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Machen unsere Städte dick?

Englische Forscher untersuchen, warum wir zu viel essen und uns zu wenig bewegen

  • SendeterminDienstag, 29. April 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 03. Mai 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Die Ernährungswissenschaftlerin Amelia Lake und der
Stadtplaner Tim Townshend
Interdisziplinäre Wissenschaft: Die Ernährungswissenschaftlerin Amelia Lake und der Stadtplaner Tim Townshend forschen gemeinsam zum Thema Fettleibigkeit

"Obesogenic environment" lautet das Schlagwort, das Wissenschaftler in Großbritannien, den USA, Australien und vielen anderen Ländern beschäftigt. Auf Deutsch bedeutet der Begriff etwa "fettmachende Umgebung". Kennzeichnend für eine solche Umgebung ist es, dass Entscheidungen für gesunde Verhaltensweisen schwerer fallen als für ungesunde Alternativen. Das sagen die Ernährungswissenschaftlerin Amelia Lake und der Stadtplaner Tim Townshend, die gemeinsam an der Universität Newcastle zu dem Thema forschen. Sie nehmen das Verhalten ihrer Mitbürger im Norden Englands genau unter die Lupe, um herauszufinden, wie Städte aussehen müssten, die Menschen dazu ermutigen sich mehr zu bewegen und gesünder zu essen.

Vorstädte sind oft komplett auf das Auto zugeschnitten

Besonders deutlich wird das Problem in den Vorstädten, sagen Tim Townshend und Amelia Lake. Sei sind oft komplett auf den Autogebrauch hin geplant: Schulen, Geschäfte, Ärzte – alles ist zu weit entfernt, als dass man zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren könnte. "Mixed land use" nennt Townshend sein zentrales Anliegen: Wohnen, Dienstleistungen und Gewerbe müssen besonders in Vororten besser gemischt werden. "Man kann die Leute nicht zwingen, sich mehr zu bewegen. Aber wenn sie die Wahl haben – wenn es einfacher ist, schnell mal zu Fuß zum Laden zu gehen oder zur Schule zu laufen – dann ändern sie ihr Verhalten", davon ist er überzeugt.

Bewegung im Alltag ist von zentraler Bedeutung

Briten gehen in der Mittagspause in einem Park spazieren
In Newcastle stammen die städtischen Parks noch aus der Zeit der Königin Viktoria. In modernen Wohngebieten wurden hingegen nicht ausreichend Grünflächen geplant

Mit dem Auto zur Arbeit fahren, den ganzen Tag sitzen – und zum Ausgleich eventuell einmal die Woche das Fitnessstudio besuchen: So sieht der Alltag vieler Briten aus. Amelia Lake betont hingegen, wie wichtig es ist, Bewegung in den Alltag zu integrieren, beispielsweise indem man zu Fuß zur Arbeit geht oder einfach mal in der Mittagspause eine Runde im Park dreht. Allerdings – so bemängeln die beiden Wissenschaftler – fehlen dafür die entsprechenden Voraussetzungen in den Städten. Es gibt zu wenig Grünflächen – insbesondere in modernen Siedlungen, Fußgänger können sich nur in den Innenstädten sicher bewegen, stoßen bereits an den Stadträndern überall auf Barrieren. Radwege fehlen fast überall; "hier in Newcastle sogar in der Nähe der Uni", sagt Tim Townshend. Er selbst habe das Radfahren vor zehn Jahren aufgegeben, weil es ihm einfach zu gefährlich inmitten der ungeduldigen und nicht an Radfahrer gewöhnten Autofahrer war.

Obst und Gemüse statt "Fish and chips"

"Food Environment" ist ein eigener Forschungsschwerpunkt von Amelia Lake und Tim Townshend. Sie behaupten, dass die "Nahrungsumgebung" großen Einfluss auf unser Essverhalten hat – denn Fast Food ist jederzeit erreichbar, gesunde Alternativen jedoch nicht. Ernährungsprogramme in Großbritannien haben bereits angefangen, an Schulen Obst zu verteilen oder darauf zu achten, dass lokale Supermärkte auch gesunde Snacks im Angebot haben. Doch für Amelia ist die Frage, warum sich Menschen für "Fish and chips" entscheiden anstatt für eine gesunde Alternative eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen in ihrem Forschungsgebiet. "Unglaublich viele Faktoren spielen eine Rolle", sagt sie. Besonders wichtig ist neben der Erreichbarkeit gesunder und fettarmer Mahlzeiten deren Preis. Aber auch soziokulturelle Aspekte spielen eine große Rolle: Fragen der Tradition, der Gewohnheit und der sozialen Akzeptanz bestimmter Lebensmittel.

Britische Regierung investiert in "gesunde Städte"

Junge Engländerin mit Übergewicht
Die Kosten für die Folgen von Übergewicht werden sich in den kommenden Jahren in Großbritannien – ebenso wie in Deutschland – vervielfachen

Die britische Regierung hat die Forschungsergebnisse aus dem Bereich "fettmachende Umgebung" bereits in neue Handlungsstrategien einfließen lassen. So wurden in der Modellstadt Peterborough 4 Millionen Euro in verbesserte Verkehrskonzepte investiert; mit dem Ergebnis, dass die Einwohner von Peterborough nun 21 Prozent mehr zu Fuß gehen und 25 Prozent mehr Rad fahren. Im ganzen Land werden neue oder verbesserte Radwege geplant – für insgesamt 180 Millionen Euro. Darüber hinaus sind zehn ganz neue "fitte Städte" geplant, jede für 20.000 Einwohner. Diese Städte sollen ihre Bewohner anregen, sich gesund zu verhalten und zeigen, welche Ergebnisse eine solche Stadtplanung bringt. All diese Investitionen sind dringend nötig, denn bereits heute sind zwei von drei Briten übergewichtig, die gesundheitlichen Folgekosten werden auf eine Milliarde Pfund pro Jahr geschätzt. Bis 2050, so lauten aktuelle Vorhersagen, werden neun von zehn Briten zu dick sein – und das wird das Land jährlich 45 Milliarden Pfund kosten.

Autor:

Christina Krätzig

Stand: 12.08.2010


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