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Sendung vom 19. Februar 2008
Pillen für den Zappelphilipp?
Ritalin. Unter diesem Handelsnamen wurde
Methylphenidat in den 1960er-Jahren von der Pharmafirma Ciba auf
den Markt gebracht. Es sollte müde Manager munter machen
– und depressive Hausfrauen glücklich. Chemisch gesehen
ist Ritalin ein
Amphetamin, eng verwand mit der Partydroge
"Speed". Es unterliegt deshalb dem
Betäubungsmittelgesetz und darf nur mit entsprechendem
Spezialrezept verschrieben werden. Ende der sechziger Jahre fanden
amerikanische Forscher in Experimenten heraus, dass Ritalin bei als
schwierig und zappelig geltenden Kindern die
Konzentrationsfähigkeit verbessert. Wenig später stellten
die Hersteller ihre Kampagnen um: Sie begannen, Ritalin gezielt als
"Konzentrationshilfe für Kinder" zu vermarkten.
Wodurch die Hyperaktivität entsteht, war ebenso unbekannt, wie
die
Wirkungsweise des Medikaments. Doch es wirkte
und wurde entsprechend beworben.
Schon in den 1940er-Jahren waren in den USA Experimente durchgeführt worden, um verhaltensauffällige, hyperaktive Kinder mit Lernschwierigkeiten zu behandeln. Dabei fiel auf, dass Amphetamine bei einem Teil der Kinder zu verbesserter Konzentrationsfähigkeit und normalerem Verhalten führten. Organische Ursachen für die Hyperaktivität waren damals ebenso unbekannt wie sichere Diagnosemethoden.
Ende der siebziger Jahre begann der Ritalin-Absatz in den USA
rapide zu wachsen: von rund 35 Millionen Tagesdosen 1984 auf knapp
200 Millionen im Jahr 1993. Die behandelten Kinder nehmen
Methylphenidat im Normalfall jeweils an den rund 200 Schultagen zu
sich. Daraus resultiert die offizielle Schätzung, dass in den
USA schon Mitte der neunziger Jahre eine Million Kinder
regelmäßig dieses Medikament nahmen. Der Erfolg des
– auch in den USA als Droge klassifizierten –
Methylphenidats weckte die Aufmerksamkeit des US-Justizministeriums
und der Drogenbehörde. Sie beklagten nicht nur die Zunahme des
Ritalin-Konsums, sondern auch eine zu enge Zusammenarbeit der
Hersteller mit Eltern-Selbsthilfegruppen. So war in den achtziger
Jahren die Organiation CHADD als Verband betroffener Eltern
gegründet worden und forderte eine Lockerung der strengen
Verschreibungsrichtlinien. Gleichzeitig wurde
CHADD Anfang der neunziger Jahre mit knapp
750.000 Dollar vom Ritalin-Hersteller Ciba gesponsert.
Ähnliches werfen Kritiker in Deutschland auch dem
Pharma-Hersteller Lilly vor. Der brachte im Jahr 2003 ein
Konkurrenzprodukt zu Methylphenidat auf den Markt:
"Strattera". Es ist kein Amphetamin, wirkt jedoch
ähnlich auf den Hirnstoffwechsel. Kurz vor der
Markteinführung sponserte Lilly die Gründung des
"Hamburger Arbeitskreis ADHS" mit 40.000 Mark. Ein
amerikanischer Konzernsprecher erklärte öffentlich:
"Wir müssen Bewusstsein für eine Krankheit schaffen,
bevor wir für ein Heilmittel werben können."
Tatsächlich findet man heute kaum Informationsmaterial
über ADHS, das nicht von Pharmafirmen gesponsert ist.
Mit einiger Verspätung haben ADHS – und seine Behandlung mit Medikamenten – auch Deutschland erreicht. Anfang der neunziger Jahre war der Verbrauch an Methylphenidat noch gering. Er lag 1993 bei 34 Kilogramm und hat sich bis zum Jahr 2006 mehr als verdreißigfacht: auf rund 1,2 Tonnen. Kritiker befürchten, dass längst schon zu viele Kinder zu häufig Methylphenidat und ähnliche Substanzen verordnet bekommen. Nach aktuellen Zahlen nehmen ein bis zwei Prozent aller Kinder zwischen sechs und 18 Jahren regelmäßig solche Medikamente ein. Befürworter der Medikation verweisen darauf, dass nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand etwa fünf Prozent aller Kinder unter ADHS leiden. Es würde also trotz des Wachstums noch eine Unterversorgung herrschen.
Tatsächlich: Laut Fachliteratur gelten weltweit durchschnittlich fünf Prozent aller Kinder als ADHS-krank. Das lässt noch viel Spielraum für ein weiteres Wachstum des Medikamentenverbrauchs. Kritiker verweisen allerdings darauf, dass auch der Großteil dieser Fachliteratur von den Herstellern gesponsert wird. In den USA müssen Wissenschaftler bei Publikationen angeben, wenn sie Geldmittel von Firmen erhalten haben. Dort zeigt sich: Praktisch jeder, der zu ADHS publiziert, hat Gelder von einem der Medikamentenhersteller bekommen: für medizinische Studien, Vorträge oder als Mitglied im Beirat der Unternehmen. Den Vorwurf, Wissenschaftler zu beeinflussen, weisen die Hersteller jedoch weit von sich. Es sei normal, dass man auf Fachwissen zurückgreife und dieses auch honoriere. Die auf diese Weise angegriffenen Wissenschaftler wehren sich ebenfalls gegen Kritik an ihren Aussagen. In einer Konsens-Erklärung forderten sie im Jahr 2002: Nur diejenigen, die – wörtlich – ihre Karriere auf die Erforschung von ADHS gegründet hätten, wären befugt, über die Krankheit und ihre Behandlung zu urteilen.
Wissenschaftler und Patienten-Selbsthilfegruppen verweisen darauf, dass ADHS mit Ende der Jugend nicht plötzlich verschwindet. Auch Erwachsene können ADHS haben – und entsprechende Medikamente benötigen. Noch sind diese für Erwachsene in Deutschland nicht allgemein zugelassen. Doch die Industrie arbeitet an den Zulassungsverfahren und vertreibt schon mal entsprechende Broschüren. In den USA erhalten derzeit mehr als fünf Prozent aller Kinder Methylphenidat oder ähnliche Medikamente. Der Rest der Welt folgt mit etwas zeitlichem Abstand. Daten der Weltgesundheitsorganisation zeigen, wie stark der entsprechende Medikamentenverbrauch in den letzten Jahren gestiegen ist. Wenn künftig auch bis zu fünf Prozent aller Erwachsenen medikamentös behandelt werden, kann sich der Konsum entsprechender Medikamente noch einmal mehr als verdreißigfachen.
Michael Houben
Stand: 12.02.2008
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