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Angst, die gefährlichste Waffe der Terroristen

Die psychologische Dimension der Anschläge wird unterschätzt

  • SendeterminDienstag, 12. Februar 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 16. Februar 2008, 10.25 - 11.10 Uhr (Wdh.).

Wenn Terroristen einen Anschlag verüben, schlagen sie immer doppelt zu. Einmal direkt, in dem sie Menschen töten oder verletzen und hohen Sachschaden verursachen; aber auch indirekt, in dem sie Angst verbreiten. Und diese Angst ist die eigentliche Waffe der Terroristen. Wissenschaftler fordern: "Wir müssen den Kampf gegen den Terror auch auf psychologischer Ebene aufnehmen."

Graphik zeigt in einem Verlauf seit 1996, wie viele Deutsche
"große Angst" vor einem Terroranschlag haben
Die Angst der Deutschen vor einem Terroranschlag hat seit dem 11. September zugenommen

Die Angst der Deutschen vor einem Terroranschlag hat sich seit 2001 verdoppelt – so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. Vor dem 11. September hatten nur 21 Prozent "große Angst" vor einem Terroranschlag, 2007 waren es 50 Prozent. Die Attentäter von New York, Madrid und London haben ihr Ziel erschreckend leicht erreicht. Denn wenn Terroristen einen Anschlag verüben, schlagen sie immer doppelt zu. Einmal direkt, in dem sie Menschen töten und verletzen und hohen Sachschaden verursachen; aber auch indirekt, in dem sie Angst verbreiten. Und diese Angst ist die eigentliche Waffe der Terroristen. Wir müssen daher den Kampf gegen den Terror auch auf psychologischer Ebene aufnehmen. Doch sowohl in der Gesellschaft, als auch in der Politik spielt dieser Aspekt bisher kaum eine Rolle.

Die Angst, Opfer eines Terroranschlages zu werden, ist übertrieben groß

Die Bilder des Terroranschlags auf das World Trade Center am 11. September haben sich tief in das kollektive Bewusstsein eingebrannt. Und sie haben uns unsere eigene Verwundbarkeit bewusstgemacht. Seitdem haben auch in Europa viele Menschen Angst, Opfer eines Terroranschlages zu werden. Und die Anschläge von Madrid und London geben ihnen scheinbar recht. Doch nüchtern betrachtet ist diese Angst unverhältnismäßig groß. Schaut man sich die Statistik an, ergibt sich ein völlig anderes Bild:

  • Seit 2001 sind in Europa zwar 247 Personen durch einen Anschlag ums Leben gekommen
  • Im selben Zeitraum starben jedoch alleine bei Stürmen 256 Menschen (zum Beispiel durch herabstürzende Äste)
  • Während der Hitzewelle im Sommer 2003 kamen in Deutschland 9.000 Menschen ums Leben
  • Und seit 2001 starben in Deutschland über 50.000 Menschen, weil sie in einem Krankenhaus ein falsches Medikament bekommen haben

Es ist also vergleichsweise unwahrscheinlich, Opfer eines Anschlages zu werden. Psychologen kennen diesen Widerspruch zwischen Angst und Wirklichkeit und sprechen von subjektivem Risikoempfinden. Thomas Kliche ist Experte für politische Psychologie an der Universität Hamburg. Er erklärt, wie es dazu kommt: "Menschen überschätzen Risiken sehr stark, wenn Ereignisse selten eintreten, dann aber mit erheblichen belastenden Konsequenzen verknüpft sind. Da diese dramatischen Ereignisse medial sehr sichtbar sind, wirken sie als Angstsammler, die alle vorhandenen irrationalen Ängste an sich binden."

