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Quarks & Co
Sendung vom 06. Mai 2008
Nie mehr Brille?
Sehtraining als Fitness für Augenmuskeln, Augenlinse und Gehirn: Solcherart in Seminaren und Büchern angepriesen, versprechen Sehtrainer eine Leben ohne Kontaktlinsen oder Brille. Die selbsternannten Augenexperten bieten dazu teils psychotherapeutisch, teils esoterisch anmutende Erklärungsversuche und empfehlen Übungen, die man leicht zuhause nachmachen kann. Doch bis heute gibt es keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis zur Wirksamkeit dieser Sehtrainings. In mehreren Untersuchungen konnte zwar ein minimaler Anstieg der Sehschärfe gefunden werden. Allerdings waren diese nachgewiesenen Steigerungen sehr gering und verbesserten das Sehen im Alltag nicht. Die etwas bessere Sicht reichte zum Beispiel in keinem der Fälle aus, um ohne Sehhilfe Auto zu fahren. Die kleinen Veränderungen lagen sowohl bei den erwähnten Untersuchungen als auch bei zwei Tests, die Quarks & Co dazu durchgeführt hat, im Bereich der natürlichen Schwankungen.
Quarks & Co hat eine Sehlehrerin gebeten, ihr Können unter Beweis zu stellen. Dazu sollte sie kurzsichtige und altersweitsichtige Frauen zwei Wochen lang intensiv mit ihren Übungen trainieren. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten, wählte das Quarks-Team für den Test zur Kurzsichtigkeit ein Zwillingspaar: Christin und Doreen, eineiige Zwillinge mit identischen Genen. Christin wurde von der Sehlehrerin trainiert und instruiert , Doreen nicht. Für den anderen Test konnte Quarks & Co eine vierköpfige Damen-Bridge-Runde gewinnen Isabel, Monika, Hanne und eine weitere Monika sind alle über 50 und brauchen schon seit Jahren eine Lesbrille. Vor Beginn des Trainings und nach den zwei Wochen Übungszeit wurden die Augenwerte der Teilnehmerinnen gemessen, immer zur selben Uhrzeit, um natürliche Tagesschwankungen zu berücksichtigen. Die Sehtrainerin, zu ihrer Prognose befragt, war optimistisch und konnte sich vorstellen, dass sich in beiden Fällen schon nach zwei Wochen messbare Veränderungen der Sehschärfe nachweisen lassen würden.
Nach zwei Wochen Sehtraining verblüffte das Ergebnis zunächst alle im Team: Christin, der kurzsichtige Zwilling, hat 0,25 Dioptrien weniger! Doch der Augenarzt, der die Messungen für uns durchgeführt hat, relativiert das Ergebnis: 0,25 Dioptrien sei eine natürliche Schwankung der Tagesform und bedeute keinesfalls, dass die Sehschärfe sich verändert hätte. Tatsächlich sagt Christin selbst, dass sie nicht den Eindruck habe, besser sehen zu können.
Der Test mit den Altersweitsichtigen geht ähnlich aus: Bei Isabel und Monika Nummer eins gibt es sogar eine leichte Verschlechterung der Sehschärfe, bei Monika Nummer zwei gibt es sowohl bei den Messungen mit als auch ohne Brille eine leichte Verbesserung. Alle diese leichten Veränderungen erklärt der Augenarzt wieder mit natürlichen Schwankungen der Sehschärfe - er kann keine Wirksamkeit des Sehtrainings feststellen. Keiner weiß, ob sich die Sehschärfe stärker verbessert hätte, wenn die Testpersonen das Training länger gemacht hätten. Der Augenarzt glaubt, dass auch längeres Training die Fehlsichtigkeit der Testpersonen nicht reduziert hätte.
