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Quarks & Co
Sendung vom 12. Februar 2008
Sprengstoffen auf der Spur
Vor Selbstmordanschlägen gibt es noch keinen effektiven Schutz. Ein Team von Wissenschaftlern arbeitet an einem System, das Sprengstoffe in großen bewegten Menschenmengen aufspüren soll.
Noch vor wenigen Jahren waren es für uns nur Bilder in den Nachrichten: Auf belebten Marktplätzen und in voll besetzen Bussen explodierten Bomben. Überall Blut und Verwüstung. Meist viele Tote und noch viel mehr Verletzte. Es waren immer wieder die gleichen Schauplätze, an denen sich diese Tragödien ereigneten: Tel Aviv, Haifa, Beirut. Mit den Anschlägen auf die Züge in Madrid und die U-Bahnen und Busse in London ist der Terror auch in Europa angekommen. Spätestens seit den missglückten Kofferbombenattentaten von Köln haben auch in Deutschland viele Menschen Angst. Angst, dass es auch hier solche Anschläge geben könnte.
Noch gibt es nicht die kleinste Chance, solche Attentate zu verhindern. An Flughäfen sind intensive Sicherheitskontrollen vorm Betreten eines Fliegers noch machbar. Aber wie soll Vergleichbares an Bahnhöfen oder in U-Bahnen mitten im Berufsverkehr realisiert werden? Es ist unmöglich, Tausende Personen gleichzeitig durch enge Schleusen zu zwängen und, wie am Flughafen, ihr Gepäck und ihre Kleidung zu kontrollieren. Doch in Bonn und Umgebung arbeiten Wissenschaftler mehrerer Universitäten und Forschungseinrichtungen an einer Lösung dieses Problems. Sie entwickeln ein System, das Sprengstoffe in sich bewegenden Menschenmengen finden und einer bestimmten Person zuordnen soll. Dafür haben sie verschiedene Sensoren in diesem System miteinander kombiniert. Das Herzstück sind chemische Detektoren, die Sprengstoffe erschnüffeln können. "Riecht" ein Sensor etwas Verdächtiges, dann schlägt er sofort Alarm. Das Besondere ist, dass nicht nur ein einzelner chemischer Sensor zum Einsatz kommt, sondern mehrere. Diese sind entlang dem Weg, den die Menschen zurücklegen, verteilt. Geht jemand mit Sprengstoff in der Tasche oder unter der Jacke an den Sensoren vorbei, dann signalisieren diese nacheinander, dass sie etwas gefunden haben. So können die Wissenschaftler sehen, welchen Weg die verdächtige Substanz nimmt.
Doch allein die chemischen Detektoren reichen nicht. Laserscanner tasten unermüdlich das Szenario ab. So wissen die Wissenschaftler zu jedem Zeitpunkt genau, wo sich eine Person befindet. Kombiniert mit den Informationen der chemischen Sensoren lässt sich so der Sprengstoff exakt einer bestimmten Person zuordnen. Hochauflösende Videokameras schließlich liefern die Bilder, auf denen die Verdächtigen zu erkennen sind. So könnte es in Zukunft möglich sein, eine bestimmte Person gezielt festzunehmen, ohne Hunderte oder Tausende Unschuldige zu behindern.
Bis das System einsatzbereit ist, wird noch viel Zeit vergehen. Die Wissenschaftler selbst rechnen mit fünf bis zehn Jahren. Zurzeit experimentieren sie in einem gerade mal einige Meter langen Gang und lassen nur wenige Probanden gleichzeitig durch die Anlage gehen – langsam und mit ordentlichem Abstand zum Vordermann. Das hat noch nicht viel mit dem allmorgendlichen Gedränge im Berufsverkehr zu tun. Zudem wird die verdächtige Substanz offen durch den Versuchsaufbau getragen – ganz anders als beispielsweise eine Bombe auf dem Weg in die U-Bahn. Aus Sicherheitsgründen stellen die Wissenschaftler das System noch nicht mit explosionsfähigem Material auf die Probe. Sie benutzen gewöhnlichen Alkohol. Technisch wäre eine Umrüstung auf Sprengstoffe aber schon jetzt möglich.
Vielleicht erfüllen sich in ein paar Jahren die Hoffnungen und Erwartungen der Wissenschaftler. Vielleicht ist das System dann wirklich in großem Maßstab an Bahnhöfen und Flughäfen im Einsatz. Und möglicherweise gelingt es tatsächlich, einen Attentäter mit Sprengstoff im Gepäck zu identifizieren und rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Aber egal wie gut dieses System später funktionieren wird: Absolute Sicherheit vor Anschlägen wird es nicht geben.
Silvio Wenzel
Stand: 29.01.2008
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