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Quarks & Co
Sendung vom 06. Mai 2008
Scharf Sehen über Nacht
Jeden Abend nach dem Zähneputzen noch schnell die Linse einsetzen – ginge es nach dem Willen der Hersteller, würde diese Prozedur für alle Brillenträger zur täglichen Routine. Denn mit neuartigen Kontaktlinsen, die über Nacht kurzsichtige Augen für einen Tag lang korrigieren, könnten herkömmliche Sehhilfen ganz überflüssig werden. Die neuen Linsen für die Nacht, sogenannte Orthokeratologie-Linsen, kurz Ortho-K-Linsen, funktionieren im Prinzip wie eine Zahnspange – mit dem Unterschied, dass hier nicht die Zähne modelliert werden, sondern die Hornhaut des Auges. Wenn die Linsen abends vor dem Schlafengehen eingesetzt werden, verformen sie die Hornhaut in der Nacht wie eine Knetmasse.
Neben der Augenlinse ist die Hornhaut hauptsächlich
dafür verantwortlich, dass das einfallende Licht im richtigen
Winkel gebrochen wird, damit man scharf sieht. In der Mitte ist die
Hornhaut nur etwa einen halben Millimeter dick. Die neue
Speziallinse entwickelt Druck- und Saugkräfte, die die
Hornhaut je nach Dioptrienstärke, die korrigiert werden soll,
um einige
Mikrometer flacher drückt: Dadurch
verändert sich der Brechungswinkel mit dem das einfallende
Licht an der Hornhaut gebrochen wird. Denn bei kurzsichtigen Augen
liegt der Brennpunkt, also der Ort, an dem das scharfe Bild
entsteht, vor der Netzhaut – im Augeninnern. Das soll die
Ortho-K-Linse ändern: Am Morgen, wenn sie herausgenommen wird,
ist die Hornhaut für einen Tag abgeflacht. Und bricht das
Licht genau in dem Winkel, der den Brennpunkt und somit das scharfe
Bild nach hinten verschiebt und wieder auf die Netzhaut projiziert
– ohne weitere Sehhilfe.
Für diese Feinarbeit muss die Ortho-K-Linse genau auf das Auge abgestimmt sein. Jedes Exemplar ist daher ein Unikat, das erst nach der Vermessung der Hornhaut individuell angefertigt wird. Die Wirkung tritt allerdings nicht sofort ein, es dauert einige Tage, bis sich die Augenhornhaut an den Druck der Linse anpasst. Auch das hängt wieder von der Dioptrienzahl ab. Schnell geht es bei nur leicht kurzsichtigen Augen. Bei einer höheren Dioptrienzahl dauert es etwas länger. In der Regel erreichen die Nachtinsenträger aber am dritten Tag die normale Sehschärfe. Allerdings mit Einschränkungen: Abends, wenn es dunkel ist und sich die Pupillen weiten, dringt manchmal auch Licht durch die nicht korrigierten Bereiche der Hornhaut. Dann kann es schon mal zu Zerrbildern und Einstrahlungen kommen, wenn man Lichtquellen, wie Ampeln oder Leuchtschrift betrachtet. Um diese Lichtquellen herum sieht man dann eine Art Heiligenschein oder Halo-Effekt. Das tritt vor allem dann auf, wenn eine hohe Dioptrienzahl bis zu -5 korrigiert wird – ein Nachteil für Menschen, die hohe Anforderungen an das Sehen stellen. Eine zweijährige Studie mit 102 Probanden zeigte, dass etwa jeder Vierte die Linsen nach wenigen Wochen oder Monaten wieder abgesetzt hat. Als Grund wurde meist angegeben, dass die Sehleistung einfach nicht so gut war wie mit der Brille.
Die Nacht-Kontaktlinsen eignen sich also nicht für jeden. Bisher helfen sie auch nur bei Kurzsichtigkeit – und auch nur bis zu einer Dioptrienzahl von etwa -5. Außerdem müssen sie sehr sauber gehalten werden. Zwischen Linse und Hornhaut darf kein Schmutz sein, der die Hornhaut falsch verformt oder Infektionen im Auge auslöst. Es drohen Entzündungen, die kleine Narben auf der Augenhornhaut hinterlassen können. Denn in der Nacht, wenn die Linsen im Auge sind, reduziert sich der Tränenfilm. Der versorgt die Hornhaut eigentlich mit Sauerstoff und spült Keime weg. Wenn aber die Kontaktlinsen in der Nacht in den Augen sind, kann der ohnehin geringere Tränenfilm die Hornhaut nicht mehr so gut reinigen. Das erhöht das Infektionsrisiko im Auge. Eine gute Hygiene und regelmäßige Augenkontrollen beim Optiker sind daher unerlässlich – aber verlangen natürlich auch hohe Disziplin. Trotz dieser Anforderungen sind die Ortho-K-Linsen für einige Menschen durchaus eine Alternative: Manche wollen partout keine Brille mehr tragen und kommen mit herkömmlichen Kontaktlinsen nicht klar, weil sie verrutschen oder die Augen reizen. Oft betrifft das Personen, die tagsüber viel auf einen Computerbildschirm starren und bemerken, dass ihre Augen mit normalen Kontaktlinsen trocken werden.
Obwohl die Ortho-K-Methode schon in den 60ern in Amerika entdeckt wurde, erreichte sie erst seit etwa 2002 den Durchbruch. Die Linsen wurden seitdem weiterentwickelt, so dass sie stärker wirken und die Hornhaut wesentlich schneller umformen. Noch lassen sich nur etwa 7.000 Menschen in Deutschland über Nacht die Hornhaut modellieren. Im kleineren Nachbarland Holland sind es dreimal mehr, rund 21.000. Pro Jahr etwa 600 Euro muss man investieren – für Kontrollen, Pflegemittel und die Linsen, die jährlich ersetzt werden müssen. Wer sich später wieder für die Brille entscheidet, muss die Linsen ganz absetzen. Nach einigen Tagen oder Wochen wölbt sich die Hornhaut dann wieder in ihre ursprüngliche Form zurück.
Carsten Binsack
Stand: 10.04.2007
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