Es gibt aber immer wieder Erfahrungsberichte von Trainierenden, die behaupten, ihre Kurzsichtigkeit sei um mehrere Dioptrien zurück gegangen. Dagegen haben Schulmediziner gleich mehrere Erklärungen parat, wie solche Erfahrungsberichte zu deuten sind: Es ist möglich, dass die Dioptrien-Zahl sinkt, weil die Betroffenen vorher eine zu starke Brille hatten. Häufig kommt es auch vor, dass Menschen sich ans unscharfe Sehen gewöhnen und sich einfach damit zufrieden geben – ein Optimierungsprozess im Gehirn. Ebenso gut könnte es sein, dass die Kurzsichtigkeit nur vorübergehend war, entstanden zum Beispiel durch Stress. Denn man weiß, dass Menschen nach einer Zeit starker psychischer oder beruflicher Anspannung, die mit viel Naharbeit einhergeht, vorübergehend schlechter sehen. Der Effekt verschwindet normalerweise, sobald der Betroffene sich erholt – auch ohne Sehtraining.
Die alternativen Augenheiler beziehen sich vor allem auf den
amerikanischen Augenarzt Dr. William Bates (1860-1931). Er hat in
den 1920er Jahren, angeblich als erster, die Wirkung von gezielten
Augenübungen auf die Sehschärfe untersucht. Bates
behauptete, dass regelmäßiges Training Sehfehler
ausgleichen kann. Die Aufmerksamkeit auf den Sehvorgang spielte
für ihn wie für die heutigen Sehtrainer eine wesentliche
Rolle: Wer bewusst hinschaut, sieht auch mehr, sagen sie. Nach dem
Motto "Man sieht nur, was man sehen will" gehören
für viele Trainer psychische Konflikte als Ursachen für
schlechtes Sehen mit zur Behandlung. Es gibt verschiedene
Strömungen des Sehtrainings – neben dem
psychotherapeutischen Ansatz auch einen
kinesiologischen, sowie ein Sehtraining
für computergeschädigte Augen.
"Sehtrainer" ist kein geschützter Begriff – jeder kann sich so nennen. Hinter der Bezeichnung stecken in der Regel Psychologen, Heilpraktiker oder Kunsttherapeuten, in den seltensten Fällen übrigens Menschen mit einer augenheilkundlichen Ausbildung. Nur wenige Augenärzte unterstützen die Sehtrainings. Die meisten Mediziner stehen auf dem Standpunkt, dass mit solchen Angeboten ungerechtfertigt viel Geld verdient wird. Die Tatsache, dass die Wirksamkeit von Sehtrainings bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden konnte, stützt sie in ihrer Überzeugung. Andererseits empfinden viele Menschen Sehtraining als angenehm. Auch den Testkandidaten bei Quarks & Co ging es so.
Mehr als jeder zweite Beschäftigte sitzt im täglichen Arbeitsleben am Computer. Viele empfinden das als anstrengend und fürchten negative Auswirkungen auf die Augen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Sehvermögen und Sehverhalten durch das monotone Starren auf den Computer durchaus beeinträchtigt werden: Kontraste sehen, Farbunterscheidungsvermögen, der Wechsel zwischen nah und fern und Blickbewegungen können leiden. Auch das Gesichtsfeld wird durch ständige Naharbeit eingeschränkt. Sind die Augen am Computer so einseitig gefordert, neigt der Mensch dazu, das eingeschränkte Sehverhalten auch nach der Arbeit fortzusetzen. Die visuellen Fähigkeiten verkümmern, heraus kommt ein verkrampftes Starren, etwa das Zusammenkneifen der Augen, wenn man einen Gegenstand in der Ferne fixiert.
Es gibt einige Sehtrainer, die auf den Bereich Computerarbeit spezialisiert sind. Sie bieten Augenübungen an, die das Sehverhalten wieder vielseitiger machen. Beschwerden wie brennende oder müde Augen verschwinden dann angeblich in knapp 60 Prozent der Fälle. Auch hier wenden Skeptiker ein, dass ein kurzes Aus-dem-Fenster-Schauen die Augen genauso gut entspannt - und keine Kursgebühren kostet.
Ilka aus der Mark
Stand: 10.04.2007
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