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Sendung vom 15. April 2008
Die Psychologie des Nichthelfens
Im Jahr 1964 wird die New Yorkerin Kitty Genovese vor ihrem Wohnhaus in Queens brutal über mehrere Stunden zu Tode gequält. Insgesamt 38 Anwohner beobachten den Überfall oder hören die Schreie des Opfers, aber keiner hilft oder wählt den Notruf. Der spektakuläre Fall bringt die Forschung zur Psychologie des Helfens ins Rollen. In verschiedenen spektakulären Experimenten können die Psychologen zeigen, wie leicht Menschen durch äußere Einflüsse vom Helfen abgehalten werden. Und sie stellen fest, dass es offenbar eine ganze Reihe von unbewussten Hürden gibt.
Die beiden US-Psychologen John Darley und Bibb Latané
gehören zu den ersten Forschern, die eigene Experimente zur
Hilfsbereitschaft durchführen. Eine ihrer bekanntesten Studien
stammt aus dem Jahr 1968. Die Probanden sind eingeladen, um
angeblich an einer Diskussion über Probleme im Studium
teilzunehmen. Sie ahnen nicht, dass in Wirklichkeit ihre
Hilfsbereitschaft getestet wird. Die Probanden sitzen einzeln in
einer Kabine und sollen sich über Kopfhörer und Mikrophon
mit anderen Personen in benachbarten Kabinen unterhalten. Doch
statt einer echten Diskussion wird ihnen nach kurzer Zeit eine
Tonbandaufnahme vorgespielt, auf der ein Mann einen epileptischen
Anfall erleidet und dabei um Hilfe (
Originaltext Hilferuf) ruft. Die Psychologen
wollen herausfinden, wie lange es dauert, bis die Pobanden dem
Opfer helfen oder ob sie überhaupt einschreiten. Dabei
verändern sie gezielt eine Versuchsbedingung. Die erste
Probandengruppe glaubt, zu zweit zu sein. Das bedeutet: nur sie
selbst und der Mann am Tonband. Die zweite Gruppe glaubt, sie
wären zu dritt: außer ihnen noch ein weiterer Proband in
jeweils einer anderer benachbarten Kabine und das Opfer. Die dritte
Gruppe denkt, es wären insgesamt sechs Leute anwesend. Das
Ergebnis ist ebenso eindeutig wie erschreckend: Je mehr Menschen
anwesend sind und helfen könnten, um so seltener schreitet der
Einzelne ein. Wenn überhaupt geholfen wird, dann dauert es um
so länger, je mehr Personen da sind. Das gleiche muss auch im
Fall von Kitty Genovese passiert sein. Auch dort waren viele
Personen anwesend, aber keiner hat geholfen. Die Psychologen nennen
dieses Phänomen „Verantwortungsdiffusion“.
Offenbar teilt sich die Verantwortung unter den Anwesenden auf. Je
mehr Menschen da sind, umso weniger Verantwortung bleibt für
den Einzelnen übrig, bis sich niemand mehr zuständig
fühlt. Das Experiment hat außerdem gezeigt, dass es
für den sogenannten „Bystander-Effekt“ gar nicht
notwendig ist, die anderen Personen und ihre Reaktion zu sehen.
Allein die Annahme, es seien noch andere Menschen da, führt
dazu, Verantwortung abzugeben.
Ein weiteres aufsehenerregendes Experiment führt John Darley im Dezember 1970 mit seinem Kollegen Daniel Batson durch. Sie laden 47 Theologiestudenten der Universität Princeton zu einer Studie ein, in der es angeblich um die theologische Ausbildung und die Berufschancen geht. Doch wieder ist das eigentliche Thema die Hilfsbereitschaft. Die Studenten sollen einen kurzen Vortrag vorbereiten. Die Wissenschaftler verändern dabei zwei Versuchsbedingungen. Die erste Versuchsbedingung: Das Vortragsthema der ersten Gruppe ist die Geschichte des barmherzigen Samariters aus der Bibel. Bei der anderen Gruppe geht es um die Karrierechancen für Theologen.
Die zweite Versuchsbedingung: Die Wissenschaftler schicken die Studenten zu einem anderen Gebäude, wo sie den Vortrag halten sollen. Die Wissenschaftler vermitteln ihnen dabei unterschiedlich großen Zeitdruck.
Die entspannte Situation: „Es wird ein paar Minuten dauern, bis man sich um Sie kümmern kann. Aber Sie sollten schon mal rüber gehen. Falls Sie drüben warten müssen, sollte es nicht allzu lange dauern.“
Die normale Situation: „Der Assistent ist bereit für Sie. Bitte gehen Sie jetzt rüber.“
Die stressige Situation: „Oh, Sie sind spät dran. Man erwartet Sie schon seit ein paar Minuten. Es ist höchste Zeit. Der Assistent wird schon auf Sie warten, daher sollten Sie sich beeilen. Es sollte nicht länger dauern als eine Minute.“
Jetzt beginnt der eigentliche Test. Auf dem Weg zum Vortragsgebäude sitzt ein Mann zusammengesunken, offensichtlich hilfebedürftig, vor einem Hauseingang. Sobald einer der Studenten vorbeikommt, hustet das Opfer zweimal und fängt an zu stöhnen. Die Psychologen wollen wissen, wie viele Studenten anhalten, um zu helfen, und wie sich die beiden Versuchsbedingungen „Beschäftigung mit dem Thema Helfen“ und „Zeitdruck“ auswirken.
Das überraschende Ergebnis: Die Studenten, die einen Vortrag über den barmherzigen Samariter halten sollen, helfen nicht häufiger, als die Studenten mit dem Thema Berufschancen. Dagegen spielt der vermeintliche Zeitdruck eine entscheidende Rolle: Haben es die Studenten eilig, helfen gerade mal zehn Prozent. Ohne Zeitdruck sind es immerhin 45 Prozent. Und wenn die Studenten viel Zeit haben, helfen sogar 63 Prozent. Im Nachhinein finden die Psychologen außerdem heraus, dass bei den Nichthelfern keine böse Absicht dahinter steckte. Ihnen war das Helfen einfach nicht in den Sinn gekommen, oder sie fanden es in dem Moment nicht so wichtig. Die Schlussfolgerung der Psychologen: Für die akute Hilfsbereitschaft sind offenbar innere Einstellungen weniger wichtig als äußere Faktoren, wie zum Beispiel Zeitdruck. Weitere Experimente haben das bestätigt: Die persönliche Einstellung ist zwar wichtig, aber es gibt keine typische Helferpersönlichkeit. Es sind vor allem die äußeren Bedingungen einer Situation, die entscheiden, ob jemand hilft oder nicht.
Original-Text auf dem Tonband des Bystander-Experiments:
"I ... er I think I need er if if could er er sombody er er help
because I er I´m er h-h-having a real problem er right now and and
I er if somebody could help me out it would er er sure be good ...
Because er there er a thing´s coming on and I could really er use
some help so if somebody here er help uh uh uh (choking sounds)
.... I´m gonna die er er I´m gonna die er help er er (chokes, then
is quiet)"
(John Darley & Bibb Latané (1968) Bystander intervention in emergencies: diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8, 377-383)
Ulrich Grünewald
Stand: 27.04.2010
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