Die Leiden der Kumpel
Der Steinkohleabbau als Krankengeschichte
- Dienstag, 03. Juni 2008, 21.00 - 21.45 Uhr
- Samstag, 07. Juni 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.)
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Die Staublunge gibt es bereits im 16. Jahrhundert als Berufskrankheit. Georg Agricola (1530-1575) ist einer der ersten Ärzte, der über die gesundheitliche Situation der Bergleute publiziert
Im 16. Jahrhundert beginnt der Hunger nach Kohle, denn die Holzvorräte werden knapp. Die ersten Kumpel gibt es im Ruhrgebiet. Anfangs arbeiten sie noch über Tage. Doch da ist die Kohle bald erschöpft. Dann graben die Bergleute Stollen und folgen der Kohle in den Berg. Und damit beginnt auch die Krankengeschichte der Kumpel. Georg Agricola (1530-1575) ist einer der ersten Ärzte für Bergleute und erforscht deren Krankheiten. Er stellt Schädigungen an Gliedern und Lungen fest und beklagt die Situation in den feuchten Bergwerken. Die feuchte Kälte schädigt die Muskeln. Vor allem im Alter bekommen die Bergleute steife Gelenke und haben Schwierigkeiten, sich zu bewegen. Aber es gibt noch mehr Gefahren. Der Staub, der bei der Grubenarbeit erzeugt und aufgewühlt wird, gelangt in die Luftröhre und in die Lunge der Bergleute und erzeugt Atembeschwerden und lebensbedrohliche Krankheiten. Die allgemeine Lebenserwartung beträgt damals etwa 35 Jahre – aber die Bergleute sterben viel früher.
Würmer in der Tiefe
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300 Meter unter der Erdoberfläche werden die Bergarbeiter von Würmern befallen, die ausschließlich in dieser Tiefe überleben können
Von 1769 an werden Niederdruckdampfmaschinen gebaut - die bringen viel Kohle. In den nächsten Jahrzehnten entstehen immer mehr Industriebetriebe. Sie brauchen viel Stahl, und der kann nur mit Hilfe von Kokskohle produziert werden. Jetzt werden die durch horizontale Stollen erreichbaren Kohlevorräte knapp. Die restliche Kohle sitzt tiefer unter der Erde. Die Bergbauingenieure entwickeln ein neues Verfahren, um da ranzukommen: den Tiefbau. Durch einen Schacht, der senkrecht nach unten führt, gelangen sie durch das Deckgebirge zu den tiefen Kohleflözen. In der Tiefe macht den Bergleuten die zunehmende Hitze zu schaffen. Eine scheinbar neue Krankheit breitet sich aus. Die Symptome: Blutarmut, Blässe, Müdigkeit, Bauchbeschwerden und starke Durchfälle. 1885 findet ein Bergarzt aus Aachen bei neun Patienten mit Blutarmut Würmer. Alle diese Männer arbeiten in einem 300 Meter tiefen Schacht. Die Arbeiter in geringerer Tiefe und die Familienangehörigen sind dagegen alle gesund, obwohl der Wurm offenbar hoch ansteckend ist. In den nächsten Jahren werden die Würmer auch auf Zechen an der Ruhr gefunden. 40.000 zufällig ausgewählte Bergleute müssen Stuhlproben abgeben. Ergebnis: Von den 190.000 unter Tage Beschäftigten sind über 17.000 befallen! Die Ärzte finden schließlich eine Erklärung: Der Wurm kommt aus den Tropen und kann nur bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit überleben. Und genau diese Bedingungen herrschen im Ruhrgebiet in großen Tiefen unter Tage.
