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Quellen des Terrors

Wenn die Jugend zur Gefahr wird

  • SendeterminDienstag, 12. Februar 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 16. Februar 2008, 10.25 - 11.10 Uhr (Wdh.).

Warum finden sich immer wieder Terroristen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben? Warum stürzen sich Tausende in bewaffnete Aufstände oder dienen als Kanonenfutter in sinnlosen Kriegen? Ein Wissenschaftler veröffentlichte dazu eine einleuchtende These. Ein anderer wollte sie widerlegen und erlebte eine Überraschung.

Junger verletzter Mann wird von Helfern in weißen Pkw gelegt
Sein Leben als Märtyrer zu opfern, soll in Gesellschaften mit hohem Jugendanteil eher akzeptiert sein

Eine der wichtigsten Quellen für Terrorismus sind junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren. Diese und andere ungewöhnlichen Thesen und die daraus folgenden Schlüsse aus dem Buch "Söhne und Weltmacht" sorgten bei dessen Erscheinen für aufgeregte Diskussionen der Fachwelt. Die Verbindung von demographischen Daten und soziologischer Forschung war seit dem Missbrauch durch die Nazis zumindest in Deutschland weitestgehend verpönt.

Der Autor Gunnar Heinsohn leitet an der Universität Bremen das "Institut für Völkermordforschung". Nach Heinsohn sollen Gesellschaften, die einen sehr großen Anteil an Jugendlichen dieser Altersgruppe aufweisen, besonders anfällig für gewaltsame Konflikte sein. Ein solcher "Stichwortyouth bulge", wie dieser Jugendüberschuss in der Fachliteratur genannt wird, führe dazu, dass viele der jungen Männer ohne Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung blieben. In westlichen Ländern sei dieser Jugendanteil recht niedrig. In Deutschland läge er bei etwa zehn Prozent. Sei dagegen der Jugendanteil über 20 Prozent, fänden die jungen Männer die meisten Arbeitsplätze und Positionen mit politischem Einfluss längst besetzt vor. Daher seien sie ein leichtes Opfer für Demagogen, die sie für ihre Zwecke ausnutzten. Revolutionäre Bewegungen, Kriegshetzer und religiöse Extremisten könnten unter diesen jungen Männern leicht Anhänger rekrutieren. In ihrem verzweifelten Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung würde für sie sogar der Märtyrertod erstrebenswert.

Zweifel an der These und die Folgen

Junger Wissenschaftler gibt Daten in Computer ein
Monatelange Recherchen für die Überprüfung einer These

Auch den jungen Soziologen Steffen Kröhnert vom "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" faszinierte Heinsohns Ausflug in die Demografie. Kröhnert analysiert normalerweise regionale Bevölkerungsentwicklungen und deren wirtschaftliche Auswirkungen. Ihm fiel sofort auf, dass sich Heinsohns Thesen mit den im Buch aufgeführten Zahlen nicht belegen ließen. Die Schlussfolgerungen Heinsohns beurteilte er daher äußerst skeptisch. Aber anstatt sich an der öffentlichen Verurteilung der Veröffentlichung zu beteiligen, machte er sich an die mühevolle Arbeit, Heinsohns Thesen wissenschaftlich zu überprüfen.

In monatelangen Recherchen sammelte er für den Zeitraum zwischen 1950 und 2000 Zahlenreihen über die Bevölkerungsstruktur aller Flächenstaaten der Welt, dazu Kenngrößen für deren wirtschaftliche Entwicklung. Verbunden mit Daten über alle gewaltsamen Konflikte für diesen Zeitraum besaß er am Ende die Grundlage, um die Thesen Heinsohns statistisch sauber zu prüfen.

Ein überraschendes Ergebnis

An Aids erkrankter Afrikaner auf Liege in düsterer Hütte
Makaber: Aids kann Frieden fördern

Die umfangreiche und detaillierte Datenbasis ermöglichte Kröhnert, genaue Aussagen über Heinsohns Thesen von der Auswirkung des Jugendüberschusses zu machen. Er konnte sogar die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von gewaltsamen Konflikten für jedes Land berechnen. Zu seiner Überraschung stellte sich heraus, dass Heinsohn grundsätzlich recht hatte. Bei Jugendanteilen von 20 bis 36 Prozent stieg die Anzahl gewaltsamer Konflikte tatsächlich an. Ein erhöhter Jugendanteil erhöht also die Wahrscheinlichkeit von Gewalt.

Für den untersuchten Zeitraum von 1950 bis 2000 stellte er aber auch fest, dass der Zusammenhang doch komplizierter ist. Bei Jugendanteilen von über 37 Prozent ging die Konfliktwahrscheinlichkeit wieder zurück. Das hatte so niemand erwartet. Ohne weitere Forschung muss Kröhnert über die Gründe dafür mutmaßen.

Auffällig ist für ihn, dass dies auf zwei Gruppen von Ländern zutrifft. Zum einen auf Länder, bei denen aufgrund günstiger Entwicklung kurzfristig die Geburtenrate stark zurückgeht; ein statistischer Effekt in einer ansonsten stabilen Gesellschaft.

In den anderen Ländern könnte dagegen ein makabrer Effekt zutage treten. Eine hohe Sterblichkeit etwa durch Aids führt dort dazu, dass sich der gewaltfördernde "Stau" in der Gesellschaft nicht einstellt. Für ambitionierte Nachrücker schafft die Krankheit Platz. Kröhnert betont, dass die Demografie natürlich nur ein Aspekt von vielen in der Erklärung von Gewalt und Terrorismus sein kann. Aber ohne ihre Berücksichtigung dürfte es seiner Meinung nach schwer sein, Terrorismus dauerhaft zu bekämpfen.

Frohe Aussichten?

Junger Palästinenser baut Rakete auf
Terrorismus: Nur Folge eines Jugendüberschusses?

Wie wird sich die Welt in Zukunft entwickeln? Bislang hat sich die Anzahl gewaltsamer Konflikte parallel zum weltweiten Bevölkerungswachstum erhöht. Die Menschheit als solche ist nicht gewaltsamer geworden, es gibt nur mehr Menschen als früher. Wird die Gewalt, wie Heinsohn vermutet, durch den „youth bulge“ immer mehr? Kröhnerts Daten geben in Gegensatz zu Heinsohns Prognosen Grund zur Hoffnung: Die Anzahl der Länder mit hoher Konfliktwahrscheinlichkeit wird in Zukunft eher abnehmen. Aus demografischer Sicht wird die Welt insgesamt also eher friedlicher. Bis es soweit ist, dauert es allerdings noch Jahrzehnte. Solange werden wir noch mit dem "youth bulge" und den fanatisierten und wütenden jungen Männern leben müssen.

Stichwörter

1 Youth bulge
Ein hoher Anteil Jugendlicher im Alter von 15 bis 25 Jahren an der Bevölkerung eines Landes. Als erhöht gelten Anteile dieser Altersgruppe über 20 Prozent. Aufgrund fehlender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektiven können die so genannten "angry young men" die Gewaltwahrscheinlichkeit solcher Gesellschften erhöhen. Zurück zum Absatz
Autor:

Vladimir Rydl

Stand: 29.01.2008


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