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Sendung vom 18. März 2008
Der Pulsschlag in der Musik
Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Europa kein elektrisches Licht, keine Autos und die Fotografie entwickelte sich gerade. Die Zeit spielte eine andere Rolle als heute. Die Menschen richteten sich nach Tag und Nacht, nach den Jahreszeiten und den Kirchenglocken. Obwohl es schon relativ genaue Uhren gab, besaß kaum jemand eine eigene zu Hause, weil es nicht notwendig war. Taschenuhren waren eher Schmuckstück für reiche Leute als Zeitgeber, niemand richtete sich nach Minuten oder Sekunden – die Zeit war nicht in kleine Einheiten unterteilt.
Auch in der Musik war nicht der Sekundentakt maßgeblich: Die Komponisten benutzten die üblichen Charakterbezeichnungen wie beispielsweise "Andante" für gehend, "Allegro" für beschwingt, fröhlich, oder "Adagio" für behaglich, langsam. Diese Bezeichnungen gaben damals keine bestimmte Geschwindigkeit vor, sondern beschrieben den Ausdruck der Musik. Die Musiker, die das Werk aufführten, sollten diesen vom Komponisten beabsichtigten Ausdruck möglichst gut treffen. Der wird zwar auch durch das Tempo bestimmt, aber eben nicht nur. Für die Geschwindigkeit eines Musikstücks selbst gab es kein allgemeingültiges Maß. Meist waren die Komponisten bei den Aufführungen ihrer Werke anwesend, oder spielten sogar selbst. Sie konnten also das Tempo und den Ausdruck des Stücks den Musikern direkt vermitteln.
In dieser Zeit lebte und arbeitete in Venedig der Komponist
Antonio Vivaldi. Er war ein Zeitgenosse Georg
Philipp Telemanns und Johann Sebastian Bachs. Vivaldi schrieb viele
seiner Werke für das Mädchenorchester des Ospedale della
Pietà – ein Waisenhaus für Mädchen -, das
auch unter seiner musikalischen Leitung stand. Durch dieses
Orchester wurde Vivaldi zu seinen Lebzeiten weit über die
Grenzen Italiens berühmt. Auch in Deutschland war er Vorbild
für viele Komponisten. Er komponierte zum Beispiel auch ein
Konzert für die berühmte Dresdner Hofkapelle. Bei der
Aufführung war er nicht anwesend, und daher mussten die
Musiker Ausdruck und Geschwindigkeit seines Stückes
interpretieren. So entstand eine Abweichung vom beabsichtigten
Klang und der Geschwindigkeit. Das ist anscheinend häufiger
passiert, denn 1752 schrieb
Johann Joachim Quantz, Hofkomponist und
Flötenlehrer am Hof Friedrichs des Großen:" Man
sieht ja täglich vor Augen, wie sehr öfters das
Zeitmaaß gemißhandelt wird; wie man nicht selten, eben
dasselbe Stück bald mäßig, bald geschwind, bald
noch geschwinder spielet. Man weiß, dass an vielen Arten, wo
man nur auf das Geratewohl los spielet, öfters aus einem
Presto ein Allegretto, und aus einem Adagio ein Andante gemachet
wird: welches doch dem Komponisten, welcher nicht allezeit zugegen
seyn kann, zum größten Nachtheile gereichet."
Diese scheinbare Beliebigkeit passte nicht in das Zeitalter der Aufklärung. Immer mehr beherrschte im Laufe des 18. Jahrhunderts die Vernunft das Denken der Menschen: Alles sollte messbar, einteilbar und wiederholbar sein. Auch in der Musik setzte sich diese Haltung durch. Johann Joachim Quantz wollte der Musik zu einem eindeutigen allgemeingültigen Zeitmaß verhelfen. Er beschrieb in seiner 1752 veröffentlichten Flötenschule "Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen" eine Methode, um das richtige Tempo zu finden: Er schlug vor, dazu den Pulsschlag an der Hand eines gesunden Menschen zu nehmen. Dieser Puls sollte etwa 80 Mal pro Minute schlagen und so die Richtschnur geben. Quantz machte mit Hilfe des Pulsschlags aus den Charakterbezeichnungen definierte Geschwindigkeiten, zum Beispiel sollte bei einem Adagio assai auf jedes Achtel ein Pulsschlag kommen. Die Pulsmethode gilt heute unter Experten als gängige Methode des 18. Jahrhunderts, auch wenn es kaum schriftliche Belege dafür gibt, wer zu dieser Zeit davon Gebrauch machte.
Noch bevor sich das Wissen um die Pulsmethode weiter verbreiten konnte, kam 1815 eine Erfindung auf den Markt, die die Musik stark verändern sollte - das Metronom. Einer seiner ersten, glühenden Anhänger war Ludwig van Beethoven - er verwendete in seinen Partituren Geschwindigkeitsangaben, die sich auf die Schlagzahl des Metronoms beziehen. Diese Taktmaschine, bei der man verschiedene Geschwindigkeiten einstellen kann, benutzen Musiker und Komponisten bis heute. Aber nicht alle sind zufrieden damit – Kritiker sagen, dass der gleichmäßige Taktschlag des Metronoms zu technisch ist und das strenge Spielen nach dem Metronom der Musik den Ausdruck nimmt.
Tanja Winkler
Stand: 15.11.2006
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