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Sendung vom 10. Juni 2008
Das Ende einer Seuche
Als Pocken oder Blattern war die lebensgefährliche Krankheit in Europa seit Jahrhunderten bekannt. Römische Legionen hatten sie in Mitteleuropa eingeschleppt. Ursprünglich stammte die Seuche aus Asien: Am Kopf des Pharao Ramses wurden Pockennarben gefunden, der römische Kaiser Mark Aurel starb an der Krankheit. Als das Jahrhundert der Pocken gilt das 18. Jahrhundert: In dieser Zeit wütete die Seuche schlimmer als je zuvor. Jedes Jahr sollen ihr fast eine halbe Million Europäer zum Opfer gefallen sein.
Übertragen wird die hoch ansteckende Infektion durch Tröpfchen beim Husten, später über die Sekrete der Pusteln, die sich bilden. Am Anfang steht hohes Fieber, vier Tage später treten linsengroße Flecken am ganzen Körper auf. Sie werden zu Bläschen, danach zu eitrigen Pusteln. An der häufigsten Form der Pocken, Variola major, starben damals 20 bis 40 Prozent der Kranken, bei den gefürchteten „schwarzen Blattern“ starben noch mehr. Bei Kindern waren Pocken die häufigste Todesursache.
Wer die Pocken überstand, war für den Rest seines Lebens von Narben gezeichnet. Griff das Virus Augen oder Gehirn an, drohten Erblindung und schwere Hirnschäden. Ein Heilmittel gab es nicht. Allerdings waren die Überlebenden für den Rest ihres Lebens vor der Krankheit geschützt: Sie infizierten sich nie wieder, weil das Immunsystem gelernt hatte, die Pockenviren zu erkennen. Diesen Umstand versuchte man schon früh zu nutzen: durch künstliche Infektion mit dem zerriebenen Schorf von Pockenkranken. Im alten China wurde er durch die Nase geschnupft, in Indien ritzte man ihn in die Haut von Gesunden. Die Krankheit sollte so in einer milderen Form ausbrechen und vor einer echten Ansteckung schützen. Auch in der europäischen Volksmedizin war diese Methode als „Inokulation“, „Variolation“ oder „Blattern-Beltzen“ bekannt. Doch die künstliche Infektion war gefährlich: Zwar waren die Überlebens-Chancen weitaus höher als bei einer richtigen Erkrankung, für viele endete die Infektion aber trotzdem tödlich. Ein weiterer entscheidender Nachteil: Durch solche künstlichen Infektionen konnte sich die Krankheit weiter ausbreiten.
Im Jahr 1796 machte der Landarzt Edward Jenner im südenglischen Berkeley eine folgenreiche Entdeckung. Eine Magd hatte sich mit den Kuhpocken angesteckt, eine Krankeheit, die beim Menschen nur zu einem harmlosen Hautausschlag führt. Jenner beobachtete, dass Menschen, die sich mit den ungefährlichen Kuhpocken angesteckt hatten, gegen Menschen-Pocken immun sind. Der Arzt unternahm einen riskanten Menschenversuch: Er impfte einen kleinen Jungen mit Kuhpocken und kurz darauf mit Menschen-Pocken. Das Kind überlebte nicht nur, sondern die Krankheit brach bei ihm gar nicht erst aus. Jenners Experiment machte ihn schnell berühmt. Die Nachricht von der „Vakzination“ verbreitet sich rasch in ganz Europa. In vielen Städten führte man solche Kuhpocken-Impfungen durch. 1803 waren in Deutschland bereits 17.000 Menschen „vakziniert“. Die Obrigkeit erkannte die Chance: Schon bald gab es Impfbücher, die den Impfzustand der Bevölkerung registrierten, 1816 wurde die Vakzinierung in Bayern, Dänemark, Schweden und Frankreich zur staatlichen Pflicht. Die Zahl der Pockenkranken nahm in ganz Europa drastisch ab.
Beflügelt von diesen Erfolgen glaubten viele, dass die Seuche schon besiegt sei. Doch die Euphorie hielt nicht lange: Viele Geimpfte erkrankten Jahre später erneut. Die einmalige Impfung bot noch keinen dauerhaften Schutz gegen die Krankheit. Es bedurfte einer weiteren, verheerenden Epidemie, um dieser Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen: 1871 schleppten heimkehrende Soldaten aus dem deutsch-französischen Krieg die Pocken wieder nach Deutschland ein. Allein in der Zivilbevölkerung starben 181.000 Menschen, viermal so viel wie die Gesamtverluste des deutschen Heeres durch Waffen und Krankheit. Der Schock dieser Epidmie wirkte: 1874 wurde im Deutschen Reich die allgemeine Impfpflicht eingeführt. Alle Kinder mussten von nun an zwei Mal gegen Pocken geimpft werden. Und es gab eine weitere Neuerung: 1880 begann man, große Mengen Impfstoffe auf der Haut von Kühen zu züchten. Bisher hatte man den Impfstoff überwiegend von infizierten Menschen genommen – und übertrug damit auch noch andere Krankheiten.
Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Zahl der Pockenfälle in Deutschland und Westeuropa weiter ab. Aber die Seuche war noch nicht besiegt. In den 1950er Jahren erkrankten noch Hunderttausende weltweit an den Pocken, vor allem in Entwicklungsländern. Und durch den zunehmenden Flugverkehr nahm auch in Deutschland die Zahl der Ausbrüche wieder zu: Zwischen 1957 und 1972 kam es hier zu elf Pocken-Epidemien, bei denen 10 Menschen starben. In allen Fällen war die Seuche von außen eingeschleppt worden. 1967 entschloss sich die Weltgesundheits-Organisation zu einem großangelegten Angriff auf das Virus: In den nächsten zehn Jahren wurden weltweit viereinhalb Milliarden Menschen geimpft. Mit Erfolg: 1972 trat in Deutschland der letzte Pockenfall auf, 1977 wurde in Somalia der letzte Pocken-Fall dokumentiert. 1980 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Eine der schlimmsten Infektionskrankheiten ist besiegt.
Jakob Kneser
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