Mehr Opfer durch angstgesteuertes Ausweichverhalten

Wie die große Angst vor einem Terroranschlag das Verhalten der Menschen beeinflusst, hat der Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Gerd Gigerenzer untersucht: "Die Menschen reagieren unbewusst auf ihre Angst und vermeiden die entsprechende Situation. Doch dieses Ausweichverhalten kann schlimmere Schäden nach sich ziehen und mit einem größeren Risiko verbunden sein, als wenn man weiter machen würde wie bisher." Als Beispiel führt er die Reaktionen der US-Amerikaner nach dem 11. September an. Aus Angst davor, dass weitere Flugzeuge entführt werden könnten, sind viele Menschen vom Flugzeug auf das Auto umgestiegen. Vor allem auf den Fernstraßen hat dadurch der Verkehr 12 Monate lang erheblich zugenommen. Die Folgen waren erheblich: Es gab deutlich mehr Unfälle und 1.600 zusätzliche Verkehrstote! Der Anschlag führte also nicht nur zu 256 Toten in den Flugzeugen und zu 2.700 Opfern in den Türmen und dem Pentagon, sondern zu weiteren 1.600 Toten durch ein angstgesteuertes Ausweichverhalten.

Kosten der Sicherheit versus Risiko des Terrorismus

Doch auch außerhalb der USA hat die Angst vor dem Terror die Gesellschaft verändert. Die Berichterstattung in den Medien erinnert die Menschen permanent an die Bedrohung. Dadurch kommt es zu einem weiteren psychologischen Phänomen: Die Menschen identifizieren sich stärker mit der eigenen Gemeinschaft. Alles Vertraute wird unterstützt. Dagegen sinkt die Toleranz gegenüber anderen Gruppen und Meinungen und Ausgrenzungen nehmen zu. Es werden härtere Strafen für alle Arten von Verbrechen befürwortet und Bürgerrechte eingeschränkt. Zu beobachten ist das bei vielen Sicherheitsbestimmungen, die widerspruchslos umgesetzt werden und zu enormen volkswirtschaftlichen Kosten führen.

Wirtschaftsexperten haben berechnet, dass sich die Kosten im internationalen Warenverkehr aufgrund der dortigen Sicherheitsmaßnahmen um 0,5 Prozent erhöht haben, bezogen auf den jeweiligen Warenwert. Wie viel das ist, kann man an folgendem Beispiel erahnen. Viele Autohersteller verzichten wegen einer Preisdifferenz von nur zehn Cent auf eine Warnlampe, die die Insassen darauf aufmerksam macht, wenn sie nicht angeschnallt sind. Laut ADAC ist das eine wichtige Funktion, die wenig kostet und Leben retten kann. Gleichzeitig verursachen aber die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen beim internationalen Transport rund 100 Euro Mehrkosten - ein krasses Missverhältnis.

Was tun gegen die Angst?

Die Angst und die daraus resultierenden Reaktionen haben so inzwischen mehr Schaden angerichtet als die Anschläge selbst. Häufig werden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen gefordert, aber überraschenderweise können diese die Angst sogar noch vergrößern. Ein Beispiel sind die Kontrollen am Flughafen. Auf der einen Seite können sie zwar potenzielle Terroristen abschrecken, auf der anderen Seite wecken sie aber auch die Erinnerungen an vergangene Anschläge. Fluggäste können sich bedroht fühlen und fragen, ob bei diesem Flug alles gutgehen wird, und ob bestimmte Mitreisende nicht verdächtig aussehen. Die Angst wird neu in Fahrt gebracht. Experten, wie der Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler, sind sich daher einig, dass der Kampf gegen den Terror nicht nur mit Technik und Gesetzen geführt werden sollte, sondern auch mit Psychologie: "Wir müssen eine heroische Gelassenheit entwickeln. Das heißt, kühl und gelassen reagieren und alle panischen und hysterischen Reaktionen vermeiden. Denn es wird auch bei uns früher oder später einen Anschlag geben. Dabei erwächst die Macht der Terroristen aus unserer eigenen Angst. Wenn wir aber die Anschläge als Unfälle ansehen würden, dann stellt sich heraus: Die Terroristen können uns gar nichts anhaben."

Autor:

Ulrich Grünewald

Stand: 29.01.2008


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