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Macht Erdöl gesund?

Viele Medikamente werden mit Erdöl hergestellt

  • SendeterminDienstag, 27. Mai 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 31. Mai 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Apotheker beim Anrühren von Salben
Salben, die direkt in der Apotheke hergestellt werden, enthalten fast immer Erdöl

Dass Erdölbestandteile außer im Tank, im Heizkessel oder in Kunststoff auch in Medikamenten enthalten sind, weiß kaum jemand. Dabei müsste sich die pharmazeutische Industrie ganz schön etwas einfallen lassen, wenn sie auf Erdöl verzichten wollte. Zwar verbraucht die chemische Industrie nur zehn Prozent des gesamten Erdöls, aber immerhin 85 bis 90 Prozent aller Chemikalien werden aus Erdöl gewonnen. Und das gilt auch für die pharmazeutische Industrie. Rund 50.000 StichwortFertigarzneimittel gibt es - mit etwa 3.000 Wirkstoffen. Hier herauszufinden, welche Stoffe aus Erdöl hergestellt werden, ist selbst für einen Apotheker nicht ganz einfach. Denn es gilt zwar eine Kennzeichnungspflicht für alle Bestandteile der Tablette, die ursprünglichen Roh-Chemikalien, aus denen diese gewonnen wurden, muss man aber nicht kennzeichnen. Dabei ist der Weg vom Erdöl zum Wirkstoff oft gar nicht so weit.

Wie aus Erdöl Nasentropfen werden

Viele Wirkstoffe werden tatsächlich aus Erdölprodukten hergestellt. So zum Beispiel Xylometazolin, das in Nasentropfen enthalten ist und das Abschwellen der Schleimhäute fördert. Über sechs chemische Schritte wird aus Naphtha, einem Erdölbestandteil, der Wirkstoff hergestellt. Ein weiteres Beispiel: Ibuprofen, eines der meistverkauften rezeptfreien Schmerzmittel, wird aus dem Gas Propen und der Flüssigkeit Toluol hergestellt. Und diese sind wiederum in Naphtha enthalten. Noch extremer ist es bei den Trägerstoffen, insbesondere für die Nicht-Fertigarzneimittel, die in der Apotheke vor Ort zusammengerührt werden. Hier sind fast in jeder Zubereitung Erdölbestandteile im Spiel: Isopropanol bei Tinkturen, Vaseline bei Salben und Paraffin bei Augentropfen und –cremes.

Erdöl ist überall

Medikamente in der Apotheke
In den Labors der Chemikonzerne werden Hilfs- und Wirkstoffe aus Erdöl hergestellt

Neben den Wirkstoffen enthalten Medikamente auch viele sogenannte Hilfsstoffe. Rund 3,6 Milliarden Euro werden jährlich mit Hilfsstoffen für die Pharmaindustrie umgesetzt. Das sind Zusätze, die zum Beispiel das Auflösen der Brausetablette fördern oder im Herstellungsprozess der Tablette benötigt werden. Die chemische Industrie bietet den Pharmaherstellern eine ganze Palette von Hilfsstoffen an. Schon eine einfache Kopfschmerztablette kann mehrere solcher Hilfsstoffe enthalten: Tablettengrundstoffe, Bindemittel und Sprengmittel, die für den schnellen Zerfall der Tablette und damit die rasche Freisetzung des Wirkstoffs sorgen. Auch der glatte Überzug vieler sogenannter Dragees besteht aus Erdölbestandteilen – aus sogenannten StichwortPolymeren. Diese Überzüge sorgen für einen besseren Geschmack, eine verzögerte Freisetzung des Wirkstoffs oder eine leichtere Einnahme. Früher wurden Tabletten meist mit Zuckerlösungen dragiert - meist eine tagelange Prozedur, denn der Überzug ist aus etwa 500 Schichten aufgebaut. Mithilfe der aus Erdöl gewonnenen Polymere dauert das Beschichten nur noch wenige Stunden.

Suche nach Alternativen

Medikamente im Lager
Ohne Erdöl gäbe es 90 Prozent dieser Medikamente nicht

Erdöl wird immer knapper – deshalb suchen Forscher fieberhaft nach erdölfreien Alternativen für die Pharmaindustrie. Biotechnologie heißt das Zauberwort. Pilze und Bakterien sollen künftig die Grundstoffe zur Medikamentenherstellung liefern. Einige Chemieunternehmen haben bereits einzelne Verfahren erfolgreich auf StichwortBiotechnik umgestellt und dabei beachtliche Erfolge erzielt. Der Chemiekonzern BASF zum Beispiel nutzt bereits seit 15 Jahren den Pilz Ashbya gossypii zur Produktion von Vitamin B2: Der Pilz wandelt Pflanzenöl in einem Schritt in das Vitamin um. Bis 1990 stellte BASF das Vitamin in einem komplexen, mehrstufigen, Stichwortpetrochemischen Prozess her – also mithilfe von Erdöl. Die chemische Synthese war komplizierter, verursachte 30 Prozent mehr Kohlendioxid, 95 Prozent mehr Abfall und 40 Prozent mehr Kosten als die Biotechnik.

Für viele andere Medikamente ist die Erdöl-basierte Synthese hingegen der günstigere Weg. Noch. Denn mit steigenden Ölpreisen rücken auch alternative Produktionswege immer mehr in den Fokus.

Stichwörter

1 Fertigarzneimittel
Fertigarzneimittel sind laut Arzneimittelgesetz industriell gefertigte Medikamente, die in einer zur Abgabe an den Verbraucher bestimmten Verpackung in den Verkehr gebracht werden – also quasi alle Salben, Tabletten und Tinkturen, die wir in der Apotheke fertig kaufen können. Im Gegensatz hierzu werden Rezeptur-Arzneimittel für den Patienten individuell in der Apotheke vor Ort zusammengestellt - etwa Salben, die der Apotheker nach Angaben des Rezeptes anrührt. Zurück zum Absatz
2 Biotechnik
Mithilfe der Biotechnologie werden die Erkenntnisse aus Biologie und Biochemie technisch nutzbar gemacht. Biotechnik ist die Kurzform des Begriffs und wird meist auf kommerzielle Einrichtungen angewandt, die in diesem Bereich forschen und produzieren. Zurück zum Absatz
3 Polymere
Polymere sind Moleküle, die aus mehreren gleichen, verzweigten Molekülen oder Molekülketten aufgebaut sind. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Worten poly für viel und meros für Teil zusammen. Die meisten Kunststoffe sind Polymere. Zurück zum Absatz
4 Petrochemie
Mit Petrochemie ist die Verarbeitung der Kohlenwasserstoff-Verbindungen aus Rohbenzinen und Mineralölen gemeint. Der Begriff setzt sich aus dem griechischen Wort petros für Fels und dem lateinischen oleum für Öl zusammen. Zurück zum Absatz
Autorin:

Katrin Krieft


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