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Quarks & Co
Sendung vom 29. Juli 2008
Tod mit 100 Sachen
An hohe Geschwindigkeiten mit dem Auto ist man längst
gewöhnt. 100, 150 oder 180 km/h zu fahren ist für viele
kein Problem. Aber ist die Sicherheit im Auto in demselben Tempo
gewachsen? Seit 1996 werden Autos in Europa mit einem einheitlichen
Verfahren, dem so genannten
Euro-NCAP getestet und bewertet. Für die
sichersten Autos gibt es bis zu fünf Sterne. Viele Hersteller
erreichen inzwischen diese Sicherheitsbewertung. Doch die
höchste Geschwindigkeit, die bei den Euro-NCAP-Tests gefahren
wird, beträgt 64 km/h. Quarks & Co wollte
wissen, was passiert, wenn man schneller fährt - Crashtest bei
Tempo 100.
Die erste Überraschung erleben wir beim Planen des Tests: Wir erfahren, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Auto mit 100 km/h gegen eine Wand fährt oder ob zwei Wagen mit jeweils 100 km/h frontal aufeinander prallen. Im letzteren Fall verdoppeln sich nicht, wie man vermuten könnte, die Kräfte. Ein Unfall in der Stadt, bei dem beide Autos mit Tempo 50 fahren, entspricht daher einem Crash mit 50 km/h gegen eine Wand. Wie schlimm der Zusammenstoß ausgeht, hängt aber auch von der Art des Hindernisses ab: Ein entgegenkommendes Auto hat eine Knautschzone, eine Betonwand nicht. Danach gehen wir beim Aufbau unseres Tests, denn wir möchten den frontalen Aufprall zweier Fahrzeuge simulieren. Das entspricht einer realen Situation, etwa beim Überholen auf der Landstraße. Also montieren wir für unseren Crashtest eine verformbare Barriere aus Aluminium vor die Wand. Wie beim Euro-NCAP-Test soll das Auto diese Barriere mit 40 Prozent seiner Vorderseite treffen. Auch die Haltung des Dummys und die Position der Kameras sind genau festgelegt. Wir filmen mit speziellen Hochgeschwindigkeitskameras, um alle Details in extremer Zeitlupe auffangen zu können. Dann geht es los: Mit einer Seilzuganlage wird der Wagen in wenigen Sekunden von 0 auf 100 Km/h beschleunigt.
Nach einer Sekunde ist der Crash vorbei - die eigentliche Kollision dauert sogar nur 0,13 Sekunden. Im Fahrzeug wird dabei kurzzeitig die 60fache Erdbeschleunigung gemessen. Vereinfacht entspricht das einer Belastung mit dem 60fachen des eigenen Gewichts.
Dann kommt die zweite Überraschung: Das Auto sieht auf den
ersten Blick weniger beschädigt aus als erwartet. Es fehlt
zwar fast die komplette Vorderseite, das linke Vorderrad ist bis in
den Innenraum eingedrückt und die Tür sowie die so
genannte
A-Säule sind stark belastet. Doch die
Fahrgastzelle, der sichere Innenraum für den Fahrer, ist nur
teilweise beschädigt. So sind Armaturen nach innen
gedrückt worden und der Sitz ist nach vorne gerutscht, aber
die Fahrgastzelle ist nicht kollabiert. Die Fahrertür
lässt sich sogar noch per Hand öffnen – wenn auch
mit ein wenig Kraftaufwand.
Doch was wäre mit dem Fahrer passiert? Welchen Belastungen wäre er ausgesetzt gewesen? Wir lassen den Crash von dem Schweizer Biomechanikexperten Felix Walz analysieren. Er kommt zu einem erschütternden Ergebnis: "Wenn schon das Fahrzeug mit der 60fachen Erdbeschleunigung abgebremst wird, dann weiß man aus Erfahrung, dass auf den Insassen mindestens das Doppelte wirkt, oder noch mehr. Dass heißt, auf den Fahrer wirkt das 120 bis 200fache seines eigenen Gewichtes. Man muss dann gar nicht mehr groß diskutieren, was im Detail passiert. Es ist ganz klar, dass hier schwerste Verletzungen aufgetreten wären, die im Prinzip nicht überlebbar sind."
