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Der Popcorntest

Lassen sich Kinobesucher dazu verleiten, viel Popcorn zu essen?

  • SendeterminDienstag, 29. April 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 03. Mai 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Große und kleine Popcorntüte liegen auf Popcorntheke
Quarks & Co füllt 75 große und 75 kleine Popcorntüten

Der Wissenschaftler Brian Wansink hat nachgezählt: Jeden Tag muss man über 200 Entscheidungen treffen, die mit dem Essen zu tun haben. Honig oder Marmelade zum Frühstück. Die leckeren Essensreste vom Vorabend mal schnell zwischendurch. Oder das kalorienreiche Schinken-Käse-Croissant, zu dem der Duft eines Kiosks einlädt. Der amerikanische Ernährungswissenschaftler und Marketingexperte von der Cornell-Universität behauptet, dass neunzig Prozent der Entscheidungen unbewusst getroffen werden. Menschen lassen sich mit subtilen Tricks beeinflussen, mehr zu essen, schreibt er. Quarks & Co nimmt ihn beim Wort und testet, ob sich Kinobesucher wirklich von der Größe der Popcorntüten in ihrem Konsum beeinflussen lassen.

Die Zuschauer sollen nichts ahnen

Tisch mit vielen Popcorntüten. Kinobesucher bekommen sie in
die Hand gedrückt
Jeder Besucher soll eine eigene Tüte Popcorn bekommen

Am Tag der Vorstellung füllen wir das Popcorn in die großen und kleinen Tüten ab. Selbst die kleine Portion, die etwa 200 Gramm fasst, ist alleine kaum zu schaffen. Die große Tüte wiegt sogar das Doppelte. Sie enthält mit etwa 1500 Kilokalorien deutlich mehr als ein typisches Abendessen. Doch die Gäste dürfen nicht ahnen, dass es um ihr Essverhalten geht, denn das würde das Ergebnis unbrauchbar machen. Die Zuschauer bekommen beim Kartenkauf deshalb ein Infoblatt. Darauf steht, dass wir nach der Vorstellung einige Fragen zum Film stellen werden und sie als Dankeschön eine Tüte Popcorn gratis bekommen. Vor dem Kinosaal drücken wir ihnen zufällig verteilt große und kleine Tüten in die Hand. Jeder soll eine Tüte nehmen, damit niemand beim Nachbarn naschen muss, was das Ergebnis verfälschen würde. Unsere Helferinnen müssen dabei sehr diplomatisch vorgehen. Immer noch dürfen sie nichts vom Versuch verraten. Fast 100 Zuschauer machen mit.

Unbewusste Essreize – die Portionsgröße entscheidet

Kinobesucher mit Popcorntüten auf dem Schoß
Die Nachtsichtkamera zeigt: Wo man auch hinsieht, essen die Besucher Popcorn

Kaum sitzen die Kinogäste, fängt das große Knistern an. Fast alle Zuschauer greifen sofort zu. Sie scheinen sich dem Reiz des Popcorns nicht entziehen zu können. Mit der Nachtsichtkamera machen wir Aufnahmen während der Vorstellung. Darauf sieht man, dass viele Zuschauer gebannt auf die Leinwand schauen und dabei unbewusst immer wieder in die Popcorntüte fassen. Während des Abspanns erklären wir ihnen, was für einen Versuch wir durchführen wollen und bitten sie, die Tüten mit dem übrig gebliebenen Popcorn mit herauszubringen, abzugeben und den Fragebogen zu beantworten. Sie werden nicht – wie zuvor angekündigt – nach dem Film, sondern nach dem Geschmack des Popcorns gefragt. Am Ausgang sammeln wir die Fragebogen und die Tüten mit dem übrig gebliebenen Popcorn wieder ein. Das Nachwiegen der 86 abgegebenen Tüten zeigt, dass die Zuschauer im Schnitt aus den kleinen Tüten 106 Gramm gegessen hatten. Wer eine große Tüte hatte, konsumierte jedoch deutlich mehr, nämlich 127 Gramm. Die größere Tüte führte also dazu, dass zwanzig Prozent mehr Popcorn gegessen wurde.

Der Geschmack spielt keine Rolle

Der Konsum aus der kleinen Popcorntüte betrug bei denen, denen
es nicht so gut schmeckte, im Schnitt 82 Gramm, aus der
großen Tüte 107 Gramm. Das sind dreißig Prozent
mehr
Unser Ergebnis: Es lassen sich auch die Zuschauer zu höherem Konsum verleiten, denen das Popcorn nicht so gut schmeckte

Wir haben die Kinobesucher gesondert ausgewertet, die unserem Popcorn Geschmacksnoten unter dem Durchschnitt gaben. Konsequenterweise aßen sie insgesamt weniger. Doch auch hier gilt: Wer eine große Tüte hatte, konsumierte deutlich mehr als die Gäste mit kleinen Tüten. In dieser "Schlechtschmecker"-Gruppe erhöhte sich der Konsum im Vergleich zur kleinen Tüte sogar um dreißig Prozent. In dem Fragebogen baten wir die Zuschauer auch um ihre Selbsteinschätzung. Die Hälfte der Zuschauer behauptete, dass sie sich von der Portionsgröße nicht beeinflussen ließe. Dem widerspricht unser Ergebnis. Brian Wansink erklärt das mit den vielen unbewussten Essentscheidungen. Er hat ähnliche Versuche in vielen Kinos in den USA durchgeführt und kam immer wieder zu dem gleichen Ergebnis, das auch wir gefunden haben. Es ist falsch zu glauben, dass man nur so viel ist, bis man satt ist oder solange es einem gut schmeckt. Schon allein dadurch, dass man eine große statt einer kleinen Tüte kauft, isst man mehr.

Aus seinen Versuchen leitet Wansink Tipps ab, wie man sich den Essreizen entziehen kann. Spart man nur 100 Kilokalorien am Tag, indem man zum Beispiel sechs Gummibärchen weniger isst, nimmt man im Jahr fünf Kilo ab! Sein Credo: Abnehmen gelingt, wenn man die unbewussten Essreize durchschaut.

Autor:

Michael Fuhs

Stand: 12.08.2010


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