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Kyrill - Protokoll eines Orkans

Der Tag, als Deutschland still stand

  • SendeterminDienstag, 02. September 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 06. September 2008, 10.15 - 11.00 Uhr (Wdh.).
Foto: Kleiner Eisberg vor Grönland; Rechte: mauritius images /
imagebroker.net
Über dem Nordatlantik trafen am 16. Januar 2007 kalte und warme Luftmassen aufeinander

Das Jahr 2007 begann relativ mild. Doch am Freitag, den 12. Januar, warnten Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes vor einem Unwetter, das sich in den nächsten Tagen zusammenbrauen könnte. Vier Tage später erfolgte tatsächlich die meteorologische Initialzündung, einige Tausend Kilometer weiter im Westen: Über dem Nordatlantik vor Neufundland trafen am Dienstag, den 16. Januar, warme Luftmassen aus dem Golf von Mexiko auf kalte Luftmassen aus dem Norden. Sie bildeten einen Wirbel: Das Tiefdruckgebiet Kyrill war geboren.

Mittwoch, 17. Januar

Foto: Satellitenbild, auf dem ein Wolkenwirbel westlich von Europa
zu erkennen ist; Rechte: Deutscher Wetterdienst
Kyrill im Anzug auf Europa: Satellitenbild vom 17. Januar 2007

Der Wirbel zieht Richtung Europa
Einen Tag nach seiner Geburt zieht Kyrill auf Europa zu. Alle meteorologischen Faktoren - Luftdruck, Temperatur und Windrichtung - begünstigen ein schnelles Wachstum. Auch die Wassertemperatur ist 1,8 Grad wärmer als im Durchschnitt. Dadurch gewinnt das Tiefruckgebiet viel Energie - Kyrill wird es in sich haben. Meteorologen erwarten den Orkan für den nächsten Abend. Ihr Rat: Zuhause bleiben, Autos in die Garage - und alles befestigen, nicht niet und nagelfest ist.

Donnerstag, 18. Januar, 9:00 Uhr

Foto: Beine und Füße von Passanten; Rechte: dpa
Viele Menschen wollten den Warnungen am Vormittag des 18. Januar kaum glauben

Die Ruhe vor dem Sturm
Noch ist es in Deutschland relativ ruhig und warm - typisch für Tiefdruckgebiete: Erst kommt eine Warmfront, dahinter strömt milde Luft aus dem Süden ein. Wegen der trügerischen Ruhe nehmen viele Menschen die Unwetterwarnungen noch nicht ernst. Der Katastrophenschutz, alarmiert vom deutschen Wetterdienst, sorgt jedoch bereits vor, man verstärkt das Personal in den Leitzentralen.

Donnerstag, 18. Januar, 11:30 Uhr

Simulation der Luftströmungen
Foto: Simulation der Luftströmungen während Kyrill;
Rechte: WDR

Erste Anzeichen

Inzwischen ist es in einigen Teilen des Landes schon ziemlich windig. In Nordrhein-Westfalen wird den Schuldirektoren freigestellt, ob sie die Schulen schließen wollen. Viele Schüler bekommen frei, damit sie rechtzeitig nach Hause kommen.

Bei der Bahn machen sich die ersten Folgen bemerkbar: Züge müssen langsamer fahren. Dadurch sind sie weniger windempfindlich und die Lokführer können schneller reagieren.

Donnerstag, 18. Januar, 16:00 Uhr

Foto: Umgestürzter LKW auf der Autobahn; Rechte: dpa
Besonders LKWs sind von Sturmböen gefährdet

Die Kaltfront kommt
Die Gefahr kommt mit der Kaltfront des Tiefdruckgebietes. Von Westen nach Osten zieht sie jetzt über Deutschland. Die Temperaturen fallen um einige Grad. Der Wind dreht sich. Es bläst immer heftiger. Dazu kommt starker Regen. Bereits am späten Nachmittag ist die gesamte Feuerwehr in Nordrhein-Westfalen im Einsatz.

Donnerstag, 18. Januar, 18:00 Uhr

Foto: von einem Baum zerquetschtes Auto; Rechte: dpa
Vom Sturm umgerissene Bäume zerquetschen Autos

Kein Zug fährt mehr, Helfer sitzen fest
In weiten Teilen Nordrhein-Westfalens tobt der Wind besonders heftig. Bäume fallen um und zerquetschen Autos. Mindestens zwei Menschen werden so erschlagen. Auffahrunfälle häufen sich, wo Bäume die Strasse versperren. In etlichen Gemeinden fällt der Strom aus. Auch Großstädte wie Wuppertal sind betroffen. Bäume auf Gleisen und Oberleitungen stören den Bahnverkehr. Eine Zeit lang können die Züge noch umgeleitet werden. Doch irgendwann sind auch die Ausweichstrecken versperrt: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte stellt die Bahn den Betrieb vollständig ein – kein Zug fährt mehr.

Foto: Feuerwehrmann Thomas Enders; Rechte: WDR
Hier saß Feuerwehrmann Thomas Enders aus Olpe vier Stunden zwischen fallenden Bäumen fest

Auch die Rettungskräfte kommen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten - ihre Einsätze sind oft lebensgefährlich. Bei Olpe sitzen drei Feuerwehrmänner für vier Stunden fest, als sie versuchen, einen Linienbus von gefallenen Bäumen frei zu schneiden. Um sie herum fallen weitere Bäume, denen sie ausweichen müssen. Erst gegen 23:00 Uhr hat sich der Wind beruhigt, so dass Kameraden es wagen, die Straße zu räumen und die drei Festgesetzten zu befreien.

Freitag, 19. Januar

Foto: Durch Kyrill zerstörter Wald ; Rechte: WDR
Durch Kyrill sind in Nordrhein-Westfalen rund 25 Millionen Bäume gefallen

Die Schadensbilanz
Die Verwüstungen durch Kyrill zeigten sich am nächsten Tag: Der Orkan war zwar nicht so heftig wie andere in den Jahren zuvor, dafür erfasste er jedoch fast ganz Deutschland und zusätzlich noch andere Länder in Europa. Rund 25 Millionen Bäume fielen dadurch allein in Nordrhein-Westfalen um, das entspricht der Holzernte von drei Jahren. Kyrill knickte außerdem über 500 Strommasten um und beschädigte mehr als 1,7 Millionen Häuser. Viele Reisende saßen in Zügen fest und es dauerte Tage, bis die Züge wieder überall nach Fahrplan fuhren. Die Bundesregierung schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden auf 4,6 Milliarden Euro. Allein in Deutschland starben mindestens zehn Menschen durch den Sturm, in Europa insgesamt über dreißig. Noch Schlimmeres konnte nur verhindert werden, weil – anders als 1999 bei Wintersturm Lothar - die Unwetterwarnung sehr gut funktionierte.

Autor:

Michael Fuhs


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