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Pimp my Golf

Aachener Ingenieure setzen ein Auto auf Diät

  • SendeterminDienstag, 11. März 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 15. März 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Die Grafik zeigt die Entwicklung des Gewichts vom Golf I bis zum
Golf V
Der Golf I wog 1974 rund 780 Kilogramm. Je nach Ausstattung wiegt ein Golf V heute zwischen 1200 und 1600 Kilogramm, also fast das Doppelte

Am Anfang stand der Ärger des Umweltbundesamtes über die deutschen Autohersteller. Obwohl die mit einigen versteckten Modellen zeigen, dass sie technisch etwas vor Spritsparen verstehen, hat sich bei den meisten Autos in den letzten Jahrzehnten wenig getan. Umweltfreundliche Fortschritte im Motorenbau werden gleich wieder durch steigende Leistung aufgefressen, das Gewicht steigt durch immer mehr Komfortfunktionen stetig an. Weniger Spritverbrauch – so die Botschaft der Automobilkonzerne – geht nur mit weniger Komfort und weniger Leistung.

Das Umweltbundesamt wollte beweisen, dass es anders geht – zusammen mit dem Institut für Kraftfahrwesen der Technischen Hochschule in Aachen (RWTH), das in der Automobilforschung einen Spitzenplatz einnimmt. Gemeinsam entschied man sich, das Potenzial zum Spritsparen an Deutschlands meistverkauftem Auto zu demonstrieren: dem VW-Golf. Weil das Projekt auf gar keinen Fall in den Ruf eines freudlosen Verzichtautos geraten sollte, wählte man eine sehr sportliche Variante: einen nagelneuen Golf GT 1,4 TSI, mit Höchstgeschwindigkeit 220 und einer Leistung von 170 PS. Laut Hersteller verbraucht der Wagen 7,2 Liter Super Plus auf 100 Kilometer – in der Praxis eher 9 bis 10.

Widerstände minimieren

Ein Mechaniker justiert den kleinen Monitor
Monitore im Wageninneren ersetzen die Außenspiegel

Die einzige Vorgabe an die Ingenieure der RWTH war, dass sie möglichst viele ihrer Sparmaßnahmen mit Teilen aus der Serienfertigung bestreiten sollten. Das Sparauto sollte kein exotisches Einzelstück, sondern eine realistische Option sein. Die ersten Schritte waren entsprechend simpel. Die Aachener tauschten die Serienräder gegen Leichtlaufräder und erhöhten deren Fülldruck. Leichtlaufräder sind schmaler und haben durch ihre Gummimischung einen geringeren Rollwiderstand. Sie sind für jedes PKW-Modell zu haben. Ergebnis dieser ersten Maßnahme: eine Einsparung von 0,3 Litern Benzin auf 100 Kilometer, gemessen im StichwortStandardfahrzyklus der Automobilindustrie. Eine ähnliche Option ist der Einsatz von Leichtlauföl. Solche Öle verringern den Reibungswiderstand im Motor und senken so den Kraftstoffverbrauch. Das brachte weitere 0,1 Liter Verbesserung auf 100 Kilometer. Eine technische Spielerei leisteten sich die Ingenieure aber doch. Statt Außenspiegeln installierten sie kleine windschnittige Kameras. Deren Bild wird auf kleine Monitore ins Innere übertragen. Auf der Autobahn bringt der gesenkte Luftwiderstand bis zu 0,3 Liter Einsparung - im Standardfahrzyklus praktisch nichts. Darum taucht dieser Posten nicht in der Gesamtabrechnung auf.

Gewicht verringern und Getriebe verlängern

Mechaniker montieren die neue Motorhaube aus Kohlefaser
Die Motorhaube aus Kohlefaser wiegt rund neun Kilogramm weniger als das Original aus Stahl

In einem weiteren Schritt versuchten die Ingenieure der RWTH, dem Golf einen Teil seines hohen Gewichts abzuringen. Da weder Komfort noch Sicherheit beeinträchtigt werden sollten, kam nur ein Austausch von Motorhaube und Heckklappe sowie der Sitze in Frage. Die Stahlhaube und –klappe ersetzten die Techniker durch Spezialanfertigungen aus Kohlefaser. Dieser Werkstoff ist im Automobilbau noch nicht sehr verbreitet und folglich sehr teuer. Auch die Leichtbausitze kosten mehr als gewöhnliche Seriensitze. Mit einigen anderen kleineren Gewichtseinsparungen konnten die Aachener insgesamt 73 Kilogramm einsparen – doch die daraus resultierenden 0,2 Liter Verbrauchsreduzierung sind diesmal teuer erkauft. Eine Großserienfertigung würde die Kosten aber deutlich sinken lassen. Dann ging es dem Golf unter die Wäsche. Die Mechaniker verpassten dem Auto ein neues Getriebe, bei dem der fünfte und sechste Gang eine längere Übersetzung haben. Ein solches Getriebe kommt oft bei Dieselfahrzeugen zum Einsatz und hat etwas schlechtere Beschleunigungswerte bei hohen Geschwindigkeiten zur Folge. Zusammen mit einem modifizierten Kühlsystem und einem kleinen Generator, der beim Bremsen Energie zurückgewinnt, konnten die Ingenieure noch einmal 0,4 Liter auf 100 Kilometer gewinnen.

Den Fahrer anleiten

Eine Schaltanzeige, bestehend aus roten Ziffern. Der optimale Gang
wird durch eine Farbfläche hinterlegt
Die Schaltanzeige empfiehlt dem Fahrer den optimalen Gang

Zwei weiteren Benzinsparmaßnahmen zielen auf das Verhalten des Fahrers. Zum einen haben die Aachener dem Golf eine Start-Stopp-Automatik spendiert. Rollt der Wagen auf eine rote Ampel zu und der Fahrer kuppelt den Gang aus, schaltet sich der Motor automatisch ab. Ein Tritt auf die Kupplung, und der Motor ist wieder an. Ersparnis durch die Start-Stopp-Automatik: weitere 0,3 Liter auf 100 Kilometer. Der letzte Ansatzpunkt für den Spargolf ist der Fahrer. Eine Schaltanzeige zeigt ihm, wann es günstig ist, in einen anderen Gang zu wechseln. Das Sparpotenzial ist enorm: Durch optimales Schalten läuft der Motor immer im günstigsten Drehzahlbereich; das Auto spart noch einmal 0,5 Liter auf 100 Kilometer ein. Das Fazit: Mit wenig Geld haben die Ingenieure den Golf von 7,2 auf 5,4 Liter Verbrauch gebracht. Das ist eine Ersparnis von 25 Prozent. Das Ergebnis ist umso beachtlicher, wenn man beachtet, dass der TSI-Motor des Golfs eh schon zu den sparsamsten und effizientesten Benzinmotoren von VW gehört. Die Aachener Ingenieure sind sich sicher: Mit den gleichen oder ähnlichen Umbauten ließe sich der Spritverbrauch jedes Serienfahrzeugs um mindestens ein Viertel senken.

Stichwörter

1 Standardfahrzyklus
Der Kraftstoffverbrauch von Kraftfahrzeugen wird in der EU seit dem 1. Januar 1996 im Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) gemessen. Das Auto steht auf einem Rollenprüfstand und durchläuft eine festgelegte Abfolge von Geschwindigkeiten (ca. 13 Minuten Stadtfahrt und 7 Minuten Landstraße/Autobahn). Zurück zum Absatz
Autor:

Daniel Münter

Stand: 11.03.2008


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