Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 10. Juni 2008
Die Masern in Weilheim
Es gibt keine Impfpflicht in Deutschland, jeder kann selbst entscheiden. Doch obwohl Ärzte raten, Kinder gegen Masern zu impfen, nehmen viele Eltern und selbst Institutionen den Rat nicht an. Was passiert, wenn sich eine ganze Schule gegen die Impfung stellt, zeigt die Masern-Epidemie vom Sommer 2005.
Ein Arzt aus Garmisch meldet sich beim Gesundheitsamt des Landkreises Weilheim-Schongau in Bayern und erkundigt sich, ob Masern meldepflichtig seien. Der Sachbearbeiter fragt nach und erfährt, dass ein achtjähriger Junge aus Garmisch die Masern hat. Der Junge besucht die Montessori-Schule in Peißenberg. In der Tat sind Masern meldepflichtig, und eigentlich hätte die Schule das Gesundheitsamt direkt informieren müssen. Doch das passiert nicht.
Bereits in den vergangen Jahren hatte die Montessori-Schule Impfangebote des Gesundheitsamtes abgelehnt. Die Südbayern haben insgesamt keine gute Impfmoral: Sie lassen sich deutlich weniger impfen als der Durchschnitt der Bundesbürger. Bei der ersten der beiden Masern-Impfungen liegt die Rate mit rund 84 Prozent fast zehn Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt. Noch schlechter sieht es bei der zweiten Impfung aus: Sie liegt bei rund 54 Prozent und ist damit sogar fast um 20 Prozent schlechter als der bundesdeutsche Durchschnitt. Erst die zweite Impfung jedoch garantiert 100 prozentigen Schutz.
Wieder meldet ein Arzt dem Gesundheitsamt die Erkrankung eines Montessorischülers, dieses Mal ist es einer aus dem Landkreis Weilheim-Schongau. Die Ermittlungen des Gesundheitsamtes ergeben, dass sich das Kind schon zwei Wochen zuvor bei dem Mitschüler aus Garmisch angesteckt hat.
Das Gesundheitsamt wendet sich an die Leitung der Montessori-Schule und erinnert an die Meldepflicht. Man fordert die Schulleitung auf, die Eltern über die Masern und über Impfmöglichkeiten zu informieren. Nichts geschieht.
Die Montessorischule meldet 37 Kinder mit Masern. Das Gesundheitsamt ermittelt die Fälle telefonisch und schreibt an die Eltern. Erst jetzt, vier Wochen nach dem ersten Fall und auf Drängen des Gesundheitsamtes, bietet die Schule eine Informationsverstanstaltung für die Eltern an. Doch auf das Angebot der Behörde, die Impfbücher der Schüler zu kontrollieren, geht die Schule nicht ein. Das Gesundheitsamt gibt Pressemitteilungen heraus, wendet sich mit einem Rundschreiben an alle Kinderärzte des Landkreises und an sämtliche Gemeinschaftseinrichtungen.
Insgesamt 58 Schüler der Montessorischule sind inzwischen an Masern erkrankt. Doch die Schule lehnt einen Einblick in die Impfbücher weiterhin ab.
Die Schüler der Montessorischule benutzen den Schulbus zusammen mit Kindern aus anderen Schulen. Dort kann sich das Virus rasch ausbreiten; Freunde und Geschwister der Infizierten tragen den Erreger weiter. Am 29. Juni meldet der Kindergarten im sechs Kilometer entfernten Böbing 10 Masernfälle innerhalb von drei Tagen. Ende Juni sind im Landkreis über 100 Kinder aus 23 Schulen und Kindergärten erkrankt. Drei Kinder müssen ins Krankenhaus, zumindest eines davon mit Verdacht auf Hirnhautentzündung.
Jetzt entschließt sich das Gesundheitsamt zu einer harten Maßnahme: Kinder, die nicht geimpft sind oder kein Impfbuch vorlegen können, müssen für 14 Tage zu Hause bleiben.
Am Gymnasium in Weilheim gibt es drei weitere Schüler mit Masern.
Das Gesundheitsamt kontrolliert die Impfbücher am Gymnasium in Weilheim, unzureichend geimpfte Schüler werden ausgeschlossen. Die Maßnahmen greifen: Die Infektionskette ist unterbrochen - es gibt keine neuen Masern-Fälle. Ingesamt sind bei dieser Epidemie 106 Kinder und Jugendliche erkrankt. Tote gab es nicht. Doch mit Spätfolgen, die erst Jahre später auftreten können, muss man rechnen - die Bilanz ist noch offen.
Jakob Kneser
Seite teilen