Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 10. Juni 2008
Der Kampf gegen die Masern
Masern gelten für viele immer noch als Kinderkrankheit. Doch das Virus steht auf der Liste der weltweiten Todesursachen ganz oben. Die WHO schätzt, dass im Jahr 2000 fast die Hälfte aller durch Impfung vermeidbaren Todesfälle auf das Konto der Masern gehen. Die Masern sind ein gutes Beispiel, um zu zeigen, welchen Einfluss Impfen auf Epidemien haben kann. Die Infektionskrankheit Masern kommt überall auf der Welt vor. Sie ist nicht abhängig von klimatischen oder hygienischen Besonderheiten. Auch existiert seit 1973 ein Impfstoff. Doch der wird nicht überall gleich häufig eingesetzt. Deshalb warnte die Panamerikanische Gesundheitsbehörde Fußballfans im Jahr 2006 vor einer Einreise nach Deutschland. Auch, weil sie befürchtete, dass durch Menschen, die infiziert zurückkehren, die Masern wieder eingeschleppt werden.
Um zu verstehen, warum sich gerade die amerikanischen Staaten Sorgen machen, muss man wissen, dass die Masern dort praktisch ausgerottet sind. Erkrankten dort bis Anfang der 1990er Jahre noch jährlich über 100.000 Menschen an den Masern, so waren es 1996 erstmals weniger als 1000 Fälle, die zwischen Alaska und Feuerland gemeldet wurden. Seit 2003 gibt es im Schnitt gerade mal 100 Maserninfektionen. Die wenigen Kranken, die gezählt werden, sind meist Reisende oder Touristen. Die Länder Amerikas sind deswegen so erfolgreich im Kampf gegen die Masern, weil die Bevölkerung dort fast vollständig geimpft ist. In Brasilien werben Fußballstars für die Impfung.
In den USA heißt es „No shot – no school“: Wer nicht geimpft ist, darf auch nicht in die Schule. Ungeimpfte Kinder, die an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen wollen werden sofort nachgeimpft.
Das Westafrikanische Ghana verkündet stolz, dass mittlerweile über achtzig Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft sind. Sicher ein Erfolg. Doch zum Ausrotten der Masern ist das noch nicht genug. Im Schnitt kommen in Ghana jährlich auf zehn Millionen Menschen über 2000 Masernfälle. Damit steht Ghana für einen afrikanischen Staat noch gut da. Nigeria zum Beispiel hatte in den letzten sechs Jahren bezogen auf die Bevölkerung mehr als zehn Mal so viele Masernkranke wie Ghana. Doch insgesamt gehen auch in Afrika die Masernfälle zurück. Noch schwanken die Infektionszahlen zwischen einhundert- und fünfhunderttausend pro Jahr. Das liegt nicht zuletzt an der teilweise schlechten medizinischen Versorgung Afrikas.
Japan ist eines der reichsten und modernsten Länder der Welt. Nicht jedoch, was die Zahl der Masernfälle angeht: Fast eintausend Masernkranke auf zehn Millionen Menschen sind es im Mittel. Diese hohe Zahl ist verwunderlich, denn in Japan gibt es ein Impfgesetz, das zwar nicht zur Impfung verpflichtet, aber dafür sorgt, dass über 95 Prozent der Gemeinden die Kosten der Masernimpfung übernehmen. Andere dicht besiedelte asiatische Länder stehen besser da: In China oder Indien erkranken bezogen auf die Bevölkerung nur etwa halb so viele Menschen an Masern.
Ausgerechnet den Gastgeber Deutschland plagte im WM-Jahr eine Masernepidemie. Solche Epidemien mit mehr als 1000 Infizierten sind immer noch nicht außergewöhnlich. Zwar bekommen fast alle Kinder die erste Masernimpfung. Jedoch wird gerade die zweite Impfung gerne vergessen, nur 70 bis 80 Prozent der Kinder erhalten sie. Dabei ist erst mit der zweiten Spritze sicher gestellt, dass auch ein hundertprozentiger Infektionsschutz besteht. Ein Grund für die Nachlässigkeit liegt vermutlich darin, dass die Eltern die Masern nicht ernst nehmen. Viele haben sie als „harmlose“ Kinderkrankheit kennen gelernt und halten eine Infektion für selbstverständlich und unproblematisch. Die deutsche Impfmüdigkeit ist schwer verständlich. Denn Masern können tödlich enden. 2006 starb ein Kind aus Duisburg daran.
Die niederländischen Nachbarn zeigen, dass man es besser machen kann. Zwar hatten auch sie 1999/2000 eine schwere Masernepidemie mit mehr als 3000 Infizierten. Es gab sogar drei Todesopfer. Doch treten solche Epidemien nur alle sechs bis sieben Jahre auf. Danach gab es kaum Masernfälle. Ein Grund für die Epidemie 1999/2000 war, dass etwa zwei Prozent der niederländischen Bevölkerung Impfen aus religiösen oder philosophischen Gründen ablehnt. Die Ungeimpften waren besonders betroffen, denn 95 Prozent der Erkrankten wurde noch nie geimpft. Im Gegensatz zu dieser Bevölkerungsgruppe sind die restlichen Holländer aber sehr gut geimpft. Fast alle Kinder bekommen die erste Maserimpfung, und auch die zweite erhalten immerhin noch knapp 95 Prozent.
Die Niederländer erreichen diese hohe Impfbeteiligung dadurch, dass die Gesundheitsbehörde das Impfverhalten kontrolliert. Wird zum Beispiel eine Impfung versäumt, flattert eine Erinnerung ins Haus. Hilft das nicht, kommt bei besonders impffaulen Eltern eine Krankenschwester vorbei, die versucht sie vom Sinn der Impfung zu überzeugen. Der Erfolg gibt den Oranjes Recht. Sie haben seit dem Jahr 2000 ähnlich niedrige Infektionszahlen, wie die USA und die anderen amerikanischen Staaten.
Hilmar Liebsch
Seite teilen