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Alt gegen jung

Sind junge Gehirne den älteren wirklich haushoch überlegen?

  • SendeterminDienstag, 22. April 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 26. April 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Älterer Arbeiter am Fließband bei Opel
Ältere Arbeitnehmer haben den Ruf, am Arbeitsplatz nicht mehr so gut zu funktionieren

Arbeitnehmer über 50 rechnen sich auf dem heutigen Arbeitsmarkt keine großen Chancen mehr aus. Und viele Firmen wollen sie tatsächlich nicht mehr: Frühberentungen und eine hohe Arbeitslosigkeit in dieser Altersstufe belegen das. Jüngere Arbeitnehmer gelten als schneller und flexibler im Denken. Das alte Gehirn hat den Ruf, nicht mehr so gut zu funktionieren. Doch die demografische Entwicklung geht in die entgegengesetzte Richtung: Es gibt immer mehr Ältere und immer weniger Jüngere. Die Älteren werden in Zukunft also dringend als Arbeitskräfte gebraucht. Es ist also an der Zeit, die Vorurteile über das alte Gehirn kritisch zu hinterfragen. Besonders die Erfahrung, die ältere Arbeitnehmer im Berufsalltag einbringen, wird häufig unterbewertet.

Opel will's wissen

Ein Proband mit Elektroden auf dem Kopf blickt auf einen
Computermonitor
Bei Opel in Bochum wird die Leistungsfähigkeit der jüngeren und der älteren Mitarbeiter verglichen

Das Opelwerk in Bochum nimmt zurzeit an einem wissenschaftlichen Experiment teil. In Zusammenarbeit mit den Universitäten in Dortmund und Bochum und anderen Institutionen (siehe Linkliste) vergleicht Opel die geistige Leistungsfähigkeit ihrer älteren und jüngeren Mitarbeiter. Die Teilnahme ist freiwillig. Mit einem StichwortEEG messen die Wissenschaftler die Hirnaktivität von älteren und jüngeren Mitarbeiter. Die Mitarbeiter müssen dabei verschiedenene Aufgaben am Computer lösen. Hierbei sind schnelle Entscheidungen gefragt: Ist die eingeblendete Zahl höher oder niedriger als die Zahl fünf? Ist sie gerade oder ungerade? 80 Mitarbeiter nehmen an diesem Test teil.

Die ersten Ergebnisse liegen bereits vor: Ältere Probanden haben besonders dann Schwierigkeiten, wenn sie gleichzeitig mehrere Aufgaben im Gedächtnis behalten und dann selektiv auf diese Informationen zurückgreifen müssen. Allerdings machen sie insgesamt etwas weniger Fehler als die jungen Probanden, sind dafür aber wiederum etwas langsamer. Die Versuche scheinen den Abbauprozess im älteren Gehirn zu bestätigen – die jüngeren Mitarbeiter sind eindeutig schneller und flexibler beim Denken. Die Arbeitgeber bei Opel diskutieren nun über Weiterbildungsmaßnahmen, zum Beispiel in Form von Gehirntraining für die älteren Mitarbeiter. Eine Studie der Firma Bosch deutet darauf hin, dass ältere Arbeitnehmer durch solch ein Training tatsächlich ihre kognitive Leistungsfähigkeit verbessern können.

Die Erkenntnisse über die Unterschiede im alten und jungen Gehirn könnten bei Arbeitgebern aber auch auf andere Konsequenzen hinauslaufen: nämlich in Zukunft vermehrt geistig fitte, schnellere Jüngere einzustellen, und die Älteren außen vor zu lassen.

Unterschiedliche Hirnaktivität bei Jung und Alt

Ein älteres und ein jüngeres Gehirn funktionieren tatsächlich unterschiedlich. Das wird deutlich, wenn man Jüngeren und Älteren dieselbe Gedächtnisaufgabe stellt und ihre Gehirnaktivitäten im StichwortKernspintomographen beobachtet. Das ältere Gehirn zeigt dabei mehr Aktivität, es bezieht mehr Gehirnareale beim Lösen der Aufgabe mit ein als das junge Gehirn. Ob das ein Zeichen von Schwäche oder von Stärke ist, ist allerdings unter den Wissenschaftlern umstritten. Die einen argumentieren, dass Ältere mit den für diese Aufgabe üblichen neuronalen Netzwerken aufgrund des altersbedingten Abbaus im Gehirn nicht mehr auskommen und daher auf weitere Areale zugreifen müssen. Und die anderen meinen, dass die vermehrte Hirnaktivität darauf zurückzuführen ist, dass Ältere im Laufe ihres Lebens einfach andere Strategien für diese Aufgabe entwickelt haben. Sie sehen die vermehrte Hirnaktivität also als Stärke und nicht als Schwäche an. Das bekräftigt auch dieses Experiment: Wenn man junge Probanden bittet, ihre Lösungsstrategie bei der Gedächtnisaufgabe zu ändern, zeigt sich im Kernspin auch bei ihnen eine vermehrte Aktivität im Gehirn. Sind ältere Gehirne den jüngeren in manchen Situationen also sogar überlegen?

