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Der Stimmen-Entschlüssler

Wer das Wort ergreift, verrät viel über sich

  • SendeterminDienstag, 20. Mai 2008, 21.00 - 21.45 Uhr.
  • WiederholungsterminSamstag, 24. Mai 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Ein Phonetiker sitzt mit einem Beamer am Computer
Der Computer ist eine große Hilfe, entscheidend ist aber das menschliche Gehör

Viele Erpresser, Entführer und Attentäter nutzen das Telefon, um ihre Botschaften zu übermitteln. Die Mitschnitte sind für die Polizei ein wichtiges Beweismittel. Im Fernsehkrimi oder Kinothriller brauchen die Ermittler dann oft nur ein paar Mausklicks, um Hintergrundgeräusche herauszufiltern und den Täter anhand einer Stimmprobe zu überführen. Die Realität sieht anders aus. Die Sprechanalyse ist immer mühsame Handarbeit und ein hartes Geschäft. Bis zu drei Tage braucht ein StichwortPhonetiker, um einen Mitschnitt von 30 Sekunden zu analysieren. Der Computer dient nur als Werkzeug - entscheidender für das Urteil sind Erfahrung und das Gehör.

Die Stimme passt sich der Situation an

Analyseprogramm auf Laptop
Störgeräusche müssen elektronisch herausgefiltert werden

Jede Stimme ist einzigartig, allerdings auch sehr variabel. Morgens hören wir uns frischer an als abends. Junge Stimmen klingen heller als ältere. Wer deprimiert ist, spricht monoton. Zudem verändert jeder von Situation zu Situation seine Stimme. Beim Drogendeal per Mobiltelefon auf dem Bahnhof hört sich die Stimme eines Mannes anders an, als wenn er entspannt mit seiner Freundin telefoniert. Hier hilft kein Computerprogramm, sondern nur die Erfahrung weiter. Die meisten Mitschnitte der Polizei sind zudem verrauscht. Am Telefon werden nur Frequenzen bis zu 3400 Hertz übermittelt. Aber erst jenseits dieses Frequenzbereiches kann man die Laute f und s unterscheiden. Bei Mobiltelefonen kommt dann oft bei den billigen Providern auch noch ein Brummton von 2400 Hertz erschwerend hinzu.

Bei Stress klingt ein Mann wie eine Frau

Ein Mann telefoniert mit einem Handy. Am Computer erkennt man den
Frequenzverlauf seiner Stimme
Die Stimmlage verändert sich je nach Stimmung und Situation

Bei solchen Störfrequenzen helfen Audioprogramme mit ihren Filtern weiter. Der einzige Haken: Wenn man die Störfrequenz aus einer Aufzeichnung löscht, geht leicht auch das Charakteristische einer Stimme verloren. Ein wichtiges Merkmal einer jeden Stimme ist ihre Grundfrequenz. Sie schwankt von Person zu Person und natürlich auch von Geschlecht zu Geschlecht. Weil Männer einen größeren Kehlkopf und dadurch auch längere Stimmlippen haben, sprechen sie tiefer mit durchschnittlich 118 Hertz. In Stresssituationen oder in lauter Umgebung kann die männliche Stimme durchaus 60 Hertz höher liegen und fast wie von einer Frau klingen. In solchen Fällen hilft das StichwortSonagramm weiter. Es liefert objektive Fakten und stellt grafisch das komplette Klangspektrum der Stimme dar.

Alkohol verändert die Stimme

Drei Männer sitzen vor dem Mikrofon und nehmen eine Stimmprobe
auf
Ohne eine Stimmprobe ist keine Analyse möglich

Auch Alkohol erschwert die Stimmanalyse. Wie sich die Stimme von Promille zu Promille verändert, hat der Phonetiker Hermann Künzel von der Universität Marburg mit 40 Polizeischülern in Sachsen in einem Selbstversuch getestet. Die Teilnahme an dem Test war freiwillig und die Probanden konnten jederzeit den Versuch abbrechen. Als Getränk wählten sie Wodka. Nach jedem Glas mussten die Polizeischüler bei den Forschern vorsprechen. Bei zwei Dritteln der Teilnehmer erhöhte sich unter Alkoholeinfluss die Stimmfrequenz. Jenseits von 1,2 Promille klangen alle mehr oder weniger heiser. Wer schon im nüchternen Zustand schnell sprach, schnatterte betrunken noch schneller. Die Forscher nennen dieses Phänomen „Tachylalie“.

Das menschliche Ohr ist unschlagbar

In Europa und Amerika wird derzeit intensiv an einer automatisierten Sprecherkennung geforscht. Es gibt allerdings noch kein System, das einwandfrei arbeitet. Es sind einfach zu viele Parameter, die man für eine eindeutige Identifizierung braucht. Merkmale wie Grundfrequenz, Obertöne, Stimmlage, Sprechtempo und Dialekt erfasst das geschulte menschliche Ohr einfach besser und schneller als jeder Computer.

Stichwörter

1 Phonetiker
Die Phonetik ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit der gesprochenen Sprache. Phonetiker untersuchen die Vorgänge beim Sprechen wie Lautbildung und Stimmbildung. Die Phonetik ist ein eigenständiges Fachgebiet, angesiedelt zwischen Linguistik, Biologie, Akustik, Neurowissenschaften und der Medizin. Zurück zum Absatz
2 Sonagramm
Ein Sonagramm - auch Spektrogramm genannt - stellt ein akustisches Signal grafisch dar. Auf der horizontalen Achse zeigt es, in welcher Zeit, und auf der vertikalen Achse, in welcher Frequenz die Schallwellen verlaufen. Jeder Vokal hat im Sonagramm sein eigenes, charakteristisches Muster, den sogenannten Formanten. Die Formanten liefern so ein Art Fingerabdruck und ermöglichen es dem Phonetiker, Stimmen eindeutig zu identifizieren. Zurück zum Absatz
Autor:

Michael Ringelsiep


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