Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 20. Mai 2008
Der Stimmen-Entschlüssler
Viele Erpresser, Entführer und Attentäter nutzen das
Telefon, um ihre Botschaften zu übermitteln. Die Mitschnitte
sind für die Polizei ein wichtiges Beweismittel. Im
Fernsehkrimi oder Kinothriller brauchen die Ermittler dann oft nur
ein paar Mausklicks, um Hintergrundgeräusche herauszufiltern
und den Täter anhand einer Stimmprobe zu überführen.
Die Realität sieht anders aus. Die Sprechanalyse ist immer
mühsame Handarbeit und ein hartes Geschäft. Bis zu drei
Tage braucht ein
Phonetiker, um einen Mitschnitt von 30
Sekunden zu analysieren. Der Computer dient nur als Werkzeug -
entscheidender für das Urteil sind Erfahrung und das
Gehör.
Jede Stimme ist einzigartig, allerdings auch sehr variabel. Morgens hören wir uns frischer an als abends. Junge Stimmen klingen heller als ältere. Wer deprimiert ist, spricht monoton. Zudem verändert jeder von Situation zu Situation seine Stimme. Beim Drogendeal per Mobiltelefon auf dem Bahnhof hört sich die Stimme eines Mannes anders an, als wenn er entspannt mit seiner Freundin telefoniert. Hier hilft kein Computerprogramm, sondern nur die Erfahrung weiter. Die meisten Mitschnitte der Polizei sind zudem verrauscht. Am Telefon werden nur Frequenzen bis zu 3400 Hertz übermittelt. Aber erst jenseits dieses Frequenzbereiches kann man die Laute f und s unterscheiden. Bei Mobiltelefonen kommt dann oft bei den billigen Providern auch noch ein Brummton von 2400 Hertz erschwerend hinzu.
Bei solchen Störfrequenzen helfen Audioprogramme mit ihren
Filtern weiter. Der einzige Haken: Wenn man die Störfrequenz
aus einer Aufzeichnung löscht, geht leicht auch das
Charakteristische einer Stimme verloren. Ein wichtiges Merkmal
einer jeden Stimme ist ihre Grundfrequenz. Sie schwankt von Person
zu Person und natürlich auch von Geschlecht zu Geschlecht.
Weil Männer einen größeren Kehlkopf und dadurch
auch längere Stimmlippen haben, sprechen sie tiefer mit
durchschnittlich 118 Hertz. In Stresssituationen oder in lauter
Umgebung kann die männliche Stimme durchaus 60 Hertz
höher liegen und fast wie von einer Frau klingen. In solchen
Fällen hilft das
Sonagramm weiter. Es liefert objektive Fakten
und stellt grafisch das komplette Klangspektrum der Stimme dar.
Auch Alkohol erschwert die Stimmanalyse. Wie sich die Stimme von Promille zu Promille verändert, hat der Phonetiker Hermann Künzel von der Universität Marburg mit 40 Polizeischülern in Sachsen in einem Selbstversuch getestet. Die Teilnahme an dem Test war freiwillig und die Probanden konnten jederzeit den Versuch abbrechen. Als Getränk wählten sie Wodka. Nach jedem Glas mussten die Polizeischüler bei den Forschern vorsprechen. Bei zwei Dritteln der Teilnehmer erhöhte sich unter Alkoholeinfluss die Stimmfrequenz. Jenseits von 1,2 Promille klangen alle mehr oder weniger heiser. Wer schon im nüchternen Zustand schnell sprach, schnatterte betrunken noch schneller. Die Forscher nennen dieses Phänomen „Tachylalie“.
In Europa und Amerika wird derzeit intensiv an einer automatisierten Sprecherkennung geforscht. Es gibt allerdings noch kein System, das einwandfrei arbeitet. Es sind einfach zu viele Parameter, die man für eine eindeutige Identifizierung braucht. Merkmale wie Grundfrequenz, Obertöne, Stimmlage, Sprechtempo und Dialekt erfasst das geschulte menschliche Ohr einfach besser und schneller als jeder Computer.
Michael Ringelsiep
Seite teilen