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Sendung vom 18. März 2008
Lernen mit Herz
Als bei der internationalen Schülerstudie PISA Deutschland
nur im Mittelfeld landete, waren viele entsetzt: Das Land der
Dichter und Denker bestenfalls Durchschnitt? Eltern, Lehrer und
Politiker wollten wissen, warum Deutschlands Schulen so schlecht
abgeschnitten haben. Auch die Forschung blieb davon nicht
unberührt: Inzwischen gibt es mehrere Forschungsprojekte, die
verbesserte Lernkonzepte zum Ziel haben oder sich mit den Ursachen
für das PISA-Ergebnis beschäftigen. Beteiligt ist auch
das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm.
Hier untersuchen Forscher, wie sehr die Schüler in der Schule
emotional beteiligt und damit wie aufmerksam sie sind. Sie gehen
dabei buchstäblich nach dem Herzschlag – und benutzen
EKGs, um zu messen, wie sehr die Kinder bei
der Sache sind.
Jede Gefühlsregung wie Wut oder Freude wirkt sich über das Nervensystem und Hormone direkt auf das Herz aus. Bei emotionaler Erregung schlägt das Herz schneller – die Herzfrequenz steigt. Allerdings steigt sie dabei nicht immer so stark, dass man es bewusst erlebt, so wie vor einer wichtigen Prüfung. Trotzdem ist eine Veränderung messbar, und Wissenschaftler können mit einem EKG auch unbewussten Gefühlszuständen auf die Spur kommen.
In Ulm kleben die Studienleiter den Kindern auch Bewegungssensoren auf die Haut. Denn weil der Herzschlag nicht nur bei bestimmten Gefühlen, sondern auch bei Bewegung schneller wird, möchten die Forscher so ausschließen, dass falsche Werte zustande kommen. Die Kinder, die an der Ulmer Studie teilnehmen, tragen das EKG-Gerät 24 Stunden lang. Sie gehen damit in den Unterricht, sitzen damit am Nachmittag vor dem Fernseher oder treffen sich mit Freunden, und abends nehmen sie die Elektroden mit ins Bett. Gleichzeitig tragen die Schüler in einen kleinen Computer ein, in welcher Situation sie sich befinden und wie sich dabei fühlen. Aus der Herzkurve und den Einträgen entsteht ein emotionales Tagebuch.
Viele Motivationsforscher gehen davon aus, dass Lerninhalte nur dann in den Köpfen bleiben, wenn sie mit Emotionen verbunden sind. Wenn man etwas zum Beispiel spannend oder anrührend findet, lässt es sich meist besser merken. Gefühle von Spannung oder Rührung, so wissen Psychologen und Mediziner wirken sich auf den Herzschlag aus. Für das eigentliche Lernen ist es dabei offenbar gleichgültig, ob die Emotion positiv oder negativ ist – in beiden Fällen werden die Inhalte besser verankert als bei neutraler Stimmung, so die Experten. Allerdings werden zusammen mit dem Lerninhalt auch diese Emotion wieder abgerufen. Und gegen unangenehme Gefühle sträubt man sich - Angst vor Mathematik beispielsweise ist deswegen für den Lernerfolg insgesamt schlecht.
Bis Oktober 2006 haben etwa 110 Schüler an der Ulmer Studie teilgenommen, noch sind die Messungen nicht abgeschlossen. Und mit der bisherigen Methode konnten die Wissenschaftler um Dr. Katrin Hille nur messen, wann die Kinder eine erhöhte emotionale Herzfrequenz hatten. Was das Team aber nicht erfährt, ist die Ursache dafür: Hat sich ein Kind gerade über den Nachbarn geärgert, freut es sich auf die Pause oder ist es vom Unterricht fasziniert? Nur andersrum funktioniert es: Bei einigen Kindern haben die Forscher eine erschreckend niedrige, gleichbleibende Herzfrequenz in der Schule beobachtet. Das bedeutet, dass sie in diesem Augenblick durch nichts emotional angesprochen waren, auch nicht vom Unterricht. Das erklärt sicher nicht das PISA-Ergebnis, könnte aber ein Ansatzpunkt für Lösungen sein – zum Beispiel für neue Schulkonzepte, die es schaffen könnten, Schüler stärker zu interessieren. Ende 2006 soll die nächste Stufe der Studie starten. Dann werden die Schüler und Lehrer verkabelt und per Video beobachtet. Davon erhoffen sich die Forscher einen genaueren Einblick in das, was Schülerherzen höher schlagen lässt.
Tanja Winkler
Stand: 15.11.2006
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