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Quarks & Co
Sendung vom 06. Mai 2008
Der Kreislauf des Sehens
Ein Baby sieht die Welt zunächst ungenau – mit einer geringen Auflösung und mit wenigen Farben. Es nimmt nur wahr, was sich unmittelbar vor seinen Augen befindet: zum Beispiel die Brust und das Gesicht der Mutter. Damit schützt sich das noch unreife Gehirn vor Reizüberflutung. Erst mit der Zeit öffnet sich der Blick immer weiter. Dabei wird die Vernetzung der Augen mit dem Sehzentrum des Gehirns ausgebildet und geschult. Denn das Bild der Welt entsteht erst im Kopf, und bei der Geburt sind die Sehnerven, die vom Auge zum Gehirn verlaufen, noch nicht voll entwickelt. Erst nach der Geburt reifen sie aus. Die Verbindungen bauen sich dann sehr schnell auf und können das Gehirn mit Seheindrücken versorgen. So erreicht das Baby in den ersten sechs Monaten schon 20 bis 30 Prozent des normalen Sehvermögens. Ab dem zweiten Lebensjahr schreitet die Sehschärfenentwicklung dann langsamer voran.
Viele neugeborene Babys schielen gelegentlich. Das liegt an der unreifen Regelung der beiden Augen und den noch nicht ausgereiften Markscheiden der Sehnerven. Doch dieses Schielen verschwindet meist im Alter von drei bis vier Monaten. Dann sollte die Augenstellung parallel sein. Schielt ein Kleinkind jedoch weiter, wird der Seheindruck des schielenden Auges im Gehirn unterdrückt. Das bessere Auge übernimmt die Führungsrolle, das unterdrückte Auge bleibt in der Entwicklung seiner Sehschärfe stehen. Es wird schwachsichtig, Fachleute sprechen von einer Amblyopie. Die Amblyopie ist die häufigste Augenerkrankung im Kindesalter. Sie kann behandelt werden, der Augenarzt deckt dazu den leistungsfähigeren Partner ab, stunden- oder tageweise. So zwingt er das schwache Auge, sich aufzurappeln, alle Kräfte zu mobilisieren und besser sehen zu lernen. Das Ziel besteht darin, die Verschaltungen vom schwachen Auge zum Gehirn aufrechtzuerhalten und zu stärken. Denn diese formieren sich nur in der Kindheit. Wenn das Problem in jungen Jahren nicht erkannt wird, bleibt für immer eine Sehschwäche zurück. Ist ein Auge einmal schwachsichtig, kann selbst die beste Brillenkorrektur keine normale Sehschärfe erreichen, obwohl das Auge organisch gesund ist. So kommt es dann vor allem zu einem schlechten räumlichen Sehen. Denn dies ist von zwei intakten Augen abhängig.
Vernetzung der Augen mit dem Sehzentrum des Gehirns ausgebildet und geschult
Etwa mit dem sechsten Lebensjahr ist die Verschaltung mit dem Gehirn fertig ausgebildet. Wenn die Entwicklung ohne Probleme verläuft, erreicht ein Kind jetzt eine Sehschärfe von 100 Prozent. Auge und Gehirn arbeiten nun optimal zusammen. Mit seiner weichen und elastischen Augenlinse erfasst das Kindauge alle Schärfenbereiche und kann schnell zwischen nah und fern umschalten. Farben und Details kann das Kinderauge gut erkennen. Das Bild entsteht scharf auf der Netzhaut. Während das Babyauge noch eine Länge von etwa 17 Millimeter hat, kommt es im ausgewachsenen Zustand auf rund 23,5 Millimeter. Oft wächst das Auge aber im Jugendalter, im Laufe der Schulzeit, noch weiter in die Länge. Das Bild entsteht dann nicht mehr scharf auf der Netzhaut, sondern davor. Es entwickelt sich eine Kurzsichtigkeit. Nah gelegene Dinge können die Schüler dann noch gut sehen, doch für den Blick an die Tafel brauchen sie eine Brille. Die Kurzsichtigkeit entwickelt sich oft zwischen 8 und 15 Jahren. Sie kann aber auch später noch entstehen.
Mit zunehmendem Alter verliert die Augenlinse ihre Elastizität und wird immer härter und unbeweglicher. Dieser Prozess beginnt genau genommen schon von Geburt an. Doch erst mit etwa 40 Jahren leidet die Sehfähigkeit so darunter, dass es auffällt. Beim Betrachten von nahen Gegenständen oder beim Lesen kann die Linse nicht mehr in die kugelige Form wechseln und für den Nahbereich scharf stellen. In diesem Fall spricht man von Altersweitsichtigkeit – erkennbar dann, wenn Menschen anfangen, Bücher, Zeitungen oder kleine Gegenstände am ausgestreckten Arm von sich weg zu halten. Und irgendwann sind die Arme zu kurz: Es hilft nur noch eine Lesebrille. Bei den meisten Menschen über 65 Jahren entwickelt sich noch eine Trübung der Augenlinse – der grauen Star, auch "Katarakt" genannt. Dazu kommt es, weil die Linse mit zunehmendem Alter schlechter mit Nährstoffen versorgt wird. Normalerweise befinden sich in der Augenlinse gelöste Substanzen, unter anderem Eiweiße. Mit zunehmendem Alter klumpen die Eiweiße zusammen und trüben die Linse ein. Das Bild, das dann auf der Netzhaut entsteht, verliert immer mehr an Schärfe. Man blickt wie durch einen Nebel oder eine Milchglasscheibe. Durch die trüben Partikel wird das Licht nun auch diffus gebrochen. Es kann zur Blendung kommen. Manchmal werden Doppelbilder wahrgenommen. Zum Glück lässt sich der graue Star mittlerweile problemlos behandeln, und zwar, indem eine künstliche Linse ins Auge eingesetzt wird. In Deutschland werden pro Jahr etwa 600.000 Menschen auf diese Weise vom grauen Star befreit.
Carsten Binsack
Stand: 10.04.2007