Die Bilder der Hochgeschwindigkeitskamera zeigen deutlich was passiert: Der Kopf des Dummys federt nicht sanft vom Airbag zurück, sondern durchschlägt ihn und prallt auf das Lenkrad auf. Das Gehirn eines menschlichen Fahrers würde extrem beschleunigt und mehrfach gegen die Innenseite des Schädels geschleudert. Schwerste Hirnverletzungen wären die Folge. Gleich danach prallt der Oberkörper des Dummys hart gegen die Unterseite des Lenkrades. Vermutlich wären beim Fahrer mehrere Rippen gebrochen und die Lunge gequetscht. Außerdem hat der Sicherheitsgurt bei dieser Geschwindigkeit nicht mehr optimal funktioniert: Der Dummy ist unter dem Gurt nach vorne gerutscht und hart mit den Knien angestoßen. Oberschenkelbrüche, beidseitige Beckenfraktur und innere Verletzungen an Leber, Milz und Niere sind zu erwarten. Ein menschlicher Fahrer hätte diesen Crash wahrscheinlich nicht überlebt.
Warum ist dieser Crashtest mit Tempo 100 so viel schlechter
ausgefallen als der übliche Test bei Tempo 64 - können 36
Stundenkilometer so viel ausmachen? Sie können. Der Grund: Die
Wucht des Aufpralls wächst quadratisch mit der
Geschwindigkeit. Wenn das Auto doppelt so schnell fährt, muss
es bei dem Crash viermal so viel Energie abbauen. Im direkten
Vergleich zwischen dem
Euro-NCAP-Test mit 64 km/h und dem
Quarks-Test mit 100 km/h war die Belastung daher mehr als doppelt
so groß. Auch moderne Autos mit fünf Sternen im
Sicherheitstest sind dafür nicht gebaut.
Die Auswertung von realen Unfällen bestätigt den Versuch von Quarks & Co. Nach einer Statistik von Unfallforschern der Medizinischen Hochschule Hannover hat man ab Tempo 70 bei einem Frontalzusammenstoß mit einer Mauer oder einem entgegenkommenden Auto keine Chance, unverletzt zu bleiben. Und ab Tempo 100 ist die Wahrscheinlichkeit zu überleben äußerst gering. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob das Auto mit Airbags, Seitenaufprallschutz und Gurtkraftbegrenzern ausgestattet ist.
Trotzdem sind moderne Autos stabiler und sicherer als ältere Modelle. Theoretisch ließe sich der Innenraum sogar noch stabiler bauen, und die Überlebenschancen bei einem Hochgeschwindigkeitscrash könnten damit steigen. Doch im Alltag ist das nicht zu raten. Denn was bei hoher Geschwindigkeit den Schutz erhöht, führt bei niedrigerem Tempo zu mehr und zu schwereren Verletzungen. Und zum Glück sind Unfälle mit Geschwindigkeiten um die 100 km/h im realen Verkehrsgeschehen relativ selten. Sie machen weniger als ein Prozent in der Unfallstatistik aus. In dieser Situation entscheiden sich die Experten für ein weicheres Fahrzeug und damit für weniger schwere Folgen bei der Mehrzahl der Unfälle. Eine technische Lösung für das Dilemma ist nicht in Sicht - größere Sicherheit gibt es nur, wenn man die Kollisionsgeschwindigkeit verringert. Im Klartext: Lieber mal rechtzeitig den Fuß vom Gas nehmen! Dann steigen die Überlebenschancen beachtlich.
Abkürzung für European New
Car Assessment
Program. Zusammenschluss von fünf Europäischen
Ländern und Automobilclubs. Seit 1997 werden die Autos nach einem
einheitlich Verfahren auf ihre Sicherheit für die Insassen
getestet. Maximal fünf Sterne können die Fahrzeuge erreichen. Vier
verschiedene Crashtest werden dafür gemacht.
Ulrich Grünewald
Stand: 06.03.2007
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