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Sendung vom 02. September 2008
Kyrill - Protokoll eines Orkans
Das Jahr 2007 begann relativ mild. Doch am Freitag, den 12. Januar, warnten Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes vor einem Unwetter, das sich in den nächsten Tagen zusammenbrauen könnte. Vier Tage später erfolgte tatsächlich die meteorologische Initialzündung, einige Tausend Kilometer weiter im Westen: Über dem Nordatlantik vor Neufundland trafen am Dienstag, den 16. Januar, warme Luftmassen aus dem Golf von Mexiko auf kalte Luftmassen aus dem Norden. Sie bildeten einen Wirbel: Das Tiefdruckgebiet Kyrill war geboren.
Der Wirbel zieht Richtung Europa
Einen Tag nach seiner Geburt zieht Kyrill auf Europa zu. Alle
meteorologischen Faktoren - Luftdruck, Temperatur und Windrichtung
- begünstigen ein schnelles Wachstum. Auch die
Wassertemperatur ist 1,8 Grad wärmer als im Durchschnitt.
Dadurch gewinnt das Tiefruckgebiet viel Energie - Kyrill wird es in
sich haben. Meteorologen erwarten den Orkan für den
nächsten Abend. Ihr Rat: Zuhause bleiben, Autos in die Garage
- und alles befestigen, nicht niet und nagelfest ist.
Die Ruhe vor dem Sturm
Noch ist es in Deutschland relativ ruhig und warm - typisch
für Tiefdruckgebiete: Erst kommt eine Warmfront, dahinter
strömt milde Luft aus dem Süden ein. Wegen der
trügerischen Ruhe nehmen viele Menschen die Unwetterwarnungen
noch nicht ernst. Der Katastrophenschutz, alarmiert vom deutschen
Wetterdienst, sorgt jedoch bereits vor, man verstärkt das
Personal in den Leitzentralen.
Erste Anzeichen
Inzwischen ist es in einigen Teilen des Landes schon ziemlich windig. In Nordrhein-Westfalen wird den Schuldirektoren freigestellt, ob sie die Schulen schließen wollen. Viele Schüler bekommen frei, damit sie rechtzeitig nach Hause kommen.
Bei der Bahn machen sich die ersten Folgen bemerkbar: Züge müssen langsamer fahren. Dadurch sind sie weniger windempfindlich und die Lokführer können schneller reagieren.
Die Kaltfront kommt
Die Gefahr kommt mit der Kaltfront des Tiefdruckgebietes. Von
Westen nach Osten zieht sie jetzt über Deutschland. Die
Temperaturen fallen um einige Grad. Der Wind dreht sich. Es
bläst immer heftiger. Dazu kommt starker Regen. Bereits am
späten Nachmittag ist die gesamte Feuerwehr in
Nordrhein-Westfalen im Einsatz.
Kein Zug fährt mehr, Helfer sitzen
fest
In weiten Teilen Nordrhein-Westfalens tobt der Wind besonders
heftig. Bäume fallen um und zerquetschen Autos. Mindestens
zwei Menschen werden so erschlagen. Auffahrunfälle häufen
sich, wo Bäume die Strasse versperren. In etlichen Gemeinden
fällt der Strom aus. Auch Großstädte wie Wuppertal
sind betroffen. Bäume auf Gleisen und Oberleitungen
stören den Bahnverkehr. Eine Zeit lang können die
Züge noch umgeleitet werden. Doch irgendwann sind auch die
Ausweichstrecken versperrt: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte
stellt die Bahn den Betrieb vollständig ein – kein Zug
fährt mehr.
Auch die Rettungskräfte kommen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten - ihre Einsätze sind oft lebensgefährlich. Bei Olpe sitzen drei Feuerwehrmänner für vier Stunden fest, als sie versuchen, einen Linienbus von gefallenen Bäumen frei zu schneiden. Um sie herum fallen weitere Bäume, denen sie ausweichen müssen. Erst gegen 23:00 Uhr hat sich der Wind beruhigt, so dass Kameraden es wagen, die Straße zu räumen und die drei Festgesetzten zu befreien.
Die Schadensbilanz
Die Verwüstungen durch Kyrill zeigten sich am nächsten
Tag: Der Orkan war zwar nicht so heftig wie andere in den Jahren
zuvor, dafür erfasste er jedoch fast ganz Deutschland und
zusätzlich noch andere Länder in Europa. Rund 25
Millionen Bäume fielen dadurch allein in Nordrhein-Westfalen
um, das entspricht der Holzernte von drei Jahren. Kyrill knickte
außerdem über 500 Strommasten um und beschädigte
mehr als 1,7 Millionen Häuser. Viele Reisende saßen in
Zügen fest und es dauerte Tage, bis die Züge wieder
überall nach Fahrplan fuhren. Die Bundesregierung schätzt
den volkswirtschaftlichen Schaden auf 4,6 Milliarden Euro. Allein
in Deutschland starben mindestens zehn Menschen durch den Sturm, in
Europa insgesamt über dreißig. Noch Schlimmeres konnte
nur verhindert werden, weil – anders als 1999 bei Wintersturm
Lothar - die Unwetterwarnung sehr gut funktionierte.
Michael Fuhs