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Scharf Sehen über Nacht

Neue Kontaktlinsen wirken im Schlaf

  • SendeterminDienstag, 06. Mai 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 10. Mai 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Foto: blau leuchtende Kontaktlinse auf Auge
Ortho-K-Linsen verformen die Hornhaut des Auges

Jeden Abend nach dem Zähneputzen noch schnell die Linse einsetzen – ginge es nach dem Willen der Hersteller, würde diese Prozedur für alle Brillenträger zur täglichen Routine. Denn mit neuartigen Kontaktlinsen, die über Nacht kurzsichtige Augen für einen Tag lang korrigieren, könnten herkömmliche Sehhilfen ganz überflüssig werden. Die neuen Linsen für die Nacht, sogenannte Orthokeratologie-Linsen, kurz Ortho-K-Linsen, funktionieren im Prinzip wie eine Zahnspange – mit dem Unterschied, dass hier nicht die Zähne modelliert werden, sondern die Hornhaut des Auges. Wenn die Linsen abends vor dem Schlafengehen eingesetzt werden, verformen sie die Hornhaut in der Nacht wie eine Knetmasse.

Der richtige Winkel

Neben der Augenlinse ist die Hornhaut hauptsächlich dafür verantwortlich, dass das einfallende Licht im richtigen Winkel gebrochen wird, damit man scharf sieht. In der Mitte ist die Hornhaut nur etwa einen halben Millimeter dick. Die neue Speziallinse entwickelt Druck- und Saugkräfte, die die Hornhaut je nach Dioptrienstärke, die korrigiert werden soll, um einige StichwortMikrometer flacher drückt: Dadurch verändert sich der Brechungswinkel mit dem das einfallende Licht an der Hornhaut gebrochen wird. Denn bei kurzsichtigen Augen liegt der Brennpunkt, also der Ort, an dem das scharfe Bild entsteht, vor der Netzhaut – im Augeninnern. Das soll die Ortho-K-Linse ändern: Am Morgen, wenn sie herausgenommen wird, ist die Hornhaut für einen Tag abgeflacht. Und bricht das Licht genau in dem Winkel, der den Brennpunkt und somit das scharfe Bild nach hinten verschiebt und wieder auf die Netzhaut projiziert – ohne weitere Sehhilfe.

Nebenwirkung: Sicht mit Heiligenschein

Foto: blau leuchtende Kontaktlinse auf Auge bei
Spaltlampenuntersuchung
Perfekter Sitz ist wichtig - jede Ortho-K-Linse muss genau auf das Auge abgestimmt sein

Für diese Feinarbeit muss die Ortho-K-Linse genau auf das Auge abgestimmt sein. Jedes Exemplar ist daher ein Unikat, das erst nach der Vermessung der Hornhaut individuell angefertigt wird. Die Wirkung tritt allerdings nicht sofort ein, es dauert einige Tage, bis sich die Augenhornhaut an den Druck der Linse anpasst. Auch das hängt wieder von der Dioptrienzahl ab. Schnell geht es bei nur leicht kurzsichtigen Augen. Bei einer höheren Dioptrienzahl dauert es etwas länger. In der Regel erreichen die Nachtinsenträger aber am dritten Tag die normale Sehschärfe. Allerdings mit Einschränkungen: Abends, wenn es dunkel ist und sich die Pupillen weiten, dringt manchmal auch Licht durch die nicht korrigierten Bereiche der Hornhaut. Dann kann es schon mal zu Zerrbildern und Einstrahlungen kommen, wenn man Lichtquellen, wie Ampeln oder Leuchtschrift betrachtet. Um diese Lichtquellen herum sieht man dann eine Art Heiligenschein oder Halo-Effekt. Das tritt vor allem dann auf, wenn eine hohe Dioptrienzahl bis zu -5 korrigiert wird – ein Nachteil für Menschen, die hohe Anforderungen an das Sehen stellen. Eine zweijährige Studie mit 102 Probanden zeigte, dass etwa jeder Vierte die Linsen nach wenigen Wochen oder Monaten wieder abgesetzt hat. Als Grund wurde meist angegeben, dass die Sehleistung einfach nicht so gut war wie mit der Brille.

Ohne gute Hygiene drohen Entzündungen

Foto: Im Licht leuchtende Augenhornhaut im Profil
Die Hornhaut ist ein empfindliches Organ, sie darf keinen Schaden nehmen

Die Nacht-Kontaktlinsen eignen sich also nicht für jeden. Bisher helfen sie auch nur bei Kurzsichtigkeit – und auch nur bis zu einer Dioptrienzahl von etwa -5. Außerdem müssen sie sehr sauber gehalten werden. Zwischen Linse und Hornhaut darf kein Schmutz sein, der die Hornhaut falsch verformt oder Infektionen im Auge auslöst. Es drohen Entzündungen, die kleine Narben auf der Augenhornhaut hinterlassen können. Denn in der Nacht, wenn die Linsen im Auge sind, reduziert sich der Tränenfilm. Der versorgt die Hornhaut eigentlich mit Sauerstoff und spült Keime weg. Wenn aber die Kontaktlinsen in der Nacht in den Augen sind, kann der ohnehin geringere Tränenfilm die Hornhaut nicht mehr so gut reinigen. Das erhöht das Infektionsrisiko im Auge. Eine gute Hygiene und regelmäßige Augenkontrollen beim Optiker sind daher unerlässlich – aber verlangen natürlich auch hohe Disziplin. Trotz dieser Anforderungen sind die Ortho-K-Linsen für einige Menschen durchaus eine Alternative: Manche wollen partout keine Brille mehr tragen und kommen mit herkömmlichen Kontaktlinsen nicht klar, weil sie verrutschen oder die Augen reizen. Oft betrifft das Personen, die tagsüber viel auf einen Computerbildschirm starren und bemerken, dass ihre Augen mit normalen Kontaktlinsen trocken werden.

Schönheit hat ihren Preis

Obwohl die Ortho-K-Methode schon in den 60ern in Amerika entdeckt wurde, erreichte sie erst seit etwa 2002 den Durchbruch. Die Linsen wurden seitdem weiterentwickelt, so dass sie stärker wirken und die Hornhaut wesentlich schneller umformen. Noch lassen sich nur etwa 7.000 Menschen in Deutschland über Nacht die Hornhaut modellieren. Im kleineren Nachbarland Holland sind es dreimal mehr, rund 21.000. Pro Jahr etwa 600 Euro muss man investieren – für Kontrollen, Pflegemittel und die Linsen, die jährlich ersetzt werden müssen. Wer sich später wieder für die Brille entscheidet, muss die Linsen ganz absetzen. Nach einigen Tagen oder Wochen wölbt sich die Hornhaut dann wieder in ihre ursprüngliche Form zurück.

Stichwörter

1 Mikrometer
Ein Mikrometer entspricht einem Millionstel Meter und somit einem Tausendstel Millimeter – die Veränderung der Hornhaut ist minimal, aber wirksam. Ein tausendstel Millimeter kann mit bloßem Auge nicht mehr wahrgenommen werden. Zurück zum Absatz
Autor:

Carsten Binsack

Stand: 10.04.2007


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