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Sendung vom 10. Juni 2008
Impfen gegen Krebs
Gebärmutterhalskrebs gilt weltweit als die zweithäufigste Krebs-Todesursache bei jungen Frauen. Auslöser sind in den meisten Fällen Viren, die Haut und Schleimhäute befallen und normalerweise harmlos sind: Sie führen zu Warzen, den lästigen, aber gutartigen kleinen Hauttumoren. Doch in der Genitalgegend sind sie nicht ganz so harmlos, und sofern eine bestimmte Variante dieser Viren durch Geschlechtsverkehr an den Gebärmutterhals gerät, kann sie Krebs auslösen. Diese sogenannten humanen Papillomaviren (HPV) gelten als Hauptauslöser für Gebärmutterhalskrebs. Infektionen sind weit verbreitet, etwa 70 Prozent aller Frauen kommen im Verlauf ihres Lebens mit diesen Erregern in Kontakt. In fast allen Fällen heilen sie aber unauffällig wieder aus. Doch bei einer kleinen Minderheit von Frauen schafft es das Virus, die Immunabwehr zu überwinden. Diese Frauen können – oft erst Jahrzehnte später – Gebärmutterhalskrebs bekommen. In Deutschland erkranken bisher jedes Jahr etwa 6.500 Frauen neu an diesem gefährlichen Krebs. Fast 1.700 sterben daran.
Es gibt etwa 150 verschiedene Typen von Warzen-Viren (HPV), rund
30 von ihnen treten im Genitalbereich auf und befallen dort die
Schleimhautzellen. Sie werden beim Geschlechtsverkehr
übertragen. Nicht immer müssen die
Zellveränderungen, die die Viren auslösen, zu Krebs
führen. Manchmal kommt es nur zu Genital-Warzen. Doch mehr als
10 verschiedene Arten von HPV gelten als gefährlich. Sie
können Krebs auslösen und werden Hochrisiko-Typen
genannt. Zwei davon sind vermutlich für 70 Prozent aller
Gebärmutterhalskrebs-Fälle verantwortlich: die Typen 16
und 18. Seit Herbst 2006 steht nun der erste Impfstoff gegen diese
beiden HPV-Typen zur Verfügung. Es handelt sich um einen
biotechnologisch hergestellten Impfstoff, der abgetötete Viren
enthält und so das Immunsystem stimuliert – ein
sogenannter
Totimpfstoff. Er enthält
virusähnliche Partikel, die den natürlichen Viren sehr
ähnlich, jedoch nicht infektiös und nicht
vermehrungsfähig sind. Äußerlich sehen sie genauso
aus wie die Viren, enthalten aber nicht deren gefährliche
Erbinformationen.
Seit März 2007 empfiehlt die
Ständige Impfkommission STIKO die
Impfung gegen Papilloma-Viren für alle Mädchen von 12 bis
17 Jahren. Am besten sollte vor dem ersten Geschlechtsverkehr
geimpft werden, bevor also der erste Kontakt mit HPV stattgefunden
haben kann. Dreimal innerhalb eines halben Jahres gibt es dann eine
Spritze in den Oberarm. Die Impfung ist mit insgesamt 450 Euro eine
der teuersten Impfungen, doch die Krankenkasse übernimmt die
Kosten bei Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Bisher steht
fest: Der Schutz hält fünf Jahre. Ob und wann eine
weitere Impfung notwendig ist, wissen die Forscher noch nicht.
Wichtig ist, dass die jungen Frauen auch, wenn sie geimpft sind,
jährlich an den kostenlosen
Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen teilnehmen. Denn der
Wirkstoff schützt nur vor zwei der vielen HPV-Typen, die
Gebärmutterhalskrebs auslösen. Und: Die Spritze hilft
nicht bei schon bestehenden HPV-Infektionen. Die Vorsorge bleibt
daher weiter unentbehrlich.
Erkannt wird eine HPV-Infektion meist mittels Zellabstrich, der zum Früherkennungsprogramm beim Frauenarzt gehört – ein Angebot, das derzeit in Deutschland nur die Hälfte der Frauen ab 20 Jahre wahrnimmt. Der so genannte Pap-Abstrich ist nach dem griechischen Arzt George Papanicolaou benannt. Hierbei entnimmt die Gynäkologin von der Scheide aus Zellproben vom Muttermund und aus dem Gebärmutterhalskanal. Sie werden später angefärbt und unter dem Mikroskop auf Veränderungen untersucht. Auffällige Befunde nach einem Pap-Test bedeuten jedoch nicht immer, dass eine Krebs-Vorstufe vorliegt. Der Pap-Test kann nur veränderte Zellen nachweisen – im Gegensatz zum HPV-Test, einem genetischen Test. In Deutschland wird er zur Nachuntersuchung von Patientinnen mit unklaren Abstrichergebnissen eingesetzt. Der HPV-Test kann das Vorhandensein der Papillomaviren-DNA in den Zellabstrichen konkret belegen und damit die ursächlichen Viren identifizieren. Bei kaum einer anderen Krebsart hat die Früherkennung einen so hohen Stellenwert wie beim Gebärmutterhalskrebs: Die Heilungschancen liegen im Frühstadium bei fast 100 Prozent!
Im Sommer 2007 starb eine junge Frau aus Deutschland einen Tag nach der zweiten HPV-Impfung. Im Oktober desselben Jahres verstarb in Österreich eine Frau etwa drei Wochen nach einer solchen Impfung gegen HPV. Diese beiden Todesfälle führten zu einer Debatte um die Verträglichkeit des Impfstoffs. Das Paul-Ehrlich-Institut, das als Bundesamt für Sera und Impfstoffe in Deutschland für die Sicherheit und Zulassung von Impfstoffen verantwortlich ist, konnte jedoch nach bisherigen Untersuchungen die genauen Ursachen der beiden Todesfälle nicht klären. Anhaltspunkte für einen Zusammenhang der tragischen Todesfälle mit den vorausgegangenen Impfungen fanden sich nicht. Daher ist die HPV-Impfung nach wie vor Bestandteil des STIKO-Standardimpfkalenders für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Die Impfung ist weltweit in 80 Ländern zugelassen und angewendet, u. a. in den USA und den meisten EU-Ländern.
Carsten Binsack
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