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Quarks & Co
Sendung vom 22. April 2008
Alt gegen jung
Arbeitnehmer über 50 rechnen sich auf dem heutigen Arbeitsmarkt keine großen Chancen mehr aus. Und viele Firmen wollen sie tatsächlich nicht mehr: Frühberentungen und eine hohe Arbeitslosigkeit in dieser Altersstufe belegen das. Jüngere Arbeitnehmer gelten als schneller und flexibler im Denken. Das alte Gehirn hat den Ruf, nicht mehr so gut zu funktionieren. Doch die demografische Entwicklung geht in die entgegengesetzte Richtung: Es gibt immer mehr Ältere und immer weniger Jüngere. Die Älteren werden in Zukunft also dringend als Arbeitskräfte gebraucht. Es ist also an der Zeit, die Vorurteile über das alte Gehirn kritisch zu hinterfragen. Besonders die Erfahrung, die ältere Arbeitnehmer im Berufsalltag einbringen, wird häufig unterbewertet.
Das Opelwerk in Bochum nimmt zurzeit an einem wissenschaftlichen
Experiment teil. In Zusammenarbeit mit den Universitäten in
Dortmund und Bochum und anderen Institutionen (siehe Linkliste)
vergleicht Opel die geistige Leistungsfähigkeit ihrer
älteren und jüngeren Mitarbeiter. Die Teilnahme ist
freiwillig. Mit einem
EEG messen die Wissenschaftler die
Hirnaktivität von älteren und jüngeren Mitarbeiter.
Die Mitarbeiter müssen dabei verschiedenene Aufgaben am
Computer lösen. Hierbei sind schnelle Entscheidungen gefragt:
Ist die eingeblendete Zahl höher oder niedriger als die Zahl
fünf? Ist sie gerade oder ungerade? 80 Mitarbeiter nehmen an
diesem Test teil.
Die ersten Ergebnisse liegen bereits vor: Ältere Probanden haben besonders dann Schwierigkeiten, wenn sie gleichzeitig mehrere Aufgaben im Gedächtnis behalten und dann selektiv auf diese Informationen zurückgreifen müssen. Allerdings machen sie insgesamt etwas weniger Fehler als die jungen Probanden, sind dafür aber wiederum etwas langsamer. Die Versuche scheinen den Abbauprozess im älteren Gehirn zu bestätigen – die jüngeren Mitarbeiter sind eindeutig schneller und flexibler beim Denken. Die Arbeitgeber bei Opel diskutieren nun über Weiterbildungsmaßnahmen, zum Beispiel in Form von Gehirntraining für die älteren Mitarbeiter. Eine Studie der Firma Bosch deutet darauf hin, dass ältere Arbeitnehmer durch solch ein Training tatsächlich ihre kognitive Leistungsfähigkeit verbessern können.
Die Erkenntnisse über die Unterschiede im alten und jungen Gehirn könnten bei Arbeitgebern aber auch auf andere Konsequenzen hinauslaufen: nämlich in Zukunft vermehrt geistig fitte, schnellere Jüngere einzustellen, und die Älteren außen vor zu lassen.
Ein älteres und ein jüngeres Gehirn funktionieren
tatsächlich unterschiedlich. Das wird deutlich, wenn man
Jüngeren und Älteren dieselbe Gedächtnisaufgabe
stellt und ihre Gehirnaktivitäten im
Kernspintomographen beobachtet. Das
ältere Gehirn zeigt dabei mehr Aktivität, es bezieht mehr
Gehirnareale beim Lösen der Aufgabe mit ein als das junge
Gehirn. Ob das ein Zeichen von Schwäche oder von Stärke
ist, ist allerdings unter den Wissenschaftlern umstritten. Die
einen argumentieren, dass Ältere mit den für diese
Aufgabe üblichen neuronalen Netzwerken aufgrund des
altersbedingten Abbaus im Gehirn nicht mehr auskommen und daher auf
weitere Areale zugreifen müssen. Und die anderen meinen, dass
die vermehrte Hirnaktivität darauf zurückzuführen
ist, dass Ältere im Laufe ihres Lebens einfach andere
Strategien für diese Aufgabe entwickelt haben. Sie sehen die
vermehrte Hirnaktivität also als Stärke und nicht als
Schwäche an. Das bekräftigt auch dieses Experiment: Wenn
man junge Probanden bittet, ihre Lösungsstrategie bei der
Gedächtnisaufgabe zu ändern, zeigt sich im Kernspin auch
bei ihnen eine vermehrte Aktivität im Gehirn. Sind ältere
Gehirne den jüngeren in manchen Situationen also sogar
überlegen?
Die Alternsforscher vom Arbeitsphysiologischen Institut der Universität Dortmund haben zusammen mit Quarks & Co einen Test gemacht. Acht Senior-Studenten mussten antreten gegen acht "normale" Studenten. Die Wissenschaftler haben sehr unterschiedliche Tests vorbereitet. Einmal fordern sie unseren Teilnehmern gelerntes Wissen ab. Das nennen die Forscher "kristalline Intelligenz". Und dann wieder eine hohe geistige Flexibilität – die "fluide Intelligenz". Beim ersten Test sollen unsere Kandidaten in 90 Sekunden möglichst vielen Zahlen die passenden Symbole zuordnen. Bei einem weiteren Test sollen sie erkennen, welches von fünf Symbolen spiegelverkehrt abgebildet ist. Erfahrung hilft ihnen hier nicht weiter. Bei beiden Tests ist schnelle Kombinationsfähigkeit gefragt – also die fluide Intelligenz. Bei den anderen beiden Tests kommt es auf das Erfahrungswissen an – hier ist die kristalline Intelligenz gefordert. Jung und Alt sollen möglichst knapp und präzise die Bedeutung einzelner Wörter erklären. Danach kommt Test vier: Fünf ähnliche Buchstabenkombinationen stehen in einer Reihe nebeneinander, aber nur eine davon ergibt ein sinnvolles Wort. Genau das sollen die Studenten herausfinden. (Eines der einfacheren Beispiele: BLAUS, DRAUS, KLAUS, FLAUS, GLAUS.)
Das Potenzial des alten Gehirns Das Ergebnis: Bei den Tests, in denen es auf das Erfahrungswissen (kristalline Intelligenz) ankommt, haben die Älteren mehr richtige Antworten als die Jungen. Es gibt also Aufgaben, bei denen Ältere besser abschneiden als Junge, weil bestimmte Hirnfunktionen im Alter nicht schlechter werden, sondern eher noch etwas besser – beispielsweise die Definition von Wörtern oder sprachliche Wortkompetenz. Und auch spezielles Faktenwissen im Beruf gehört dazu. Bei den Tests, bei denen die geistige Flexibilität entscheidend ist (fluide Intelligenz), haben dagegen die Jüngeren wesentlich mehr richtige Antworten. Jung gewinnt beim Quarks-Test, aber die jungen Gehirne sind den älteren keineswegs immer überlegen. Es kommt ganz auf die Aufgabe an.
Ilka aus der Mark
Stand: 22.04.2009
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