Senior-Studenten fordern Jüngere heraus

Die Alternsforscher vom Arbeitsphysiologischen Institut der Universität Dortmund haben zusammen mit Quarks & Co einen Test gemacht. Acht Senior-Studenten mussten antreten gegen acht "normale" Studenten. Die Wissenschaftler haben sehr unterschiedliche Tests vorbereitet. Einmal fordern sie unseren Teilnehmern gelerntes Wissen ab. Das nennen die Forscher "kristalline Intelligenz". Und dann wieder eine hohe geistige Flexibilität – die "fluide Intelligenz". Beim ersten Test sollen unsere Kandidaten in 90 Sekunden möglichst vielen Zahlen die passenden Symbole zuordnen. Bei einem weiteren Test sollen sie erkennen, welches von fünf Symbolen spiegelverkehrt abgebildet ist. Erfahrung hilft ihnen hier nicht weiter. Bei beiden Tests ist schnelle Kombinationsfähigkeit gefragt – also die fluide Intelligenz. Bei den anderen beiden Tests kommt es auf das Erfahrungswissen an – hier ist die kristalline Intelligenz gefordert. Jung und Alt sollen möglichst knapp und präzise die Bedeutung einzelner Wörter erklären. Danach kommt Test vier: Fünf ähnliche Buchstabenkombinationen stehen in einer Reihe nebeneinander, aber nur eine davon ergibt ein sinnvolles Wort. Genau das sollen die Studenten herausfinden. (Eines der einfacheren Beispiele: BLAUS, DRAUS, KLAUS, FLAUS, GLAUS.)

Älterer Herr beim Lösen einer Aufgabe
Das alte Gehirn schneidet bei manchen Aufgabentypen besser ab als das junge

Das Potenzial des alten Gehirns Das Ergebnis: Bei den Tests, in denen es auf das Erfahrungswissen (kristalline Intelligenz) ankommt, haben die Älteren mehr richtige Antworten als die Jungen. Es gibt also Aufgaben, bei denen Ältere besser abschneiden als Junge, weil bestimmte Hirnfunktionen im Alter nicht schlechter werden, sondern eher noch etwas besser – beispielsweise die Definition von Wörtern oder sprachliche Wortkompetenz. Und auch spezielles Faktenwissen im Beruf gehört dazu. Bei den Tests, bei denen die geistige Flexibilität entscheidend ist (fluide Intelligenz), haben dagegen die Jüngeren wesentlich mehr richtige Antworten. Jung gewinnt beim Quarks-Test, aber die jungen Gehirne sind den älteren keineswegs immer überlegen. Es kommt ganz auf die Aufgabe an.

Stichwörter

1 Magnetresonanztomographie / Kernspintomographie
Die Kernspin-Untersuchung wird wissenschaftlich korrekt als Magnetresonanztomographie (MRT) bezeichnet. Die MRT ist ein sogenanntes "bildgebendes Verfahren", mit dem Querschnittsbilder vom Inneren des Körpers gemacht werden können. Dabei kommt der Patient in ein starkes, gleichmäßiges Magnetfeld: die berühmte Röhre, in die man geschoben wird. Das Verfahren basiert auf der Schwingung von Wasserstoffatomen im Körper. Es bildet die Weichteile ab, nicht aber Knochen wie etwa ein Röntgenbild. Kernspin-Untersuchungen kommen daher vor allem in der Hirnforschung zum Einsatz. Im Gegensatz zum Röntgen belasten sie den Patienten nicht mit Strahlung. Zurück zum Absatz
2 EEG
Das EEG (Elektroenzephalogramm) ist ein medizinisches Verfahren, das die elektrischen Aktivitäten des Gehirns misst und aufzeichnet, indem es die Spannungsschwankungen an der Oberfläche des Schädels registriert. Diese Spannungsschwankungen gehen auf Aktivitäten innerhalb der einzelnen Gehirnzellen zurück: Das Gehirn verarbeitet Informationen, indem es elektrische Ströme durch die einzelnen Neuronen jagt. Im Verbund können die Neuronen Informationen weiterleiten oder speichern. Aktivitäten in einzelnen Gehirnarealen lösen ein ganzes Feuerwerk an Impulsen aus, das wiederum charakteristische Muster im EEG hinterlässt. Diese Muster werden entweder grafisch aufgezeichnet oder als digitale Signale auf einer Festplatte gespeichert. Zurück zum Absatz
Autorin:

Ilka aus der Mark

Stand: 22.04.2009


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