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Quarks & Co
Sendung vom 15. April 2008
Wegsehen und Weiterfahren
Wie groß ist die Hilfsbereitschaft im Straßenverkehr? Quarks & Co macht zusammen mit der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) den Test: Auf einer mäßig befahrenen Landstraße in der Eifel präparieren wir einen alten Unfallwagen, verteilen Glasscherben im Gras, produzieren Bremsstreifen und schminken zwei Statisten als blutende Schwerverletzte. Alles soll so aussehen, als sei der Wagen mit zwei Insassen vor wenigen Sekunden verunglückt. Mit versteckter Kamera beobachten wir, wie die Fahrer reagieren, die sich der Unfallstelle nähern. Damit kein falscher Notruf bei den Leitstellen der Rettungskräfte ankommt, sind Feuerwehr, Rettungsdienste und Polizei informiert.
Dann starten wir den Test und sind gespannt. So, wie der Unfall von der Straße her zu sehen ist, können wir uns nicht vorstellen, dass überhaupt ein einziger Wagen vorbeifährt, ohne anzuhalten. Doch wir werden schnell eines Besseren belehrt. Immer wieder fahren Autos einfach an der Unfallstelle vorüber. Um zu erfahren, warum sie nicht gehalten haben, stoppen wir einige der Nichthelfer rund einen Kilometer nach der Unfallstelle und fragen nach. Erstaunlicherweise ist allen klar, dass es richtig und notwendig gewesen wäre, zu helfen. Warum sie trotzdem nicht angehalten haben, erklären einige damit, dass sie ja schon vorbei gewesen wären, bis sie es richtig registriert hätten. Andere wälzen die Verantwortung auf die Feuerwehr ab, die doch bald kommen müsse. Doch gerufen hatte sie keiner von ihnen. Dabei ist eigentlich jeder Zeuge eines schweren Unfalls dazu verpflichtet, einzuschreiten – unterlassene Hilfeleistung ist nach §323c des Strafgesetzbuches ein Straftatbestand.
Viele stoppten aber auch ihren Wagen und eilten zu den Verletzten. An der Unfallstelle haben sich dann ergreifende Szenen abgespielt. Es war beeindruckend zu erleben, wie bewegt die Helfer von der Situation waren, und wie selbstverständlichen sie sich eingesetzt haben.
Insgesamt haben beim Quarks & Co-Test etwas mehr als die Hälfte geholfen. Und damit ist der Versuch noch sehr positiv ausgefallen, wie Experten sagen. Frühere Tests von ADAC und DEKRA sowie Untersuchungen von Psychologen haben ergeben, dass oft weniger als ein Drittel der Menschen Hilfe leistet. Mit fatalen Folgen: Rund jeder zehnte tödlich Verunglückte könnte überleben, wenn ihm rechtzeitig geholfen würde.
Gemeinsam mit Psychologen der Bundesanstalt für Straßenwesen und des Instituts für Notfallmedizin in München suchen wir nach Erklärungen für das Verhalten der Nichthelfer. Ein seltsamer Effekt sticht sofort ins Auge: Je mehr Menschen gleichzeitig am Unfallort sind, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft. Das klingt paradox, möglicherweise handelt es sich bei dem Phänomen aber um eine blitzschnelle und unbewusste Kalkulation in den Köpfen, wie die Experten sagen: Der erste Fahrer, der an der Unfallstelle vorbeifährt, hat nur wenige Sekunden Zeit, um die Situation einzuschätzen. Während er noch überlegt, geht sein Blick fast automatisch in den Rückspiegel. Sieht er hinter sich einen Wagen, gibt er die Verantwortung fast automatisch an dessen Fahrer ab. Aus Sicht des ersten hat der Hintermann ja länger Zeit, um zu reagieren. Also soll der doch anhalten und helfen!
Tatsächlich hat der zweite Fahrer auch nicht mehr Zeit, um die Situation zu analysieren. Das bedeutet, dass auch er wahrscheinlich einen Blick in den Rückspiegel wirft - und genau dasselbe tut wie sein Vorgänger: Er schiebt die Verantwortung auf den nachfolgenden Fahrer ab. Und so geht es von Auto zu Auto immer weiter. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von Verantwortungsdiffusion: Je mehr Menschen am Unfallort sind, umso schneller und einfacher kann sich der Einzelne aus der Pflicht entlassen. Schließlich reicht es bei keinem der potenziellen Helfer mehr für ein konkretes Einschreiten aus.
Für die weiter hinten Fahrenden kommt ein Faktor dazu, den die Psychologen "pluralistische Ignoranz" nennen: Die Nachfolgenden sehen, dass die Fahrer vor ihnen an der Unfallstelle vorbei fahren. Daraus ziehen sie den falschen Schluss, dass die Situation offenbar nicht so schlimm ist. Die Nichthelfer sind ein passives Vorbild. Und auch hier gilt: Je mehr solcher Vorbilder es gleichzeitig gibt - je mehr passive Zeugen an der Unfallstelle sind - umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Haltung durchbricht.
Bei unserem Test haben wir auch beobachten können, was die Experten bereits aus anderen Studien kennen: Der Unfall stellt für alle Passanten eine Extremsituation dar. Sowohl die Helfer als auch die meisten Nichthelfer stehen unter Stress und sind stark aufgewühlt. Bei einigen Personen ist die Angst vor einer Begegnung mit leidenden oder gar sterbenden Menschen offenbar so groß, dass sie unbewusst die Entscheidung treffen, die Situation zu vermeiden. Das Verhalten stellt also ein Art Selbstschutz dar. Um sich selbst zu schützen, um also die eigene Angst in den Griff zu bekommen, flüchten die Menschen und vermeiden die Konfrontation mit den angstauslösenden Reizen.
Es gibt noch mehr Hemmschwellen für die Hilfsbereitschaft. Auch Zeitnot, mangelndes medizinische Wissen oder das Unbehagen, durch die Hilfeleistung im Mittelpunkt zu stehen und von anderen beobachtet zu werden, hält Menschen vom Helfen ab. Das haben zahlreiche Untersuchungen schon gezeigt. Sobald man jedoch um die psychischen Mechanismen weiß, kann man ihnen in einer Notsituation gelassener begegnen. So kann zum Beispiel der Teufelskreis durchbrochen werden, dass weniger geholfen wird, je mehr potenzielle Helfer da sind. Wenn Sie also das nächste Mal eine Notsituation beobachten, fassen Sie Mut und lassen Sie Ihre inneren Vorbehalte bewusst beiseite: Helfen Sie, auch und gerade wenn Sie dadurch die Situation an sich reißen müssen!
Ulrich Grünewald
Stand: 06.03.2007
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