Der Bedarf an Kohle steigt und steigt
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Die Staublunge ist im 19. Jhd. die Berufskrankheit Nummer eins der Bergleute
Auf den Zechen werden von 1906 an die ersten mit Druckluft betriebenen Maschinen eingesetzt. Die Bergleute bekommen Presslufthämmer. Anfangs denken sie, dadurch würde ihre Arbeit leichter. Doch die große Wucht der Hämmer führt nach einiger Zeit zu Gelenkerkrankungen. Schlagartig breitet sich nun außerdem die Schwindsucht aus. Fast alle Bergleute sind betroffen, denn die neuen Bohrverfahren wirbeln mehr Staub auf, als je zuvor. Die Ärzte wissen keinen Rat, können die Krankheit noch nicht einmal sicher erkennen. Aber eins ist sicher: Die Bergleute sterben daran. Die meisten Opfer sind noch keine 50 Jahre alt.
Währenddessen steigt der Bedarf an Kohle immer weiter an. Auch das Wettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg verschlingt Kohle. 1913 fördern die Kumpel 114 Millionen Tonnen - so viel wie nie zuvor. Kranke Bergleute kann man sich immer weniger leisten. Strikte Hygienemaßnahmen werden verordnet. Nur noch sauberes Trinkwasser darf in die Gruben. Die Bergleute werden immer wieder untersucht. Unter Tage darf nur, wer nachgewiesen wurmfrei ist. Heutzutage ist die Wurmkrankheit der Bergleute ausgerottet.
Sterben mit Mitte 50
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Eine gesunde Lunge und eine Staublunge im Vergleich. Die Knötchen sind krankes Lungengewebe, das keinen Sauerstoff mehr aufnehmen kann
Für die Kriegsmaschinerie der Nationalsozialisten ist der Rohstoff Kohle existenziell. Die ersten automatischen Maschinen zur Gewinnung der Kohle werden eingesetzt. Mit 130 Millionen Tonnen pro Jahr erreicht der Steinkohlebergbau 1939 im Ruhrgebiet seinen absoluten Höhepunkt.
Die Belastung der Bergleute durch Staub ist aber trotz Hilfe der Maschinen immer noch hoch. Die Staublunge wird inzwischen wissenschaftlich als Silikose bezeichnet. Die Ärzte können sie jetzt durch Röntgenstrahlen eindeutig feststellen. Es gibt 1956 immer noch 14.000 neue Silikose-Erkrankungen. Die Bergleute sterben daran im Durchschnitt schon mit 56 Jahren. Andere Berufsgruppen werden damals dagegen weit über 60 Jahre alt.
Der Staub wird bekämpft
1957 werden erstmals amtliche Staubmessungen durchgeführt. In Bochum gibt es jetzt ein Silikoseforschungsinstitut. Die Entstehung einer Staublunge wird dort an Tieren genau untersucht. Bald weiß man, dass Quarzstaub in die Lunge eindringt und von den Lungenbläschen umschlossen wird. Die Kieselsäure aus dem Quarz bewirkt, dass sich das Lungengewebe in nutzloses Stützgewebe umwandelt und Knötchen bildet.
Mit Wasser wird der Staub im Bergwerk jetzt im großen Stil bekämpft. Dadurch geht die Silikose tatsächlich stark zurück. Auch neue Tunnelbautechniken reduzieren das Krankheitsrisiko. Was früher staubige Handarbeit war, wird nun staubarm von gewaltigen Maschinen erledigt. Aber auch 2007 gibt es noch 660 neue Fälle von Silikose. Insgesamt sind heute 13.000 Steinkohle-Kumpel daran erkrankt. Dennoch haben sich die Arbeitsverhältnisse im Laufe der Jahrhunderte stark verbessert. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bergleute unterscheidet sich heutzutage nicht mehr von der übrigen Bevölkerung.
Autor: Reinhart Brüning
Stichwörter
- 1 Kohleflöz
- Kohleschicht im Boden. Flöze erstrecken sich über Flächen von vielen Quadratkilometern.
- 1 Schwindsucht
- Schwindsucht ist eine veraltete Bezeichnung für Tuberkulose. Dabei handelt es sich um eine bakterielle Infektionskrankheit, die in erster Linie die Lungen befällt.
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