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Quarks & Co
Sendung vom 27. Mai 2008
Macht Erdöl gesund?
Dass Erdölbestandteile außer im Tank, im Heizkessel
oder in Kunststoff auch in Medikamenten enthalten sind, weiß
kaum jemand. Dabei müsste sich die pharmazeutische Industrie
ganz schön etwas einfallen lassen, wenn sie auf Erdöl
verzichten wollte. Zwar verbraucht die chemische Industrie nur zehn
Prozent des gesamten Erdöls, aber immerhin 85 bis 90 Prozent
aller Chemikalien werden aus Erdöl gewonnen. Und das gilt auch
für die pharmazeutische Industrie. Rund 50.000
Fertigarzneimittel gibt es - mit etwa 3.000
Wirkstoffen. Hier herauszufinden, welche Stoffe aus Erdöl
hergestellt werden, ist selbst für einen Apotheker nicht ganz
einfach. Denn es gilt zwar eine Kennzeichnungspflicht für alle
Bestandteile der Tablette, die ursprünglichen Roh-Chemikalien,
aus denen diese gewonnen wurden, muss man aber nicht kennzeichnen.
Dabei ist der Weg vom Erdöl zum Wirkstoff oft gar nicht so
weit.
Viele Wirkstoffe werden tatsächlich aus Erdölprodukten hergestellt. So zum Beispiel Xylometazolin, das in Nasentropfen enthalten ist und das Abschwellen der Schleimhäute fördert. Über sechs chemische Schritte wird aus Naphtha, einem Erdölbestandteil, der Wirkstoff hergestellt. Ein weiteres Beispiel: Ibuprofen, eines der meistverkauften rezeptfreien Schmerzmittel, wird aus dem Gas Propen und der Flüssigkeit Toluol hergestellt. Und diese sind wiederum in Naphtha enthalten. Noch extremer ist es bei den Trägerstoffen, insbesondere für die Nicht-Fertigarzneimittel, die in der Apotheke vor Ort zusammengerührt werden. Hier sind fast in jeder Zubereitung Erdölbestandteile im Spiel: Isopropanol bei Tinkturen, Vaseline bei Salben und Paraffin bei Augentropfen und –cremes.
Neben den Wirkstoffen enthalten Medikamente auch viele
sogenannte Hilfsstoffe. Rund 3,6 Milliarden Euro werden
jährlich mit Hilfsstoffen für die Pharmaindustrie
umgesetzt. Das sind Zusätze, die zum Beispiel das
Auflösen der Brausetablette fördern oder im
Herstellungsprozess der Tablette benötigt werden. Die
chemische Industrie bietet den Pharmaherstellern eine ganze Palette
von Hilfsstoffen an. Schon eine einfache Kopfschmerztablette kann
mehrere solcher Hilfsstoffe enthalten: Tablettengrundstoffe,
Bindemittel und Sprengmittel, die für den schnellen Zerfall
der Tablette und damit die rasche Freisetzung des Wirkstoffs
sorgen. Auch der glatte Überzug vieler sogenannter Dragees
besteht aus Erdölbestandteilen – aus sogenannten
Polymeren. Diese Überzüge sorgen
für einen besseren Geschmack, eine verzögerte Freisetzung
des Wirkstoffs oder eine leichtere Einnahme. Früher wurden
Tabletten meist mit Zuckerlösungen dragiert - meist eine
tagelange Prozedur, denn der Überzug ist aus etwa 500
Schichten aufgebaut. Mithilfe der aus Erdöl gewonnenen
Polymere dauert das Beschichten nur noch wenige Stunden.
Erdöl wird immer knapper – deshalb suchen Forscher
fieberhaft nach erdölfreien Alternativen für die
Pharmaindustrie. Biotechnologie heißt das Zauberwort. Pilze
und Bakterien sollen künftig die Grundstoffe zur
Medikamentenherstellung liefern. Einige Chemieunternehmen haben
bereits einzelne Verfahren erfolgreich auf
Biotechnik umgestellt und dabei beachtliche
Erfolge erzielt. Der Chemiekonzern BASF zum Beispiel nutzt bereits
seit 15 Jahren den Pilz Ashbya gossypii zur Produktion von
Vitamin B2: Der Pilz wandelt Pflanzenöl in einem Schritt in
das Vitamin um. Bis 1990 stellte BASF das Vitamin in einem
komplexen, mehrstufigen,
petrochemischen Prozess her – also
mithilfe von Erdöl. Die chemische Synthese war komplizierter,
verursachte 30 Prozent mehr Kohlendioxid, 95 Prozent mehr Abfall
und 40 Prozent mehr Kosten als die Biotechnik.
Für viele andere Medikamente ist die Erdöl-basierte Synthese hingegen der günstigere Weg. Noch. Denn mit steigenden Ölpreisen rücken auch alternative Produktionswege immer mehr in den Fokus.
Katrin Krieft
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