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Quarks & Co
Sendung vom 20. Mai 2008
Wein ohne Trauben
Kann man einen künstlichen Weißwein herstellen? Professor Helmut Guth, Lebensmittelchemiker und Aroma-Spezialist an der Bergischen Universität Wuppertal, behauptet: „Ja – ich kann“! In einer großangelegten Studie hat er 1997 einen deutschen Spitzenweißwein, einen Gewürz-Traminer, auf Geschmacks-, Geruchs- und Inhaltsstoffe analysiert. Guth hat auf diese Weise alle Bestandteile des Weins genau kennengelernt und ist deshalb genau der Richtige für unser Experiment. Allerdings besteht er auf Weißwein, denn Rotwein ist geschmacklich noch wesentlich komplexer.
In Rahmen seiner Studie fand Professor Guth mithilfe der
Gas-Chromatographie über 600 Geruchsstoffe und
Geschmacksstoffe im Weißwein. Dabei stieß er unter
anderem auf das „Weinlacton“. Diese Verbindung ist
entscheidend für den Geschmack des Weins und von Guth zum
ersten Mal überhaupt nachgewiesen worden. Mittlerweile wurde
sie auch in anderen Lebensmitteln entdeckt. Weintrinker wissen:
Jeder Wein und jede Rebsorte haben ihr eigenes, typisches
Aromaprofil. Einige Aromastoffe kommen in allen Weinen vor, andere
nur in ganz bestimmten. Am Beispiel von Bordeaux-Weinen konnte Guth
zeigen, wie sich das Aromaprofil auf charakteristische Weise mit
steigender Qualität verändert. Mit diesem Wissen soll
Professor Guth für Quarks & Co einen
synthetischen Wein im Labor herstellen. Dazu
setzt er 25 Geruchsstoffe und 16 Geschmacksstoffe in einem
Wasser-Ethanol-Gemisch frei. Diese Bestandteile genügen ihm,
um den Charakter eines guten Weißweines nachzubilden.
Mit unserem synthetischen Weißwein wollen wir
zunächst zwei Weinkenner auf die Probe stellen. Cormac Clancy
ist deutsch-österreichischer Meister im Degustieren von Wein -
ein
Sommelier. Er befasst sich seit Jahren mit
edlen Tropfen. Stefan Péntek leitet in Köln eine
Weinbar. Er bringt seinen Gästen den bewussten Weingenuss in
Seminaren näher. Die beiden Experten haben geübte
Zungen.
Allerdings wissen sie nicht, dass sich hinter unserer Weinprobe „A“ ein Kunstprodukt verbirgt. In unserem Blind-Test gibt es auch einen „Wein B“ – der ist echt. Aber tatsächlich sind die Experten von dem Kunstwein A sehr angetan: Sie riechen und schmecken die von Professor Guth kreierten Aromen. Ihr Urteil: „Wein „A“ regt mehr an, er macht mehr Spaß, er ist vielschichtiger, er hat mehr Aromen, es ist mehr ein Wechselspiel in den Aromen.“
Diese Weinkenner haben wir also hereingelegt!
Lässt sich auch ein Fachlabor täuschen? Wir haben den synthetischen und den echten Wein auch von Wissenschaftlern der hessischen Forschungsanstalt Geisenheim aus dem Fachgebiet Weinanalytik und Getränkeforschung testen lassen. Natürlich wieder ohne den Experten zu verraten, dass wir ihnen mit Probe „A“ einen synthetischen Wein vorsetzen. Dort kommt man uns allerdings sehr schnell auf die Schliche. Dr. Claus-Dieter Patz schreibt uns:
„Probe „A“ zeigt schon während der
sensorischen Prüfung einen für Wein sehr untypischen
Geruch und Geschmack. Bei Probe „B“ könnte es sich
um einen gereiften Weißwein mit Auslesecharakter handeln. Die
ersten orientierenden spektroskopischen Untersuchungen zeigten
für Probe „A“ ein für Wein sehr untypisches
„Muster“ der Spektren - während Probe
„B“ das typische Muster eines gealterten Weißwein
hatte. Die routinemäßige Analyse der Proben zeigte
weitere Ungereimtheiten bei der Probe „A“. So
enthält die Probe „A“ keine Phenole oder
Polyphenole, die in einem Weißwein immer enthalten sind. Das
Säurespektrum der Probe „A“ kann nicht von einem
Wein kommen. Die Probe enthält zwar L-Milchsäure, doch
keine D-Milchsäure. Der Glyzeringehalt und das Verhältnis
Glyzerin zu Alkohol ist bei der Probe „A“ viel zu hoch.
Und das Verhältnis der Mineralstoffe ist bei Probe
„A“ vollkommen untypisch für einen Weißwein.
Das Fehlen von Leitsubstanzen wie Polyphenolen und auch der
Shikimisäure deutet darauf hin, dass es sich hier um ein
Kunstprodukt handelt. Abschließend lässt sich
festhalten, dass die Probe „A“ wahrscheinlich noch nie
eine Weintraube zu Gesicht bekommen hat.“
(Das Gutachten wurde gekürzt und liegt in voller Länge
der Redaktion vor.)
Übrigens: Autofahren darf man nach einer Flasche Laborwein auch nicht mehr.
Carsten Linder
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