocken aus dem All stürzt auf die Erde, verwüstet ganze Landstriche, tötet viele Menschen. Um diese Bedrohung frühzeitig zu erkennen, sind einige der großen Teleskope der USA ausschließlich der Suche nach Asteroiden gewidmet. Die Astronomen halten vor allem nach erdnahen Brocken Ausschau – den sogenannten NEAs (Near-Earth Asteroids). Die Suchprogramme spürten bis heute über 5000 Asteroiden auf, deren Flugbahn in die Nähe der Erde führt. Mehr als 700 davon haben einen Durchmesser von mehr als einem Kilometer – ihr Einschlag könnte sogar eine globale Katastrophe auslösen. Jeden neuen Kollisionskandidaten nehmen die Asteroidenjäger genau unter die Lupe. Dafür beobachten sie einen neu entdeckten NEA immer wieder, um seine Flugbahn möglichst genau zu ermitteln. Nur dann können sie seine Bahn schon Jahrzehnte im Voraus genau berechnen und so das Risiko einer Kollision mit der Erde abschätzen. In den meisten Fällen geben die Asteroidenjäger nach einer Entdeckung bald Entwarnung. Doch 2004 kam es anders!
Als der Astronom Roy Tucker am 18. Juni 2004 seine Beobachtungsnacht am Kitt-Peak-Observatorium in Arizona (USA) beginnt, ist er nicht auf der Suche nach erdnahen Asteroiden. Er will ein Objekt untersuchen, das er weiter von der Erde entfernt vermutet. Doch Tucker wendete eine Technik an, die auch bei der NEA-Suche Standard ist. Mit der Kamera des riesigen Teleskops nimmt er denselben Himmelsabschnitt dreimal im Abstand von rund zehn Minuten auf. Durch einen Vergleich solcher Bilder lassen sich Objekte finden, die schnell über den Himmel wandern. Roy Tucker ist nur mäßig überrascht, als er auf seinen Aufnahmen einen NEA entdeckte. Er widmete der Entdeckung noch eine zweite Beobachtungsnacht und meldete die Daten dann an das „Minor Planet Center“ der Harvard-Universität. Dort wird das Objekt unter dem Namen 2004 MN4 registriert. Roy Tucker verliert den Asteroiden aus den Augen: Das Wetter ist zu schlecht. Die wenigen Beobachtungen reichten nicht aus, um die Bahn von 2004 MN4 berechnen zu können.
Erst im Winter 2004 gerät der Asteroid 2004 MN4 wieder in das Visier der Asteroidenjäger. Wieder sind Astronomen aus Arizona beteiligt. Eines der Teleskope, das ganz der NEA-Suche gewidmet ist, entdeckt den Asteroiden am 18. Dezember 2004 und übermittelt die Daten an das Zentralregister in Harvard. Weil diese Beobachtung Monate nach der ersten Entdeckung liegt, können sich das Minor Planet Center und das Near Earth Objects Office der NASA endlich an die Berechnung der Flugbahn machen. Das Ergebnis, das wenige Tage später vorliegt, birgt ein schreckliches Szenario. Den ersten Berechnungen zufolge könnte der Asteroid 2004 MN4 die Erde treffen, und das auch noch an einem "Freitag, den 13." – nämlich am 13. April 2029 mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:300. Obwohl der 250-Meter-Brocken der gefährlichste Asteroid ist, den die Astronomen jemals beobachtet haben, sind sie zunächst nicht übermäßig besorgt. In der Vergangenheit hat sich die Einschlagwahrscheinlichkeit eines NEAs stets durch weitere Beobachtungen verkleinert. Doch diesmal ist es anders. Teleskope auf der ganzen Welt verfolgen die Bahn des Asteroiden und mit jeder Beobachtung steigt die berechnete Wahrscheinlichkeit einer Kollision mit der Erde. Am 27. Dezember liegt der Wert bei 1:37.
Während einige Asteroidenjäger an Weihnachten 2004 jede Nacht am Teleskop verbringen, um den Flug des Asteroiden 2004 MN4 weiter zu beobachten, sichten andere die Aufnahmen in ihren Archiven. Vielleicht haben sie den Asteroiden in den zurückliegenden Monaten aufgenommen, ohne ihn bemerkt zu haben? Wieder sind es die Asteroidenjäger aus Arizona, die einen Volltreffer landen. Sie hatten den Asteroiden 2004 MN4 schon im März 2004 am Himmel fotografiert. Mit den neu berechneten Daten wird klar: Die Erde liegt nicht mehr auf der Bahn des Asteroiden. Wenige Wochen später bestätigen Aufnahmen eines Radarteleskops die Entwarnung: Der große Asteroid wird die Erde 2029 knapp verfehlen – um gerade mal 30000 Kilometer.
Trotz der Entwarnung wird dem Asteroiden eine seltene Ehre zuteil: 2004 MN4 erhält im Sommer 2005 einen Namen: Er wird nach dem ägyptischen Gott für Zerstörung und Chaos "Apophis" benannt. Das ist treffend, denn bei einem Einschlag würde er eine ganze Region verwüsten und einen Krater von rund vier Kilometer Durchmesser schlagen. Apophis hat noch zwei weitere Chancen, seinem Namen gerecht zu werden. In den Jahren 2036 und 2037 kommt er der Erde wieder gefährlich nahe – jeweils wieder am 13. April, da sich Apophis und Erde in dieser Phase synchronisiert um die Sonne bewegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Apophis 2036 auf die Erde stürzt, beziffern die Experten im Moment auf 1:45.000. Die Berechnungen legen die Linie der Bedrohung weitgehend in den Pazifik. Dort könnte er zwar nicht unmittelbar Menschen töten, aber stattdessen einen großen Tsunami auslösen. Der Asteroid steht weiter unter Beobachtung.
Daniel Münter
Stand: 25.03.2009
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