Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 15. Juli 2008
Profis gesucht!
Wenn von Bienen die Rede ist, meint man umgangssprachlich meist nur eine bestimmte Art: die westliche Honigbiene, Apis mellifera – sprichwörtlich fleißig, nützlich, niedlich und systematisch von Imkern gezüchtet. Doch in Wirklichkeit sind allein in Deutschland über 550 verschiedene Bienenarten bekannt. Weltweit schätzt man die Zahl der Bienenarten auf über 20.000. Bienen machen damit einen großen Teil der Insekten aus, die Pflanzen bestäuben. Die Honigbiene wiederum hat ihren großen Bekanntheitsgrad erreicht, weil sie wegen ihrer Nützlichkeit und ihrer begehrten Produkte wie Honig oder Wachs schon seit Jahrtausenden gehalten wird.
Bienen leben von Pollen und Nektar und fliegen auf der Suche danach Blüte nach Blüte an. Die Bestäubung vollzieht sich dabei eher zufällig: Denn der Pollen, den die Bienen für ihren eigenen Bedarf sammeln ist meist durch Nektar oder den Speichel der Biene verklebt und kann eine Blüte nicht mehr befruchten. Was aber zählt, ist der Pollen, der am Körper der Bienen mitreist. Der mikrofeine Staub verfängt sich zum Beispiel in den feinen Härchen, mit denen der Körper der Bienen bedeckt ist, oder bleibt einfach an Bauch oder Hinterleibt kleben. So kann er auf der Reise von Blüte zu Blüte gelangen.
Viele Insekten bestäuben auf diese Weise Blüten, neben Bienen und Hummeln auch Schmetterlinge und Käfer. Bisher sind die Honigbienen am leistungsfähigsten und werden in der Landwirtschaft gezielt eingesetzt. Doch um nicht nur auf eine Art angewiesen zu sein, suchen Forscher nach einer häufig vorkommenden Insektenart, die zumindest einen Teil der Bestäubungsaufgabe übernehmen könnte. In Deutschland sind das die Erdhummel und die Rostrote Mauerbiene.
Man weiß nicht genau, wie viel Pollen Bienen bei ihren Flügen transportieren, aber die Größe des Insekts und seine Körperoberfläche sind sicher wichtig. Und im Vergleich zur pelzigen Erdhummel ist eine Honigbiene trotz Behaarung noch relativ glatt. Deshalb kann man davon ausgehen, dass an einer Hummel mehr Pollen hängen bleibt als an einer Honigbiene. Auch die Rostrote Mauerbiene ist rundum dicht behaart und sammelt dazu mit ihrem Haarkleid am Bauch. Deshalb ist die Honigbiene in Sachen Pollentransport eher unterlegen.
Die Flugweite sagt zwar nichts über die Bestäubungsleistung aus. Aber ein Insekt, das weit fliegen kann, kann grundsätzlich mehr Blüten erreichen. Die Honigbiene überrundet dabei mit maximalen Reichweiten von acht Kilometern die anderen Bienen um Längen. Die Erdhummel kommt lediglich auf einen Kilometer. Die Rostrote Mauerbiene schafft gerade mal einige hundert Meter. Allerdings sind große Reichweiten nur in Extremsituationen sinnvoll. Denn für den weiten Flug geht auch viel Energie drauf, wodurch das Sammeln nicht sehr effektiv ist.
Nicht die Reichweite zählt, sondern auch die Effizienz: Je mehr Blüten das Insekt anfliegt. umso wahrscheinlicher ist es, dass auch viele Blüten bestäubt werden. Die Honigbiene kommt pro Tag wahrscheinlich auf etwa zweihundert Blüten, wenn die Umgebung günstig ist. Die Hummel dagegen schafft locker über fünfhundert Blüten pro Tag. Dafür ist sie allerdings auch länger unterwegs. Die Rostrote Mauerbiene schafft ebenfalls mehre hundert Blüten pro Tag. Hummel und Mauerbiene sind der Honigbiene also in diesem Punkt überlegen.
Ein großes Volk stellt mehr einzelne Bestäuber zur Verfügung als ein kleines oder gar ein einzelgängerisches Tier, das solitär lebt, wie die Biologen sagen. Die Mehrheit der Bienen lebt übrigens als Einzelgänger und bildet keine Staaten. Hier trumpft die Honigbiene mit ihren gigantischen Völkern voll auf: 50.000 und mehr Honigbienen können im Sommer in einem Volk leben. Etwa ein Drittel davon fliegt aus. Ein Hummelvolk zählt gerade mal 300 Exemplare, und die Rostrote Mauerbiene ist eine Einzelgängerin. Kein Wunder also, dass die Honigbiene trotz eigentlich mittelmäßiger Eigenschaften als Bestäuber Nummer 1 dasteht: Masse statt Klasse! Tausende von mäßigen Arbeiterinnen bringen mehr als wenige gute.
Die Honigbiene ist für die Bauern immer noch Bestäuber Nummer Eins. Auch wenn es sicher Bienenarten gibt, die ihr im Einzelnen weit überlegen sind, die riesigen Staaten der Apis mellifera gleichen das wieder aus. So hängt der Erfolg einer Bienenart als professioneller Bestäuber in der Landwirtschaft davon ab, in welchen Mengen sie verbreitet werden kann. Bei Erdhummeln klappt das schon ganz gut. Sie leisten zum Beispiel in Gewächshäusern bei der Befruchtung von Erdbeeren, Tomaten und Paprika sehr gute Arbeit. Im Plantagenanbau absolvieren sie zurzeit Testeinsätze.
Auch die Rostrote Mauerbiene wird in Obstplantagen schon zur Probe eingesetzt. In so genannten Bienenhotels soll die Einzelgängerin dann zu Hunderten angesiedelt werden, damit auch hier die notwendige Masse erreicht wird.
Hilmar Liebsch
Stand: 15.07.2007
Seite teilen