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Mitten im Erdbeben

Familie überlebt nur knapp – ein Erlebnisbericht

  • SendeterminDienstag, 25. März 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 29. März 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).

Familie überlebt nur knapp – ein Erlebnisbericht

Foto: Trümmerberg mit Rettern
Die wenigen Überlebenden unter den Trümmerbergen wurden manchmal mit bloßen Händen freigelegt

Als Ernst Struck durch ein ungewöhnliches Geräusch erwachte, war es gerade 3:01 Uhr. Mitten in der Nacht. Ernst Struck lehrt an der Universität Passau Geographie. Sein Spezialgebiet ist die Türkei. Daher lebt er abwechselnd monatelang mit seiner Familie in Passau und in Istanbul. In dieser warmen Augustnacht hatte ein gleichmäßiges Flattergeräusch in der Ferne den Familienvater geweckt. Zunächst glaubte er nur einen großen Hubschrauber zu hören. Doch dann wurden die immer stärker anwachsenden Vibrationen zu heftigen Bewegungen, die das ganze Haus in den Grundfesten erschütterten. Struck sprang aus dem Bett, doch der sich wild bewegende Boden riss ihn wieder von den Füßen. Seinen Kindern und seiner Frau beizustehen war unmöglich. Die Familie war den Gewalten hilflos ausgeliefert.

Vorschriften kriminell missachtet

Das Beben vom 17.08.1999 das sich rund 60 Kilometer östlich von Istanbul in Gölcück ereignete, war mit 7,4 eigentlich nicht außergewöhnlich stark für die Türkei. Außergewöhnlich war jedoch die Anzahl der Todesopfer: Mehr als 16.000 Menschen starben. Dabei blieben die meisten Gebäude in der Region nahezu unbeschädigt. Doch die Gebäude, die einstürzten, fielen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Unter krimineller Missachtung der recht strengen Bauvorschriften hatten profitsüchtige Unternehmer sie in die Höhe gezogen. Und das in einer extrem aktiven Erdbebenregion. Die Bewohner der Billighäuser hatten kaum eine Überlebenschance: Sie wurden im Schlaf zermalmt.

Flucht ins Freie

In der Istanbuler Wohnung, in der die Familie Struck aus dem Schlaf gerissen wird, scheint nach dem ersten Beben zunächst alles in Ordnung zu sein. Das Ehepaar und seine beiden Kinder erholen sich vom Schreck. Der Blick aus dem Fenster zeigt keine auffälligen Schäden: Die Hagia Sophia auf der anderen Seite des Bosporus erstrahlt unversehrt im Licht der Scheinwerfer. Doch dann fällt plötzlich der Strom aus - Nachbeben setzen ein. In der Wohnung schwingen die Wände mehr als 1,5 Meter hin und her. Panik erfasst die Familie. Alle stürzen aus der Wohnung; versuchen wie die anderen Bewohner und Nachbarn, die engen Straßenschluchten zu verlassen und offene Plätze zu erreichen. Unzählige Menschen verbringen die Nacht in Parks und am Ufer des Bosporus, fliehen mit Autos aus der Stadt.

Zigtausende werden obdachlos

Foto: Obdachlose vor Trümmern
Alles verloren: Erdbebenopfer in der Türkei vor den Trümmern ihrer Häuser

Noch 34 Nachbeben folgen an diesem ersten Tag nach dem Hauptbeben. Irgendwann kehrt die Familie in ihre Wohnung zurück. Doch die vielen Nachbeben machen Angst. Beim geringsten Geräusch schrecken Strucks Kinder auf und wollen ins Freie flüchten, vermuten ein neues Beben. Als improvisierte Erschütterungsmelder aufgestellte Wasserschalen helfen schließlich, die überreizten Nerven wieder zu beruhigen. Nach und nach treffen erste Nachrichten über das Ausmaß der Schäden ein, über die Zahl der Opfer. In Istanbul verloren hunderte ihr Leben, wurden zigtausende obdachlos.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe

Zwei Tage später muss Ernst Struck beruflich von Istanbul nach Ankara reisen. Seine Fahrt führt mit dem Wagen durch das eigentliche Schadensgebiet im Nordwesten der Türkei. Bei Körfas ist durch das Beben eine Raffinerie in Brand geraten. Hier, an der Küste des Marmarameeres, droht tagelang eine Umweltkatastrophe. Nur Löschflugzeuge verhindern das Schlimmste. Als Geograph interessieren Struck die Auswirkungen des Bebens zwar auch beruflich. Doch das Elend der Menschen trifft den professionellen Beobachter stärker, als er es sich zunächst eingesteht. Immer noch werden Menschen aus Trümmern am Straßenrand geborgen, Leichen auf LKWs verladen. 60.000 Häuser sind zerstört, hunderttausende Menschen obdachlos. Sie hausen unter Plastikplanen im Freien, direkt am Straßenrand. Struck, der normalerweise alle seine Reisen fotografisch dokumentiert, bringt es nicht über sich, das Elend der Menschen auch noch zu fotografieren. Für seinen Bericht an die Universität Passau nutzt er nur Pressebilder. Nie wieder, sagt er, möchte er in eine solche Situation kommen.

Autor:

Heinz Greuling

Stand: 13.07.2007


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