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Sendung vom 19. Februar 2008
Hat mein Kind AD(H)S? Was tun?
In Deutschland leben über eine halbe Million Kinder mit der Diagnose ADHS. Das enspricht fast fünf Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren. ADHS ist damit heute die häufigste psychiatrische Diagnose bei Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig nimmt die Verschreibung von Medikamenten gegen ADHS Jahr um Jahr zu. Das war eine Generation vorher noch ganz anders – damals war die Diagnose in der Bevölkerung noch weitgehend unbekannt. Ob die Kinder von heute tatsächlich unruhiger sind als die Kinder von früher oder ob man die Symptome heute einfach nur stärker beachtet, kann jedoch niemand sagen. Aber schon 1844, als der Arzt Heinrich Hoffmann seinen legendären "Zappelphilipp" zeichnete, gab es Wissenschaftler, die bei unruhigen Kindern eine Krankheit vermuteten. Heute wird das Thema kontrovers diskutiert: Welchen Anteil haben biologische Ursachen bei der Entstehung der Symptome, und welchen hat die Umgebung des Kindes? Macht es Sinn, die Summe dieser Symptome zu einer psychiatrischen Störung zu erklären? Die psychiatrischen Fachgesellschaften halten die wissenschaftlichen Beweise für ausreichend. Zweifel äußern jedoch besonders Psychoanalytiker und Tiefenpsychologen.
Heute unterscheidet die Psychiatrie zwei Arten von
Störungen: Kinder, die nur unaufmerksam sind ("
ADS"), und Kinder, die zusätzlich
eine Überaktivität und gesteigerte Impulsivität
zeigen ("
ADHS"). Längst nicht jedes
unruhige, unaufmerksame Kind wird vom Fachmann die Diagnose
"AD(H)S" bekommen. Hinter den Symptomen kann eine simple
körperliche Erkrankung stecken; auch familiäre Probleme
oder psychische Krankheiten können zu Zappeligkeit und
Unaufmerksamkeit führen. Wenn Sie sich fragen, ob Ihr Kind
ADHS oder ADS hat, sollten Sie zum Facharzt gehen, das heißt
zu einem entsprechend geschulten Kinderarzt oder zu einem Kinder-
und Jugendpsychiater. Ein seriöser Arzt nimmt sich für
die Diagnose mehrere Stunden Zeit und braucht zwei Sitzungen, bis
seine Diagnose steht. Es ist unseriös, ADHS innerhalb von
einer halben Stunde zu diagnostizieren.
In den Fachbüchern wird heute zur Behandlung von AD(H)S meistens eine "multimodale Therapie" empfohlen; sie kombiniert Medikamente, Beratung der Eltern und Lehrer sowie psychotherapeutische Maßnahmen. Wichtigstes Merkmal des "multimodalen" Ansatzes ist, dass die Therapie individuell auf das Kind abgestimmt wird. Welche Maßnahme im Vordergrund steht, wird vom Einzelfall abhängig gemacht. Die Leitlinie für Kinderärzte empfiehlt, dass Medikamente erst dann eingesetzt werden sollen, wenn andere Maßnahmen nicht greifen – zum Beispiel Elterntrainings: Diese haben sich als sehr wirkungsvoll erwiesen, denn im Verhältnis von unruhigen Kindern und ihren Eltern läuft oft einiges schief: Oft ist es durch monate- oder jahrelange Reibereien zerrüttet. Dann sehen die Eltern vor lauter Enttäuschung und Überforderung schon gar nicht mehr die Stärken und liebenswerten Seiten ihres Kindes. Das Kind wiederum braucht dringend genau dies – dass die Eltern es schätzen und loben. Um aus dem Teufelskreis aus Fehlverhalten und Tadel herauszukommen, ist es wichtig, dass auch Eltern Hilfe annehmen. Die gibt es auch in Elternkreisen und Selbsthilfegruppen.
Es gibt zahlreiche ADHS-Selbsthilfeinitiativen in Deutschland, von größeren überregionalen bis zu kleineren lokalen. ADHS-Selbsthilfe-Initiativen wurde in der Vergangenheit in einigen Medienberichten vorgeworfen, zu eng an die Pharmaindustrie angebunden zu sein und vorschnell Medikamente zu empfehlen. Die Initiativen haben solche Vorwürfe zurückgewiesen. Auf ihren Webseiten propagieren sie das allgemein anerkannte multimodale Therapiekonzept. Für die Initiativen spricht, dass Betroffene über sie Zugang zu Kontakten, Erfahrungen und Alltags-Tipps erhalten, die die Hilfe von Ärzten und Therapeuten ergänzen können. Die Adresse der größeren überregionalen Selbsthilfe-Initiativen haben wir in einer Linkliste zusammengestellt.
Nicht nur Kinder sind betroffen
Bei ungefähr einem Drittel der Kinder mit ADHS besteht die
volle Symptomatik auch im Erwachsenenalter weiter; bei anderen
Patienten scheinen die Symptome nur zum Teil zu verschwinden.
Besonders die Aufmerksamkeitsstörung bleibt häufig. Da
die Medikamente aber nur für die Behandlung von
Minderjährigen zugelassen sind, haben Pharmafirmen jetzt die
Zulassung für Erwachsene beantragt. Die Frage einer
Verschreibung an Erwachsene ist besonders heikel, weil sie
möglicherweise eine lebenslange Einnahme der Psychopharmaka
bedeuten kann. Oft kommen Eltern mit Kindern wegen ADHS zum Arzt
und es stellt sich heraus, dass Mutter oder Vater in der Jugend
ebenfalls ADHS-Symptome gezeigt haben, auch wenn das damals noch
nicht so genannt wurde.
Früh Hilfe suchen
Es ist nicht möglich, ADHS schon im Säuglings- oder
Kleinkindalter zu diagnostizieren. Babys, die viel schreien, haben
die Störung nicht unbedingt häufiger als ruhigere Kinder.
Wichtig ist dabei aber: Wenn sich Eltern durch Schreien, Schlaf-
oder Essensschwierigkeiten bei ihrem Kleinkind überfordert
fühlen, sollten sie nicht zögern, Hilfe zu suchen.
Kinderärzte und Schreiambulanzen helfen, Kind und Eltern zu
beruhigen. Das kann eine Spirale aus Schwierigkeiten und
Überforderung verhindern.
Anne Preger, Wobbeke Klare, Michael Houben, Jakob Kneser, Mike Schaefer
Stand: 12.02.2008
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