Leben mit dem Zappelphilipp
Eltern berichten
- Dienstag, 19. Februar 2008, 21.00 - 21.45 Uhr
- Samstag, 23. Februar 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.)
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Die Diagnose ADHS hat Auswirkungen auf die ganze Familie
Noah ist fünf und benimmt sich häufiger mal daneben. Er brüllt laut im Supermarkt, wenn er etwas nicht bekommt, was er gerne haben möchte. Oder er fährt nichtsahnenden Kunden mit dem Einkaufswagen in die Hacken – nicht mit Absicht, aber mit Schwung; eigentlich wie alle kleinen Kinder. Das Einzige, was Noah besonders macht, ist die Heftigkeit seiner Aktionen. "Jedes Gefühl lebt er sofort und vollkommen ungebremst aus", erzählen seine Eltern. Da kann es auch mal passieren, dass er bei einem Wutanfall im Kindergarten jemanden schubst. Einmal fiel dabei ein Kind eine Treppe hinunter. Das war, als Noah drei Jahre alt war. Es war der Punkt, an dem seine Eltern Sabine und Karsten zu überlegen begannen, ob ihr Kind irgendwie anders ist als andere Kinder. Noah bekam die Diagnose ADHS – eine ADHS mit besonders stark ausgeprägter Impulsivität. Seitdem dreht sich in der Familie alles um Noah.
Die Eltern sind immer schuld
Wenn Noah in der Schlange vor der Supermarktkasse laut brüllt, findet Sabine das eigentlich nicht besonders tragisch. "Ich kann ihm ja nicht alles kaufen, was er will, dann muss er halt mal brüllen." Das sehen die Mitmenschen anders: Alle sind empört. Von "schlecht erzogen" bis "Kinderquälerei" reichen die Vorwürfe. Allzu häufig meinen sowohl Bekannte als auch Fremde gleich zu wissen, woher Noahs ungezügeltes Verhalten rührt: Die Eltern sind schuld. "Am Anfang habe ich auch darüber nachgedacht, ob das stimmt, ob ich irgendwie schuld daran bin, dass Noah so ist, wie er ist", sagt Karsten. "Aber dann habe ich gemerkt, dass ich da jemandem auf den Leim gehe. Und dass Schuld etwas total Destruktives ist. Schuld hilft nicht weiter, um Handlungsstrategien zu finden, wie man mit der Situation umgehen kann."
Das passende Umfeld suchen
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Durch gezielte Veränderungen im Kindergarten können viele der Probleme gelöst werden
An einem Morgen wollte Karsten Noah in die Kita bringen. Da hieß es: "Ihr kommt hier nicht rein." Die Eltern der anderen Kinder hatten beschlossen, dass Noah wegen seines gewalttätigen Verhaltens ausgeschlossen werden müsste. Karsten versuchte, Noah mit einer Notlüge zu erklären, warum er nicht mehr in den Kindergarten darf. "Da hatte ich plötzlich das Gefühl, als ob wir eine Front gegen uns hätten. Eine Front gegen Noah", erzählt Karsten. Noah war drei. Sie suchten lange, bis sie einen Kindergarten fanden, der bereit war, die "Herausforderung Noah" anzunehmen. Als sie den gefunden hatten, gab es noch eine Menge Aufklärungsarbeit zu leisten: Karsten und Sabine organisierten für Eltern und Erzieher Vorträge über ADHS. Sie erkämpften für Noahs Gruppe eine zusätzliche Kindergärtnerin, eine "Integrationskraft". Außerdem wurde die Kindergruppe verkleinert. Heute geht Noah gerne in den Kindergarten.
An sich selbst arbeiten
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Kinder mit ADHS sind oft besonders impulsiv
Karsten und Sabine kommen mittlerweile klar mit Noahs impulsivem Verhalten – nicht zuletzt dank der Elternberatung. Alle paar Wochen treffen sie sich mit einer Psychotherapeutin und besprechen, was gut läuft und was nicht. Dort haben sie auch Methoden gelernt, um mit Noahs hitzköpfigem Verhalten umzugehen: zum Beispiel mit gezielten Belohnungen. Hält Noah sich an bestimmte Regeln, kann er Punkte sammeln. Die wiederum kann er eintauschen gegen irgendetwas, was er besonders gerne mag. Beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen bekommt er einen Schokokuss, wenn er es schafft, zwei Püppchen ins Ziel zu bringen, ohne dass zwischendurch das Spielbrett durch die Luft fliegt. "Das funktioniert nicht immer, aber immer öfter", sagt Karsten. Mit Hilfe der Beratung haben die Eltern auch gelernt, sein Verhalten besser zu interpretieren: "Wenn er schreit, ist das häufig nur ein Zeichen dafür, dass er überfordert ist. Unüberschaubare Situationen mit vielen Menschen und Lärm sind schrecklich für ihn. Dann kann man nur eines tun, und das ist, dass man ihn aus der Situation rausholt", sagen Karsten und Sabine. "Eigentlich ist Noah durchschaubar."
Medikamente ja oder nein?
Noch ist Noah erst fünf. Doch die Medikamente gegen ADHS sind erst ab sechs Jahren zugelassen. Deshalb wollten seine Eltern erst mal ausprobieren, wie weit sie mit Elternberatung und Veränderungen im Kindergarten kommen. Aber was wird sein, wenn Noah in die Schule geht? "Für uns braucht er die Medikamente nicht zu nehmen. Wir kommen auch so mit ihm zurecht. Aber für mich wäre der Moment, an dem ich das Medikament gerne ausprobieren würde, genau dann erreicht, wenn ich das Gefühl hätte, dass Noahs Entwicklung gefährdet ist", sagt Sabine. "Es gab schon eine Phase, wo er immer gesagt hat 'Ich bin ja ganz doof, keiner mag mich, keiner will mit mir spielen' – aber noch können wir das kompensieren. Aber wenn sein Selbstwertgefühl ernsthaft leidet, dann ist für mich der Moment da." Karsten ist sich unsicher: "Ich weiß nicht, wie das Medikament auf ihn wirkt. Ich habe Sorge, dass es ihm vielleicht seine Lebhaftigkeit nehmen wird, die ihn ja auch liebenswert macht."
Leben auf der Überholspur
"Mit einem hyperaktiven Kind zu leben, ist wie ein Leben auf der Überholspur", sagt Sabine. Immer vorausdenken, was eventuell passieren könnte, immer planen, wie man Zwischenfälle vermeiden könnte. Und immer ist jemand da, der am Ärmel zerrt und Aufmerksamkeit möchte, jemand, der explodiert, wenn er die Aufmerksamkeit nicht bekommt. "Es dreht sich alles nur noch um das Kind", sagt Karsten. Aber in der Elternberatung haben sie auch gelernt, ihre eigene Beziehung bewusst zu pflegen und vor Sorge um das Kind nicht sich selbst zu vergessen. Der Freundeskreis hat sich verkleinert: "Viele Leute haben Noah abgelehnt – nur wenige sind bereit, auf das Kind einzugehen. Aber die Freundschaften, die geblieben sind, sind dafür umso intensiver." Was die beiden sich von ihren Mitmenschen wünschen würden? "Wir möchten gefragt werden. Wir möchten, dass man uns mal zuhört." Denn dann könnten sie sagen, dass jedes Kind anders ist und jede Familie auch. Und dass sie Unterstützung brauchen – keine Pauschalverurteilung.
Autorin: Wobbeke Klare
Stand: 12.02.2008
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