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Sendung vom 29. April 2008
Das Märchen von der Fettwelle
Die neueste Studie zur Ernährung der Deutschen belegt: 20
Prozent der Bundesbürger sind
adipös. Jeder fünfte Deutsche ist
zu dick. Aber ist der Anteil der Fettsüchtigen und
Übergewichtigen in Deutschland erst in den letzten Jahren
extrem gestiegen? Eine Frage für Dr. Uwe Spiekermann vom
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der
Universität Göttingen. Der Wirtschaftshistoriker
beschäftigt sich mit den Veränderungen des deutschen
Körpers. Grundlage seiner Studie sind Daten von Musterungen
oder Aufzeichnungen von Schuluntersuchungen und Versicherungen der
letzten einhundert Jahre.
Nach dem 2. Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern. Die
sogenannten Hungerjahre zehrten an den Menschen. Durchschnittlich
zehn Prozent ihres jeweiligen Gewichts verloren die Deutschen
während des Kriegs und in den Jahren danach. Tiefpunkt dieser
Entwicklung war das Jahr 1947. Erst danach ging es langsam wieder
aufwärts. Innerhalb der folgenden sechs Jahre stieg das
Durchschnittsgewicht wieder auf Vorkriegsniveau. Ab Mitte der
1950er-Jahre brachte dann die Zeit des
Wirtschaftswunders den Wohlstand: Endlich gab
es alles und das auch für alle im Überfluss. Deutschland
setzte an: Gut 15 Prozent legte der Deutsche im Durchschnitt in
diesen Jahren an Gewicht zu. Ende der 1950er-Jahre gab es schon
etwa fünf Prozent Adipöse.
In der DDR wurde schon Anfang der 1960er-Jahre die sogenannte 10-Pfund-Kampagne ins Leben gerufen, um entsprechend abzuspecken. Doch trotz derartigem Aktionismus des Staates nahm die Zahl Fettleibigen in den 1960ern deutlich zu: Zum Ende des Jahrzehnts liegt die Zahl der Fettleibigen in der DDR bei etwa 20 Prozent. Ostdeutsche Ärzte warnten damals davor, "ein Volk von kurzlebigen Dicken" zu werden. Mit Werbespots im DDR-Fernsehen sollten die Ostdeutschen in den 1970er-Jahren zu einer besseren Ernährung animiert werden.
Ende der 1960er-Jahre wurde das Übergewicht der Bürger auch in der Bundesrepublik zum Gesellschaftsproblem: Innerhalb von zehn Jahren hatte sich die Zahl der Fettleibigen verdreifacht – auf 15 Prozent. Staatsnahe Institutionen setzten auf Aufklärung und Bewegung. 1970 brachte der Deutsche Sportbund dem Bundesbürger Sport als Spaß näher – die Geburtsstunde der Aktion "Trimm Dich". Und: Die Aktionen zeigten Erfolg: Der Siegeszug des Übergewichts wird in den 1970er-Jahren auf hohem Niveau gebremst. Seitdem wächst der Anteil der Adipösen nur langsam. Das ist das überraschende Ergebnis der Studie von Uwe Spiekermann aus Göttingen: "Das Übergewichtsproblem ist kein neues Problem. Das gibt es in der jetzigen Form seit 40 Jahren. Und wir therapieren seit etwa 40 Jahren mit ähnlichen Maßnahmen und Politiken daran, dieses zu ändern." Es wird halt gerne gegessen in Deutschland – und meist zu viel; trotz aller Aktionen und Kampagnen. Das ist die füllige Folge des Wohlstands.
Gabriele Rose
Stand: 06.05.2008
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