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Warten auf die Katastrophe

Die Millionenstadt Istanbul steht vor einem Erdbeben

  • SendeterminDienstag, 25. März 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 29. März 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Foto: baufällige Siedlung auf einem Hügel, Minarette
einer Moschee thronen über allem; Rechte: WDR
Vor allem solche baufälligen Siedlungen würden einem großen Beben kaum noch standhalten

Noch ist Istanbul eine stolze und lebendige Stadt. Noch! Denn das kann sich jeden Tag ändern. Darin sind sich Geologen einig: Die Metropole am Bosporus steht vor einer verheerenden Katastrophe. Die Forscher prognostizieren, dass Istanbul bald von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert wird. 40.000 Menschen könnten dann in den einstürzenden Häusern zerquetscht werden, noch einmal 10.000 würden sterben, weil die Rettungskräfte nicht schnell genug helfen können. Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass die Stadt mit ihren vielen Millionen Einwohnern in großer Gefahr ist. Was lässt die Forscher so sicher sein?

Die Gefahr schlummert nur wenige Kilometer entfernt

Grafik: Grenze zwischen zwei tektonischen Platten zieht sich von
Ost nach West durch die Türkei; Rechte: WDR
Die nordanatolische Verwerfung ist die Grenze zwischen der eurasischen und der anatolischen Kontinetalplatte

Istanbul liegt nur wenige Kilometer nördlich der so genannten nordanatolischen Verwerfung. Entlang dieser Verwerfung zieht sich die Grenze zwischen zwei Kontinentalplatten: im Norden die riesige eurasische Platte und im Süden die anatolische. Beide Platten schieben sich auf 1.400 Kilometern Länge aneinander vorbei. Dabei verhaken sie sich und in ihrem Gestein entstehen unvorstellbar große Spannungen. Diese entladen sich in gewaltigen Erdbeben. Allein im letzten Jahrhundert bebte die Erde entlang der nordanatolischen Verwerfung sechzehn Mal mit einer Stärke von 7 oder mehr.

Eigentlich sind Erdstöße in der Türkei also nichts Ungewöhnliches. 95 Prozent des Landes sind ständig erdbebengefährdet und jedes Jahr rumort es irgendwo im Untergrund. Doch aufmerksam wurden die Geoforscher, weil die Beben an der nordanatolischen Verwerfung scheinbar einem bestimmten Muster folgen.

Die Beben kommen immer näher

Seit inzwischen fast siebzig Jahren kommen die schweren Erdbeben entlang der nordanatolischen Verwerfung immer weiter auf Istanbul zu. 1939 bebte die Erde weit im Osten der Türkei, in der Nähe von Erzincan. In den folgenden fünf Jahren gab es drei weitere gewaltige Erdstöße, bei denen tausende Menschen starben und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden. Das Eigenartige bei diesen Beben war: Jedes Mal lagen die Erschütterungen ein Stück weiter westlich als zuvor. Damals wusste man, dass Erdbeben durch Spannungen im Gestein ausgelöst werden, aber die Abfolge der Beben konnte niemand erklären. War es vielleicht nur Zufall?

Warum nach Westen?

Grafik: Beben von 1939 bis 1967 entlang der nordanatolischen
Verwerfung; Rechte: WDR
Alle heftigen Beben der letzten Jahrzehnte wanderte im weiter nach Westen

Scheinbar nicht, denn schon 1957 und wieder zehn Jahre später erschütterten neue Beben entlang der nordanatolischen Verwerfung die Türkei. Und wieder weiter westlich als alle anderen Beben vorher. Inzwischen wussten die Fachleute, dass die Erdoberfläche aus so genannten Kontinentalplatten besteht. Und dass es entlang den Grenzen solcher Platten zu Erdbeben kommt. Doch es blieb das Rätsel, warum die Beben nach Westen wanderten.

Eingequetscht zwischen zwei Platten

Grafik: Die anatolische Platte weicht nach Westen aus, weil die
arabische sie gegen die eurasische drückt; Rechte: WDR
Die kleine anatolische Platte weicht dem Druck nach Westen aus

In den neunziger Jahren haben die Geologen die Bewegung der anatolischen Platte genauer verstanden: Sie wird aus Südosten von der arabischen Platte gegen die riesige eurasische Kontinentalplatte gedrückt. Wie bei einer Zwetschge, aus der man den Stein herausdrückt, rückt die anatolische Kontinentalplatte deshalb jedes Jahr zwei bis drei Zentimeter nach Westen und reibt dabei an der Platte im Norden. Und das seit inzwischen mindestens fünf Millionen Jahren. Bei jedem Beben erhöht sich der tektonische Stress auf den weiter westlich liegenden Abschnitt und erhöht dort die Gefahr eines schweren Bebens. Die Wissenschaftler hatten das Phänomen verstanden und sagten Mitte der neunziger Jahre ein verheerendes Erdbeben für die Region um Izmit voraus. Sie wurden auf traurige Weise bestätigt: Am 17.August 1999 starben 16.000 Menschen beim letzten großen Beben des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Schonfrist ist abgelaufen

Foto: Luftbild von dicht besiedelten Stadtgebiet; Rechte: NDR
Trotz der drohenden Katastrophe wächst die Stadt unaufhörlich

Seit der Katastrophe von 1999 liegt die ganze Spannung direkt vor Istanbul. Die nordanatolische Verwerfung verläuft nur wenige Kilometer südlich der Stadt mitten durchs Marmarameer. Das letzte große Beben erschütterte die Metropole 1776. Aber damals war die Stadt noch nicht so dicht besiedelt. Im Grunde weiß niemand, wie viele Menschen heute dort leben: zehn Millionen, vielleicht zwölf? Die Stadt wächst unaufhörlich, jedes Jahr kommen Hunderttausende aus allen Regionen der Türkei. Viele von ihnen sind bitterarm – und gerade diese Menschen haben kein Geld, um erdbebensichere Häuser zu bauen. Und so kommt es, dass bis zu zwei Drittel der Häuser in Istanbul ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Sie sind bei einem Beben einsturzgefährdet - nicht auszumalen, was passieren wird, wenn das Beben mitten in der Nacht kommt und die Bewohner im Schlaf überrascht.

Autor:

Silvio Wenzel

Stand: 13.07.2007


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